Harvard-Horror Blair Witch Hunt
Tom Wolfe arbeitet an einem Roman über amerikanische Colleges, und das ist ein durchaus logischer Schritt. Denn der größte Erfolg des US-Schriftstellers heißt "Fegefeuer der Eitelkeiten" und spielt im Milieu der ellenbogenstarken Wall Street-Broker, die für berufsfremde Anwandlungen wie Fair Play oder Teamgeist eher weniger Zeit haben. Will Wolfe einen noch erbarmungsloseren Konkurrenzkampf skizzieren, bleibt wohl allein die uramerikanischste Schlacht um den Platz an der Sonne - sprich den besten Collegeplatz.
Diese Schlacht beginnt als sanftes Lodern für viele Eltern mit der Auswahl der richtigen Vorschule und kulminiert zum veritablen Fegefeuer, wenn in den letzten High School-Jahren das Training für Eingangstests, originelle Bewerbungsessays und den perfekten Lebenslauf (Lernen, Laufen, Liebsein) eskaliert.
Wie leicht sich junge Bewerber daran verbrennen können, zeigt der Fall der High School-Absolventin Blair Hornstine aus Moorestown in New Jersey. Deren Leben scheint auf dem Papier eine ideale Verkörperung von Lernen, Laufen, Liebsein: beste Noten und Testergebnisse, ein Zulassungsschreiben aus Harvard. Sportlich, da Trägerin der olympischen Flamme durch ihren Heimatort. Nett anzuschauen und nächstenlieb - laut Lebenslauf sammelte sie 600 Ballkleider für arme Studenten und 56.000 Pfund Lebensmittel für Obdachlose.
What went wrong, Blair?
Aber als an Hornstines Schule mit Luftballons und Talaren Abschied gefeiert wurde, stand die Musterschülerin nicht strahlend auf der Bühne, sondern kauerte daheim. In den Wochen zuvor waren Farbbeutel auf ihr Haus geflogen, und Mitschüler raunten düster zu Reportern, wenn Hornstine zur Abschlussfeier komme, könnten sie für nichts garantieren. Wenig später zog Harvard die Zulassung zurück, wegen charakterlicher Mängel der Bewerberin.
Vielleicht muss man erst erklären, dass Hornstine behindert ist. Sie leidet unter chronischer Müdigkeit, mehrere Ärzte haben dies bestätigt - und so durfte sie für die meisten ihrer Kurse zu Hause bleiben, hatte mehr Zeit für Prüfungen.
Das hätte wohl niemanden erzürnt, wäre Hornstine nicht eine extrem gute und ehrgeizige Schülerin gewesen. Mit dem Heimunterricht explodierte ihr Notendurchschnitt, auch weil sie statt Fächern wie Sport anspruchsvollere Kurse wählen konnte, die Zusatzpunkte einbringen. Dass sie dies möglichst geschickt tat, stellte Hornstines Vater sicher - ein Bundesrichter, der anderen Eltern angeblich verkündete, er werde jede Ausnahmeregelung nutzen, um seiner Tochter die Schmach zu ersparen, nicht Valedictorian, also Jahrgangsbeste, zu werden.
Mitschüler spotten: Sind wir nicht alle etwas müde?
Hornstines High School liegt in einer sehr wohlhabenden Gegend, wo Schulerfolg und Collegeplanung noch mehr zählen als das neueste Jeepmodell - und so geht es dort immer darum, der Beste zu sein. Rasch kommentierten Hornstines Mitschüler deren Behinderung bitter, sie seien alle müde, weil sie so hart arbeiteten. Ambitionierte Eltern beschwerten sich über Hornstines Privilegien beim Schulleiter. Der wollte daraufhin zum Jahresende erstmals zwei Valedictorians ernennen, obwohl das behinderte Mädchen den besten Schnitt aufwies.
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Doch hatte der Direktor Hornstines Zähigkeit unterschätzt. Sie reichte nämlich umgehend Klage wegen Diskriminierung Behinderter ein und forderte als kleinen Trost für die große Demütigung 2,7 Millionen Dollar Schadenersatz. Den Prozess hat Hornstine mittlerweile gewonnen, auch wenn sie nach einem Vergleich "nur" 60.000 Dollar erhielt. Ihr Ruf hat, gelinde gesagt, eher verloren - zumal die US-Medien bald die Umstände der kuriosen Klage in einer Form untersuchten, die eher an das "Röntgen" eines Präsidentschaftsbewerbers erinnerte als an Berichterstattung über eine High School-Posse.
Eine Lokalzeitung ermittelte investigativ, dass oft Hornstines Vater die lebenslaufkommode Sozialarbeit für sie leiste; in einem Fitnessstudio sei die Schülerin trotz ihrer angeblichen Behinderung auch gesehen worden. Als dann noch herauskam, dass Hornstine in einer Kolumne für ihr Heimatblatt bei Reden von Bill Clinton abgeschrieben hatte, gab es für die "Blair Witch Hunt" kein Halten mehr.
Bizarre Jagd nach der "Blair Witch"
US-Nachrichtenmagazine und Fernsehsender berichteten, im Internet entstanden Seiten zu dem Fall, die Lokalzeitungen kommentierten wie zu einem Amtsenthebungsverfahren: "Nun kann man ihr auch nicht ihre Hausarbeiten glauben. Kein Wunder, dass niemand mit ihr Nachsicht haben will."
Hatte Harvard denn auch nicht. Die Hochschule zog die Zulassung zurück, weil Hornstine die kopierten Kolumnen in ihrem Lebenslauf aufgeführt hatte und damit ihre "Ehrlichkeit, Reife oder moralische Festigung" fraglich sei. Dies führte zu Freudenorgien im Internet und auf dem Harvardcampus, wo schon vorher fast 3000 Studenten eine Petition unterschrieben hatten, das Mädchen aus New Jersey wegen ihres "egoistischen" Prozesses nicht zuzulassen.
Über wessen Verbissenheit soll man mehr staunen? Die einer Schülerin, die trotz Harvardzusage einen Millionenprozess um die alleinige Schulkrone anstrengt und selbst nach all den bösen Folgen nur schnippisch verlauten lässt, sie werde eben auf einen weniger "feindlichen" Campus wechseln. In Princeton und Stanford wurde sie ja auch zugelassen. Oder die der selbsternannten "Blair Witch"-Jäger, die bei ihrem Feldzug kaum Gedanken daran verschwendeten, dass die vermeintliche "Hexe" auch immer noch ein 18 Jahre altes Schulmädchen ist - noch dazu eins mit nicht gerade hilfreichen Eltern.
Ein Kolumnist der Harvard-Studentenzeitung meinte zu den Reaktionen auf dem Campus, Hornstines Sünden erzürnten viele seiner Kommilitionen so heftig, weil sie diese genau kannten - die Uni sei doch voll mit Leuten, die auch "getreten, gekratzt und geklammert" hätten bei der Collegebewerbung.
Man ahnt jedenfalls, dass Yale-Absolvent Tom Wolfe die Geschichte mit gemischten Gefühlen gelesen haben muss. Welche literarischen Fegefeuer auch immer er zu entfachen gedenkt - die Realität wird schwer zu schlagen sein.