"Voll weit weg" - DER SPIEGEL
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"Voll weit weg"

Ortstermin: Die schwäbische Schulklasse 10 a und der globale Terrorismus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Mittwoch, der 11. September. Dritte Stunde. Fünf Kilometer Luftlinie sind es zum Eucom, der amerikanischen Kommandozentrale für Europa. Knapp drei Kilometer zur Böblinger "Panzerkaserne", einem Stützpunkt der U. S. Army, heute in erhöhter Alarmbereitschaft. Das Goldberg Gymnasium ist mit Ausnahme des Wasserturms das höchste Gebäude weit und breit, exponiert zum Himmel, und im obersten Klassenzimmer sitzt die 10 a und hat "Terror" auf dem Stundenplan.

"Wie ist das mit den Bildern? Dürfen Muslime wirklich nicht fernsehen?", fragt einer in der ersten Reihe. Auf seinem T-Shirt steht "Fuck them! Fuck Racism! Fuck you!" und etwas versöhnlicher: "Fuck me!" Das Mädchen neben ihm hat eine Ballonmütze auf dem Kopf und sorgfältig verteilte Farbspritzer an der Hose.

"Und?", sagt der Lehrer für Geschichte. "Was hat sich in eurem Leben seit dem 11. September verändert?" Er wartet auf die Antwort, geduldig. Damals, vor über 20 Jahren, war Michael Kuckenburg ein Junglehrer, der aussah wie ein Abiturient, in der Raucherecke stand und Adorno-Witze machte. Er hat sich wenig verändert. Lädt Friedman oder Möllemann zum Debattieren in die Schule, macht Geschichtswerkstätten. Kümmert sich.

"Und? Janine?" ­ "Eigentlich nichts", sagt ein blass-blondes Mädchen, das gerade Austauschschülerin in Florida war, als Mohammed Atta und die Seinen die USA angriffen. Es sagt, die brennenden Türme wären in allen Klassenzimmern zu sehen gewesen, auf den Bildschirmen, aber das sei "voll weit weg" gewesen und ihr seither auch nicht näher gerückt.

Sindelfingen liegt südwestlich von Stuttgart. Die Städtchen, aus denen die Schüler kommen, heißen Deufringen, Ehningen oder Dachtel. Schwäbische Orte mit Sportverein und Anglerfesten. Vom Klassenzimmer der 10 a sind die Werkshallen von Daimler zu sehen. Manchmal weht ein Hauch von der Lackiererei herüber. Aber das geht schnell vorbei.

Damals, vor mehr als 20 Jahren, konnte der Landrat feierlich zwei Stunden lang zum 50. Geburtstag der Schule reden, ohne den 21. April 1933 zu erwähnen. Den Tag, als das Gymnasium in "Adolf-Hitler-Schule" umbenannt wurde. Die erste in Deutschland. Wozu darüber reden? Das war vergangen. Voll weit weg.

Damals wurden nicht weit von hier die Terroristen der RAF zu Grabe getragen, und manche Schüler des 77er-Jahrgangs fuhren hin, mit Karnevalsmasken getarnt, weil sie so dicht dran nun auch wieder nicht sein wollten.

Ein Mädchen mit Brille, das weiß, was "Charisma" bedeutet, fragt, ob Mohammed Atta solch ein Führer gewesen sei und ob er die Attentäter verzaubert hätte. Und muss sich sagen lassen, dass Atta eine graue Maus gewesen sei und auch die anderen Täter oft keine Monstren, sondern computerspielende, nicht uncoole Jungs von nebenan. Nicht so weit weg eigentlich.

Hinten meldet sich jemand, fragt: "Kann uns das auch passieren, ich meine, dass man so einer wird?" Das ist unheimlich. Unheimlicher als die "Ein Jahr danach"-Fernsehbilder von gestern Abend. Lehrer Kuckenburg erzählt von den Biedermännern in SS-Uniform, aber sagt, wer seine innere Blackbox "Gewissen" selbst gefüllt habe, sei wohl nicht in Gefahr. "Fuck me!" schreibt mit.

Sie reden noch ein wenig, über Verschwörungstheorien, den Irak und andere Sachen, die sich im Fernsehen abspielen. Zeitgemäße Masken, um das Unheimliche auf Distanz zu halten. Die Terroristen von damals vermochten Schüler noch zu locken, und sei es zu ihren Gräbern. Die von heute handeln fürs Jenseits. So sperrt man sie am einfachsten ein ins Jenseits hinter den Bildschirm: alles nur TV.

Dann kommt der Gong, und bevor er verklungen ist, hat sich das Klassenzimmer geleert. Alles ist wie früher. Auch im Lehrerzimmer die gleichen Gesichter wie damals, der Physiklehrer mit seinen Linealen und dem Kreidestaub am Ärmel, die gleichen Gesten, Ticks und Posen. Jedes Jahr die immer gleichen neuen Schüler.

Es ist das Jahr gewesen vom Schulmassaker in Erfurt, von der Pisa-Katastrophe, vom Schrecken des 11. September und seinen Folgen. In die Klassenräume des Goldberg Gymnasiums Sindelfingen dringen die Welt und ihre Aufregungen nur gedämpft hinein. Als Bilder im Fernsehen oder als Unterrichtsstoff zum Mitschreiben. Hier wackelt niemandem der Boden unter den Füßen. Er sei froh darüber, sagt der Lehrer Kuckenburg. Die deutsche Provinz ist schwer aus der Fassung zu bringen. Der Stundenplan ist stärker als die Erschütterungen der Welt, das Kollegium verlässlicher als die Koalition gegen den Terror.

Die Lokalzeitung schreibt von der "Angst vor Terror" und berichtet daneben von der Rettung eines Bussards durch die Polizei. Kein Schrecken ist zu groß, kein Ereignis zu ungeheuer, als dass es nicht gebettet werden könnte in die Watte der Provinz. Zum Glück.

Es ist der 11. September. Nichts ist wie zuvor, und nichts ist wirklich anders als damals, beim eigenen Abitur.

ALEXANDER SMOLTCZYK