Die Piep-Show: Simsen, bis der Daumen schwillt - DER SPIEGEL
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Die Piep-Show Simsen, bis der Daumen schwillt

Beim "Simsen" sind die Deutschen Weltmeister: Rund 15 Milliarden Minibotschaften verschicken sie jährlich per Handy. Hannoveraner Germanisten untersuchen die Kommunikation per SMS und bieten außerdem einen Kurzgeschichten-Wettbewerb an.
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Manche können sich den Alltag ohne Kurzmitteilungen per Handy kaum noch vorstellen, andere halten das schlicht für eine Landplage - weil es in der U-Bahn, im Klassenzimmer, auf den Straßen permanent piept. Vor allem Jugendliche haben den "Short Message Service" (SMS) als neuen Kommunikationskanal entdeckt und drücken auf dem Handy herum, bis ihnen der Daumen schwillt. Etwa 15 Milliarden SMS verschickten die Deutschen im vergangenen Jahr - Weltrekord.

"Die Kommunikation per SMS ist aus der heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken", meint Peter Schlobinski von der Universität Hannover. Der 48-jährige Germanistik-Professor beschäftigt sich seit Jahren vorzugsweise mit der Sprache in elektronischen Medien und startete unter anderem das Projekt sprache@web. Gemeinsam mit einigen Mitarbeitern hat er jetzt eine der ersten Studien zu "sprachlichen und kommunikativen Aspekten in der SMS-Kommunikation" vorgelegt.

Um Fehler scheren die Simser sich wenig

Die erste SMS wurde 1992 in Großbritannien verschickt; im Jahr 2000 sandte der durchschnittliche Handybesitzer 35 Kurzbotschaften pro Monat. Damit hat sich eine ganz neue Textgattung mit eigenen sprachlichen Gesetzen etabliert: "Kennzeichnend ist die sprachliche Ökonomie", sagt Peter Schlobinski, "der Benutzer will so viele Informationen wie möglich in den 160 Zeichen unterbringen".

Denn das ist in der Regel das Maximum für die Mitteilungen und zwingt die Schreiber zur Prägnanz - sie müssen kürzen, wo sie können. "Pronomen werden weggelassen wie beim Telegrammstil, es gibt zahlreiche Abkürzungen, die aus der Chat-Kommunikation übernommen wurden", so der Sprachwissenschaftler.

Für die Studie hat sein Team insgesamt 750 Kurznachrichten von 150 Handy-Besitzern ausgewertet. Sie verwenden häufig aus dem Internet bekannte Zeichen wie : -) für fröhlich oder :-( für traurig, "hdl" für "Hab dich lieb" oder "guk" für "Gruß und Kuss". Ebenfalls wie im Internet scheren sich die Nutzer wenig um Fehler, lassen zum Beispiel Kommata und Punkte weitgehend weg. "Schließlich handelt es sich bei der SMS-Kommunikation um eine mündliche Sprache, die schriftlich festgehalten wird", sagt Schlobinski. SMS-Nachrichten seien "unverbindlicher als ein Telefonat, aber näher als ein Brief". Persönliche Kontakte ersetzten sie nicht.

Keine Angst vor Sprachverarmung

Um die deutsche Sprache ist ihm dabei nicht bange. Schon nach seinen Untersuchungen zur Internet-Kommunikation verzichtete Schlobinski auf jedes Lamento und spottet gern über Kulturpessimisten, die vor sprachlicher Verarmung gerade bei Jugendlichen warnen: "Dann müssten die Finnen bei der Pisa-Studie ganz unten stehen. Dort lernen schon Vorschüler den Umgang mit Handy und Internet." Ganz im Gegenteil lernten die Jugendlichen, "sich sprachlich neu auszudrücken".

Gemeinsam mit dem Friedrich-Verlag will die Universität Hannover jetzt auch die literarischen Ambitionen der Turbo-Tipper fördern. Noch bis zum 31. Januar können sie im Internet eine Kurzgeschichte abrufen , sich ein Ende ausdenken und direkt auf der Seite eintippen. Wie bei einer SMS stehen dafür nur 160 Zeichen zur Verfügung. Dem Sieger winkt ein Handy mit Radio und MP3-Funktion sowie SMS-freundlicher Tastatur.

Einen weiteren Literaturwettbewerb zu den Themen "Angst", "Eifersucht" und "Lust" , ebenfalls mit maximal 160 Zeichen, richtet der Uzzi-Verlag aus. Noch bis zum 31. März können Interessenten ihre Beiträge einreichen, die später in einer Anthologie veröffentlicht werden sollen. Beim letzten Wettbewerb machten über 8000 Schreiber mit. Zu den Preisen zählt unter anderem ein Autorenvertrag.

Die Hannoveraner Forschergruppe ist nicht die Einzige, die Kommunikation per Internet, Handy und SMS untersucht. So nimmt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf jetzt die Auswirkungen der Handy-Nutzung auf private Beziehungen  unter die Lupe. Im Internet kann man dazu einen Fragebogen ausfüllen. Und die Initiatoren versprechen den Teilnehmern, sie über die Ergebnisse der Studie zu informieren.

Von Jochen Leffers

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