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Verbrechen
Kurzes Erwachen
Mit US-Programmen trainiert ein bayerisches Expertenteam Lehrer und Schüler. Sie sollen potenzielle Attentäter erkennen.
Der Meißener Gymnasiast Andreas S.kündigte seiner Clique mehrfach an, eine Lehrerin töten zuwollen. Niemand nahm ihn ernst. Am 9. November 1999, demTag seiner letzten Morddrohung, erstach der Schüler diePädagogin vor der Klasse - exakt wie geplant.Auch der vom Gymnasium verwiesene Robert Steinhäusersignalisierte seinen psychischen Druck - im Sportverein, inder Schule, zu Hause, überall ein bisschen. Doch keinerkonnte das Puzzle deuten. Beim Massaker im ErfurterGutenberg-Gymnasium im April starben 13 Lehrer, 2 Schüler,1 Polizist und der Mordschütze selbst.Der Waiblinger Teenager Marcel K. prahlte gegenüberMitschülern immer wieder, er werde noch "ein großes Dingdrehen". Es wurde als vages Geschwafel eines Spinnersabgetan - bis Marcel K. am vorvergangenen Freitag vierSchüler als Geiseln nahm und eine Million Euro Lösegeldforderte. Nach mehr als sechs Stunden ging einer dergrößten Polizeieinsätze der deutschen Schulgeschichteunblutig zu Ende."Gewaltsame Situationen dieser Art sind nie auszuschließenoder vorherzusehen", bekundete der WaiblingerSchulamtsdirektor Robert Günthör nach der Geiselnahme in der Friedensschule. Geradeso, als träfen die Terrorakte einzelner Jugendlicher ihreKlassen und Lehrer tatsächlich immer aus heiterstemSchulhimmel.
Die Geiselnahme in Waiblingen - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.
Es gebe "eine reale Chance, Bluttaten zu verhindern",glaubt dagegen der bayerische Schulpsychologe Hans-JoachimRöthlein. Um künftig Warnzeichen deuten zu können, müsstennicht nur die Lehrer, sondern vor allem die Kinder undJugendlichen "ganz stark sensibilisiert" werden. DieJugendlichen wüssten voneinander viel mehr, als ein Lehrerje erfahren könne, sagt Röthleins Kollege Bernhard Meißner.Doch sie hätten "oft erkennbar Skrupel, ihre Mitschüleranzuschwärzen"."Keiner darf den Mund halten", fordert Röthlein, "wenn eretwas Auffälliges mitbekommt, die Schweigemauer mussverschwinden."
Dass dies lebenswichtig sein kann, lässt sich mit einemBeispiel aus dem realen deutschen Schulalltag belegen. Andem Tag, an dem sich Marcel K. in Waiblingen mit seinenGeiseln im Computerraum verschanzte, wurde in Bayern eineweitere mögliche Kurzschlusshandlung verhindert. DerVizechef des Landesverbands bayerischer Schulpsychologen,Norbert Hirschmann, war wegen eines auffällig gewordenenSchülers alarmiert worden. Ein Junge,der schon lange nur Schwarz trug, war zu Rambo-artigenDrohgebärden übergegangen, hatte auf dem Schulhofvorzugsweise jüngere Mitschüler attackiert. Als schließlichJugendliche bemerkten, dass er auf seiner Homepage Zitatevon Lehrern sammelte und daraus Todeslisten erstellte,informierten sie die Lehrer. Die Warnung ermöglichte einerechtzeitige Intervention.Auf jede Straftat, sagt Hirschmann, kämen inzwischen etwa20 Fälle, die wie dieser "glimpflich abgebogen werdenkönnen, bevor etwas passiert". Seine Erfahrung wird durchdas Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie desUS-amerikanischen Secret Service bestätigt. Danach seienetwa drei Viertel aller Schulattentäter durch ihr Verhaltenin Schule, Freizeit oder zu Hause "erkennbar". Auffallendsei ihre "extreme Bindungslosigkeit", kein Erwachsener habeihr Vertrauen. Als so genannte "leakings", Sickerstellen,durch die die Absichten und Phantasien potenzieller Täternach draußen dringen, erwiesen sich vor allemGleichaltrige.Deshalb werden
in den USA so genannte School-Officers
beschäftigt, die alle Beobachtungen der Kinder sammeln,auswerten und bei drohender Gefahr für die Schule diePolizei einschalten.
Auch in Deutschland sorgte ein Attentat für eine ersteWende hin zu mehr Vorsorge. Nachdem im Februar ein 22 Jahrealter Amokläufer erst zwei Arbeitskollegen, dann, inFreising, den Direktor einer Wirtschaftsschule undschließlich sich selbst erschossen hatte, wurde in Bayerndas Krisen-Interventionsteam "Kibbs" aufgebaut - einbundesweit einmaliges Netzwerk von Schulexperten, derenSprecher Röthling ist.Die Kibbs-Mitglieder haben sich in das amerikanische Modellder Prävention und Krisenintervention eingearbeitet, dasder Psychologe William Pfohl von der Western KentuckyUniversity nach dem Attentat 1999 in Littleton (15 Tote)entwickelt hatte. Pfohl selbst unterwies die bayerischenKollegen in jenem speziellen psychologischen Schulungs- undTrainingssystem für Schüler und Lehrer, mit dem in jederbayerischen Schule nun ein "early warning sense" (Pfohl)geweckt werden soll.Das bedeute aber nicht, sagt Uwe Wetter, Vizechef desDeutschen Psychologen-Verbands, dass künftig Lehrer undSchüler alle Jugendlichen "per Psycho-Checklistedurchprüfen" und "sofort Alarm schlagen, wenn mehr als dieHälfte der Symptome stimmt". Das müsse letztlich Sache derExperten bleiben.Inzwischen ist jedes Mitglied des bald 30-köpfigenSpezialtrupps in der Lage, außerhalb der Polizeikompetenzeinen Einsatz wie etwa den in Erfurt zu leiten. DieKibbs-Leute tagten gerade, als Robert Steinhäuser am 26.April dort Amok lief. Wenig später war die Hälfte derGruppe auf dem Weg nach Thüringen, um vor Ort zu helfen.
Was die Bayern von diesem Kriseneinsatz an Erfahrungenmitbrachten, hat nun die Kultusministerkonferenz auf demTisch. Die Schlüsse daraus sind wesentlicher Bestandteildes neuen Konzepts für "Gewaltprävention undKrisenintervention" in Deutschland. Die Schulpsychologenfordern eine bundesweite "Bestandsaufnahme vorhandenerPräventionskonzepte", außerdem könne Prävention nichtweiterhin "Hobby einzelner engagierter Lehrer sein" und seischon gar nicht "zum Nulltarif zu haben".Wie kurz das Nachdenken nach solchen Attentaten hier zuLande greift, zeigen die Beispiele Erfurt und Meißen. Einhalbes Jahr nach einem der schlimmsten Schulmassaker allerZeiten ist im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ein Streit überdie weitere Vorgehensweise entbrannt.Die eine Seite möchte möglichst schnell zum Alltagzurückkehren, die andere hält Leistungsdruck bei den nochimmer Traumatisierten für den falschen Weg. Der PsychologeGeorg Pieper befürchtet gar "eine Katastrophe nach derKatastrophe". Über die Hintergründe der Tat werde schon garnicht geredet "und wohl auch nicht nachgedacht, das istabsolutes Tabu". Für Pieper gab es in Erfurt "nur einkurzzeitiges Erwachen".Auch in Meißen ist die nach dem Mord an der Lehrerineingeführte "Klassenleiterstunde" wieder abgeschafftworden, in der Sorgen und Nöte der Schüler diskutiertwurden. Lehrer und Schüler haben nun in einem Brief an dasKultusministerium gefordert, die 45 Minuten Sprechstundepro Woche wieder zu genehmigen.
IRINA REPKE
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