Ein-Mann-Studiengänge Akademische Einzelhaft
Seit dem Wintersemester 2002/2003 studiert Frank an einer Technischen Universität im Süden Deutschlands das Fach Elektrotechnik auf Lehramt an Berufsbildenden Schulen. Auf den ersten Blick kein schillerndes Orchideenfach - dennoch ist Frank derzeit im Grundstudium der einzige Student. Deswegen möchte er auch nicht verraten, in welcher Stadt er studiert: "Dann weiß doch gleich jeder, um wen es sich handelt".
Seinen Studienalltag hält er für "ganz normal". Lediglich bei den "Prüfungsanmeldungen und der Abstimmung des Stundenplan gab es Probleme". Seinen Vorlesungsplan musste er sich schon mal schriftlich bestätigen lassen, da es drei verschiedene Versionen von zwei unterschiedlichen Stellen gab und niemand wusste, welche richtig ist. Ansonsten besucht er ganz normal Vorlesungen und Seminare. Einzelveranstaltungen nur für ihn gibt es nicht.
Die Geschichte über die Anmeldung zur Zwischenprüfung wird er später noch seinen Enkeln erzählen: "Auf dem Prüfungsamt wurde meine Prüfungsordnung aus der original Plastikeinschweißung ausgepackt." Erst nach einigem Hin und Her fiel dem Prüfungsamt auf, dass sich die Prüfungsordnung an zwei Stellen widersprach. In solchen Fällen ist Organisationstalent gefragt. Frank hat es - und zudem die volle Unterstützung seiner Dozenten: "Niemand hat versucht mir Steine in den Weg zu legen."
Im Hauptstudium der erste Kommilitone
Für Frank hat die akademische Einzelhaft auch Vorteile: "Man kann vieles weniger bürokratisch regeln." Der eine oder andere Dozent drückte offenbar auch mal ein Auge zu, wenn es darum ging, einen Schein anzuerkennen. Im Hauptstudium muss Frank auf solche Privilegien verzichten - nach der Zwischenprüfung ist das Landesprüfungsamt für ihn zuständig. Außerdem ist er dann nicht mehr allein: Durch Quereinsteiger und Fachwechsler bekommt Frank endlich Kommilitonen.
Ebenfalls ein Einzelkämpfer ist Kai Mildner, 21, aus Freital. Er studiert an der TU Dresden "Höheres Lehramt an berufsbildenden Schulen, Elektrotechnik/Informatik". Über sein Dasein als Einzelkämpfer will er nicht reden. Grund ist ein Artikel über ihn in der "Sächsischen Zeitung" vor wenigen Wochen, auf den es negative Reaktionen gab. Offenbar hat man in der sächsischen Metropole Angst, dass der Studiengang auf eine Streichliste kommt.
Allein am Lehrstuhl
Dabei gab es auch viele positive Reaktionen: Selbst im sächsischen Landtag ging der CDU-Abgeordnete Rolf Seidel während einer Debatte über das "Versagen der sächsischen Staatsregierung bei der langfristigen Lehrerbedarfsplanung für Berufs- und Förderschulen" auf Kai Mildner ein. Nicht etwa, um seinen Studiengang auf eine Streichliste zu setzen, sondern um zu beklagen, dass die Studierneigung für das höhere Lehramt an beruflichen Schulen, insbesondere in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, stark zu wünschen übrig lasse.
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Auch eine akademische Einzelkämpferin ist Bärbel Kramer. Die 55-Jährige ist Professorin für Papyrologie an der Uni Trier. Die Universität in der Römerstadt ist die einzige in Deutschland, an der Papyrologie als eigenständiges Fach studiert werden kann. Als Kramer vor zehn Jahren anfing, gab es nur einen einzigen Studenten. Mittlerweile sind es 32 - die meisten Nebenfachstudenten. Der Lehrstuhl für Papyrologie hingegen besteht weiterhin nur aus Bärbel Kramer.
"Ziel des Papyrologiestudiums ist es, Papyri selbständig zu bearbeiten und zu übersetzen sowie in den historischen und kulturellen Kontext einzuordnen", erklärt die Professorin ihr Fach. Dazu braucht man auf jeden Fall das Graecum und das Latinum.
Wie auf einer Dorfschule
Der Uni-Alltag von Bärbel Kramer unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von dem anderer Professoren. Jedes Semester bietet sie Seminare, Proseminare, Übungen und Kolloquien an. In diesem Semester gibt es unter anderen das Seminar "Unveröffentlichte Urkunden verschiedener Sammlungen", ein Proseminar mit dem Titel "Texte zur Verwaltung im byzantinischen Ägypten" und die Übung "Griechische Autoren über Ägypten: Diodor".
In einem Aspekt unterscheiden sich Kramers Lehrveranstaltungen von anderen: "Wie auf einer Dorfschule sitzen bei mir alle vom ersten bis zum fünfzehnten Semester einträchtig zusammen." Dabei ist es für sie nicht immer leicht, Anfänger und Fortgeschrittene unter einen Hut zu bringen.
Von Streichlisten hofft Kramer verschont zu bleiben. Was mit dem Lehrstuhl passiert, wenn sie in zehn Jahren abtritt, weiß sie nicht. Doch darum sorgt sie sich noch nicht: "Eine Generation schaffe ich noch."