Gestresste Studenten Bachelor als Liebestöter
SPIEGEL ONLINE: Eine Studie der Universität Heidelberg hat festgestellt, dass ein Bachelorstudium mehr belastet als früher Magister oder Diplom. Sie beraten in Heidelberg Studenten in Uni- und Lebenskrisen. Wie schwer haben es Studenten wirklich?
Holm-Hadulla: Das Wichtigste scheint mir, dass in manchen Bachelorstudiengängen kreative Freiräume verloren gehen. Wir stellen fest, dass die Studenten seit ein paar Jahren deutlich früher zu uns kommen. Das liegt an den Prüfungen im Bachelor-System, die schon im ersten Semester beginnen. Früher kamen ältere Studenten wegen Prüfungsangst zu uns, heute sind es viele 19- bis 20-Jährige. Psychische Störungen scheinen durch Bachelor und Master aber nicht zugenommen zu haben.
SPIEGEL ONLINE: Was plagt die Studenten am meisten?
Holm-Hadulla: Prüfungsängste stehen im Vordergrund und deren Ursache ist oft mangelhafte Vorbereitung. Viele Studenten sind auf eigenständiges Arbeiten im Studium nicht vorbereitet. Während sie sich in der Schule von Klassenarbeit zu Klassenarbeit gehangelt haben, müssen die jungen Leute als Studenten selbstgesteuert arbeiten und sich vielleicht auch mal ein halbes Jahr auf Prüfungen vorbereiten.
SPIEGEL ONLINE: Aber es geht im Bachelor doch strukturierter zu als früher bei Magister- und Diplom.
Holm-Hadulla: Stimmt, für manche ist die Engführung der Bachelor-Studienpläne auch eine Erleichterung. Früher hieß es von manchem Germanistik-Professor: Gebt die Hausarbeit in drei Monaten ab - oder in drei Jahren.
SPIEGEL ONLINE: Klingt ja fast, als wäre es heute doch besser...
Holm-Hadulla: Wie gesagt, es sind Freiräume verloren gegangen. Die Faszination am Studium und die Eigeninitiative treten zurück hinter prüfungsorientiertem Lernen und Pflichtveranstaltungen. Es herrscht eine gewisse Atemlosigkeit. Ich rate deshalb den Studenten immer, dass sie Freude am Studium entwickeln sollen und die Freiräume, die noch da sind, gut nutzen. Außerdem ist Überforderung nicht nur quantitativ. Wenn man zwölf Stunden am Tag etwas Interessantes macht und von der intellektuellen Entdeckungsreise begeistert ist, überfordert das weniger, als wenn man sechs Stunden demotiviert Punkte sammelt und seine Freizeit verplempert.
SPIEGEL ONLINE: Wer als Student ausbrennt, ist also im falschen Studienfach?
Holm-Hadulla: Nicht unbedingt. Wenn einen das Studienfach nicht fasziniert, kann das an der eigenen Einstellung liegen oder an der Überstrukturiertheit des Studiums. Leidenschaft für die Inhalte muss man selbst entwickeln. Begeisterung entsteht allerdings erst, wenn man den richtigen Zugang bekommt.
SPIEGEL ONLINE: Viele Hochschulen integrieren Praktika in ihr Studium, Auslandsaufenthalte empfinden viele Studenten als verpflichtend. Entsteht so Überforderung?
Holm-Hadulla: Alle sollen flexibler und schneller sein, aber die kurze Studienzeit lässt wenig Raum für Auslandserfahrungen. In der Alltagshektik verlieren viele Studenten den Boden unter den Füßen. Sie nehmen sich zu wenig Zeit für ihre persönliche Entwicklung und die Gestaltung von Partner- und Freundschaften. Ein Auslandssemester in London, dann drei Monate Praktikum in China. Das führt unter anderem auch zu Beziehungsschwierigkeiten.
SPIEGEL ONLINE: Die Studenten kommen mit Liebeskummer zu Ihnen?
Holm-Hadulla: Ja, neben Depressionen oder diffusen Ängsten kommen Studenten auch zunehmend mit Partnerproblemen. Diese Woche kam ein Student, der nach einem Auslandsaufenthalt mit seiner Freundin in die erste gemeinsame Wohnung ziehen wollte. Einen Tag vor dem Einzug verliebte er sich in eine Andere. Ansonsten spielen auch Krankheit und Tod naher Angehöriger, finanzielle Sorgen oder psychische Erkrankungen eine Rolle.
SPIEGEL ONLINE: Laut Studentenwerk hat der Beratungsbedarf in den vergangenen Jahren zugenommen. Gibt es im Vergleich zu früher tatsächlich mehr Probleme oder trauen sich die Leute eher zum Seelenklempner?
Holm-Hadulla: Einerseits sind die Leute mutiger geworden, professionelle Unterstützung zu suchen. Sozialpsychologische Ängste haben aber auch zugenommen, gerade wenn es um die berufliche Zukunft geht. Vor 30 Jahren konnte man relativ sicher sein, dass man mit einem guten Studienabschluss einen Arbeitsplatz findet. Heutzutage gibt es mehr Unsicherheit. Die Angst abzurutschen ist präsent.
SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die Angst? Absolventen stehen auf dem Arbeitsmarkt doch nicht schlechter da als früher.
Holm-Hadulla: Generell beschäftigen die Studentenschaft immer gesellschaftliche Großthemen. In den sechziger Jahren war es der Vietnamkrieg, anschließend die atomare und dann die ökologische Bedrohung. Heute sind es Wirtschaftkrisen und soziale Unsicherheit. Und prekäre Arbeitssituationen haben auch objektiv zugenommen. Viele starten mit unbezahlten Praktika und sehr unsicheren Projekten. Dennoch ist das Studium immer noch eine wunderbare Chance.
Das Interview führte Julia Jung.
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