Pisa-Debakel Einfach keine Lust
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Es ist kurz vor Mittag, und Margarete Link kommt gerade von einem Termin aus der Duisburger Innenstadt zurück. Mit ihrem alten Ford Fiesta sucht sie jetzt schon seit Minuten einen Parkplatz vor der Hauptschule "Emil Rentmeister" im Stadtteil Hochfeld. Doch statt einer Lücke für ihr Auto erspäht die Sekretärin im Rückspiegel zwei Jungen, die gerade aus der Schule huschen. "Da machen sich mal wieder zwei aus dem Staub", sagt sie und zuckt hilflos mit den Schultern. Schule schwänzen ist hier, mitten im Ruhrgebiet, noch eines der kleineren Probleme. Viel schwerer belasten den stellvertretenden Schulleiter Rudolf Schick, 64, all jene Probleme, die Deutschland in der Pisa-Studie so weit nach unten gezogen haben: "Die Leistungen haben in den vergangenen Jahrzehnten nachgelassen", sagt Schick, einer der dienstältesten Pädagogen in Nordrhein-Westfalen. Armut führt zu häufigem Schulwechsel Seit 1972 arbeitet er an der Emil-Rentmeister-Schule und hat viele Schülergenerationen kommen und gehen sehen. "Die meisten Eltern schicken ihre Kinder lieber an weiterführende Schulen. Wir müssen mit denjenigen arbeiten, die übrig bleiben." Neben 25 Abgängern sind in den Unterlagen für das Jahr 2000 auch 50 Neuzugänge registriert. "Und das mitten im Schuljahr. Wie sollen wir die integrieren, ohne dass die Leistung darunter leidet?", stöhnt Schick. Schuld am permanenten Schülerwechsel ist auch die Armut vieler Eltern, die auf der Suche nach einer billigeren Wohnung häufig umziehen müssen oder schon mal vom Vermieter hinausgeworfen werden. Ein gewaltiges Problem ist zudem der hohe Ausländeranteil im Ruhrgebiet. "Als ich hier angefangen habe", erinnert sich Schick, "war unter 43 Kindern in einer Klasse gerade ein Ausländer. Heute liegt dieser Anteil bei über 70 Prozent." Damit nimmt die Hauptschule in Duisburg-Hochfeld einen Spitzenplatz in Deutschland ein. Die Jungen und Mädchen kommen vor allem aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Ständiger Kampf gegen die Trägheit Da die meisten von ihnen erhebliche Schwächen in der deutschen Sprache haben, können sie dem Unterrichtsstoff kaum folgen. Und so drücken sie auch das Niveau der ganzen Klasse, weshalb die Eltern flotterer Kinder ihren Nachwuchs oft lieber auf andere Schulen schicken. Und: Viele Schüler haben einfach keine Lust. Sie kommen müde in den Unterricht, schlafen ein oder beschäftigen sich mit anderen Dingen. "Schule ist für die meisten eine lästige Nebensache", glaubt Chemielehrer Bernd Trockel, 58. Was zählt, sei der Fernsehapparat, der Computer, eventuell noch ein wenig Sport. Zeitungen oder gar Bücher lesen die wenigsten. "Wozu auch?", fragt sich etwa Mike, 16, aus der 9a. Er spielt lieber Tischtennis, möchte den Englischunterricht eher heute als morgen abschaffen und findet die Schule überhaupt "ziemlich sinnlos". Beim Kampf gegen die Trägheit sind Schick und seine im Schnitt über 50 Jahre alten Kollegen fast immer allein. Die meisten Eltern in der Problemgegend können ihren Kindern einfach nicht helfen. Sie haben eigene Sorgen, sind arbeitslos, zum Teil gar Analphabeten. "Unter solchen Voraussetzungen ist es schwierig, Wissen zu vermitteln", klagt Trockel. All das zehrt an der Substanz der Lehrer. Vor kurzem hat ein junger Physiker, der Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern geben sollte, entnervt aufgegeben. Wieder einer. Schick weiß, dass es so nicht weitergehen kann. "Es muss sich grundsätzlich etwas ändern, ansonsten wachsen uns die Probleme über den Kopf." Deshalb fordert er, dass die Jungen und Mädchen einfach mehr in die Pflicht genommen werden. Dazu gehören laut Schick auch "aus der Mode geratene Tugenden wie Disziplin und Drill". Denn gerade die leistungsschwachen Kinder, glaubt der Pädagoge, "müssen üben, üben und nochmals üben. Bis sie es endlich können". LARS GEIPEL Bei UniSPIEGEL ONLINE: Alle Beiträge zur Pisa-Studie und zu weiteren Schulthemen