Berliner Uni: Wir backen uns ein Studienplätzchen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Berliner Uni Wir backen uns ein Studienplätzchen

"Ruinen schaffen ohne Waffen", lautet offenbar das neue Motto der Berliner Hochschulpolitik. Aus Protest will die Humboldt-Universität zum Wintersemester keinen einzigen neuen Studenten aufnehmen. Abiturienten reagieren verwirrt: Nur Taktik oder echter Plan - gibt es jetzt Studienplätze oder nicht?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Soll das ein Scherz sein?, fragen sich die Schüler im Senatssaal. Vorne am Rednerpult steht Elmar Tenorth, der Vizepräsident der Berliner Humboldt-Universität, und begrüßt die künftigen Schulabgänger so, als sei nichts gewesen. Dabei weiß hier doch jeder, dass die Universitätsleitung beschlossen hat, zum Wintersemester keinen einzigen Studenten zuzulassen. Gespannt folgt das Publikum der Rede und muss noch eine Weile auf klare Aussagen warten.

Zur gleichen Zeit ein Stockwerk tiefer im Foyer. Auch hier sind die Gesichter jünger als sonst - 17,18, vielleicht 19 Jahre alt. Es ist Studieninformationswoche an der Humboldt-Universität. Und trotz der Hiobsbotschaften aus den Berliner Hochschulen sind viele Schüler gekommen, um mehr über die einzelnen Studiengänge zu erfahren. Weit über 100 Informationsveranstaltungen sind geplant. Darüber hinaus können die Schüler an unzähligen regulären Lehrveranstaltungen teilnehmen.

Auflauf enttäuschter Studieninteressenten

Den Studienberatern in der Eingangshalle ist diesmal aber nicht ganz wohl bei der Sache. Wie sollen sie denn die Schüler glaubhaft beraten, wenn öffentlich von einem Zulassungsstopp die Rede ist? "Die meisten reagieren eigentlich mit Enttäuschung, weil sie sich irgendwie auf die Humboldt-Universität eingestellt haben", schildert Studienberater Hans Rüdiger Wilhelm seine Erfahrungen mit den Schülern, "nicht nur aus Berlin, sondern aus allen Bundesländern haben wir sehr viele Anrufe oder E-Mail-Anfragen, wo man ganz entsetzt fragt: Was ist denn nun los, können wir uns denn überhaupt bewerben? Wird denn ausgebildet? Da steckt schon eine Enttäuschung bei den Abiturienten dahinter, das ist klar."

Mehr als 200 Millionen Euro möchte Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin jährlich bei den drei Universitäten der Stadt sparen. Wenn das so kommen sollte, so die Humboldt-Universität, könne sie ihren Studenten kein vernünftiges Studium mehr garantieren - daher die Aufnahmesperre.

Martin, ein Abiturient aus Berlin, informiert sich trotzdem über die Fächer Biologie und Geschichte: "Ich glaube nicht, dass die Humboldt das ernst meint, dass sie gar keine Studenten mehr aufnehmen will. Das ist halt nur so eine Androhung, dass die Kapazitäten erfüllt sind."

"Sie sollten nach Alternativen gucken"

Zur Sicherheit fragt Martin aber noch eine Studienberaterin, wie er sich denn nun verhalten solle. "Ich würde Ihnen empfehlen, sich auf jeden Fall zu bewerben. Das wissen wir noch nicht, ob aufgemacht wird oder nicht aufgemacht wird, ob Zulassungsbeschränkungen sein werden oder nicht", antwortet sie. "Deswegen ist es für Sie sicherer, dass Sie sich bei uns bewerben. Aber Sie sollten nach Alternativen gucken. Sich parallel zu bewerben, macht ja auch nur ein bisschen mehr Arbeit. Und wenn Sie gerne in Berlin studieren möchten, würde ich die Chance auch versuchen zu nutzen. Ich denke, dass die Chancen, einen Studienplatz zu bekommen so schlecht gar nicht sind und wir doch Studierende aufnehmen werden."

Das klingt beruhigend, und auch oben im Senatssaal wird Elmar Tenorth endlich deutlicher. Die Ankündigung, keine Studenten mehr aufzunehmen, sei vor allem ein medienstrategisches Mittel gewesen, um gehört zu werden, sei aber rechtlich kaum haltbar. "Wir wollen, dass wir junge Studierende bekommen. Wir brauchen Erstsemester, Sie sind uns willkommen als Studierende", fügt er hinzu, "die Wissenschaft und die Universität leben davon, dass der Generationswechsel sich stetig und immer neu ereignet. Bewerben Sie sich! Bewerben Sie sich für die Zulassung an der Humboldt-Universität, so wie das in jedem Semester und in jedem Jahr für die neue Generation von Abiturienten geschieht."

Ein leichtes Raunen und Aufatmen geht durch die Reihen. Vielen fällt ein Stein vom Herzen. Die Humboldt-Universität ist beliebt. Jedes Wintersemester kämpfen rund 20.000 Bewerber um lediglich 5000 bis 6000 Studienplätze. Wenigstens ein Teil davon dürfte auch in diesem Jahr zur Verfügung stehen. Und so verlassen die Schüler beruhigt das Uni-Gebäude.

Auf dem Weg nach draußen versucht ein gewählter Studentenvertreter, sie noch zur Teilnahme an einer Protestdemo gegen die Berliner Hochschulpolitik zu überreden und verteilt kleine braune Kekse, so genannte Studienplätzchen: "Möchtest du ein Studienplätzchen? Die Humboldt-Universität nimmt zwar keine Studierenden mehr auf. Aber die verfasste Studierendenschaft gibt dir wenigstens ein Studienplätzchen."

"Campus & Karriere"  / Deutschlandfunk


Verwandte Artikel