Das Ende der Katalogkästen Zettels Alptraum
Wir begraben in diesen Tagen einen guten alten Freund: den Zettel. Dabei hatten wir uns so an ihn gewöhnt. An sein typisches Loch unten in der Mitte, die abgewetzte Oberkante. An den muffigen Geruch, wenn wir die hölzernen Schubladen aufzogen, in denen es sich der Zettel gemütlich gemacht hatte. Hunderte Millionen verschiedene Varianten gab es, alle säuberlich beschriftet. So wies er uns zielsicher den Weg zum gesuchten Buch. Jetzt weist man ihm den Weg - in den Mülleimer. Die großen Holzkästen mit den vielen Schubläden wandern mit, zum Gerümpel in den Bibliothekskeller.
Der Zettel hat ausgedient, es lebe der Computer. Eine Ära geht zu Ende. Traurig ist Klaus Hilgemann, 57, trotzdem nicht. Als Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek in Münster ist er Herr über fast sechs Millionen Bücher, die den Studenten der drittgrößten deutschen Universität das nötige Wissen vermitteln sollen. Hilgemann freut sich vielmehr, dass diese Bücher nun fast vollständig im Computer zu finden sind. Schließlich hat er dafür jede Menge Zeit aufgewendet und Geld ausgegeben. Seit 1990 läuft in Münster das Projekt "EDV- Katalogisierung" - und inzwischen kennt der ULB-Computer nur einige tausend Bücher noch nicht.
Aus Geldmangel: Der Griff zur Krücke
"Das sind aber sicher nicht die beliebtesten Bücher", sagt der Bibliothekar mit einem Schmunzeln, "mehr so die barocken Bücher, für die sich ein Besucher in zehn Jahren mal interessiert." Die alten Zettel habe man "in die Aa geschmissen", sagt Hilgemann, und im Hintergrund rauscht das kleine Bächlein an der Bibliothek vorbei. Natürlich ist das ein Witz. Und doch war kein Platz für Wehmut: Zu einer modernen Bibliothek gehört für Hilgemann, dass die Kataloge so weit wie möglich in digitaler Form vorliegen.
Diese Einschätzung teilen seine Kolleginnen aus anderen Uni-Bibliotheken. Auch wenn es wie ein Werbeslogan klingt: "Die Suche nach einem Buch ist im EDV-Zeitalter unabhängig von Ort und Zeit. Das ist ein Riesenvorteil", sagt Maria Effinger von der Universitätsbibliothek Heidelberg. Ingrid Ankenbrand von der FU Berlin behauptet sogar: "Die Studenten neuerer Semester sind so an PCs und Online-Suche gewöhnt, die nehmen den alten Zettelkatalog gar nicht mehr wahr."
Die Vorteile der EDV-Katalogisierung liegen also auf der Hand - aber sie kostet auch Geld und Zeit. "Wir haben einfach nicht die finanziellen Mittel, alle alten Zettelkataloge zu digitalisieren", berichtet Ankenbrand aus Berlin. Die so genannte "Retrokonversion" wäre viel zu zeitaufwendig: "Wenn wir jedes Buch in die Hand nehmen würden und es neu in das EDV-System katalogisieren würden, hätte das 15 Jahre gedauert", so Maria Effinger.
Deshalb greifen viele Bibliotheken zur "Krücke", wie Hilgemann die "Image-Digitalisierung" nennt. Dabei werden die alten Zettel gescannt und dann in einem Online-Katalog aufgeführt. So lebt der Zettel weiter - als Scan auf dem Computerbildschirm. Der Benutzer kann wie früher blättern, nur mit der Maus schneller und komfortabler.
In Heidelberg sind die Bestände von 1935 bis zur Gegenwart schon komplett digital erfasst. "Momentan arbeiten wir daran, die 467.000 Zettel des Bestandes von Anbeginn bis 1935 zu digitalisieren", sagt Maria Effinger. Und das heißt: seit dem Ende des 15. Jahrhunderts. In Münster wurde kürzlich für rund 250.000 Euro der Zentralkatalog mit den Beständen der knapp 160 Münsteraner Institutsbibliotheken image-digitalisiert.
Zettelkatalog macht schlau
Davon kann die FU Berlin nur träumen. Der Katalog über den Gesamtbestand der UB bis 1989, der etwa vier Millionen Titel umfasst, wartet noch auf seine Digitalisierung. "Das würde ungefähr 370.000 Euro kosten", hat Ingrid Ankenbrand hochgerechnet und zweifelt, "ob wir diesen Batzen Geld irgendwann abzweigen können".
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Also geht Zettels Traum in der FU-Bibliothek noch weiter. "Der Zettelkatalog hat ja auch seine Vorteile", findet Ankenbrand. Wenn er vor den riesigen hölzernen Katalogen stehe, sehe der Besucher, wie viele Bücher eine Bibliothek hat. Außerdem fordere und fördere der Zettelkatalog den Intellekt der Studenten, so Ankenbrand: "Wenn sie sich bei der Online-Suche vertippen, dann haben sie keinen Treffer. Beim Zettelkatalog schauen sie mit der Hand nach und müssen mit ihrem Intellekt erarbeiten, wo das Buch zu finden sein könnte."
Das hat schon der österreichische Schriftsteller Robert Musil gewusst. Er bezeichnete den Zettelkatalog einst als "System geistiger Ordnung". Von wegen unscheinbares Stück Papier.