Harvard-Schnappschuss Der Copyright-Wächter
Auf Rick Calixtos Schreibtisch füllen die E-Mail-Ausdrucke fast die ganze Schreibtischfläche. Der fidele Schnauzbartträger unterstreicht gerade mit dem dicken gelben Filzstift "Harvard University Middle East" auf einem Ausdruck und hält ihn lachend hoch. 20 weitere Schreiben muss er noch durcharbeiten: "Alles nur aus den vorigen Wochen und Monaten."
Calixtos Aufgabe ist der Schutz der Marke Harvard. Die ist nach allen Umfragen nicht nur die wertvollste im akademischen Bereich, sondern auch eine der bekanntesten der Welt. "Wir reden hier von einer Größenordnung wie Mercedes oder Coca-Cola", sagt Calixto, der seit Mitte der neunziger Jahre mit zwei Kollegen im "Harvard Trademark Program" arbeitet.
Solche Prominenz lockt viel Missbrauch an. Die Ausdrucke auf den Schreibtisch von Calixto und seinen Kollegen sind Schreiben über Markenverletzungen in der ganzen Welt: neben der "Harvard University Middle East" etwa eine angebliche Harvard University in den Vereinigten Arabischen Emiraten, eine auf den Philippinen.
"Produkte müssen zum Geist von Harvard passen"
Seit ein paar Tagen muss sich Calixto mit der Meldung herumschlagen, dass die vorher eher unbekannte chinesische Bildungseinrichtung "Shaanxi International Trade College" in Kooperation mit Harvard Fakultätsmitglieder und Studenten austauschen soll. "Das hat sogar die chinesische staatliche Nachrichtenagentur gemeldet", sagt Calixto. Aber reingefallen war sie wohl nur auf einen windigen Geschäftemacher in China, der sich als Vertreter der amerikanischen Vorzeigeuni ausgegeben hatte.
Rund 100 Fälle landen jedes Jahr auf dem Schreibtisch von Calixto und seinen Kollegen. Die Abteilung gibt es in Harvard seit 1985, einer Zeit, als viele US-Colleges massiv ins Merchandising einstiegen, etwa mit Sweatshirts, Baseballkappen oder Notizblöcken mit Uni-Aufdruck. Harvard hat zwar keine große Sportabteilung, aber als begehrteste amerikanische Hochschul-Adresse begriffen die Uni-Oberen bald, dass sie ihre Marke besser schützen müssen.
"Kümmert man sich gar nicht um den Schutz der Marke", sagt Calixto, "läuft man Gefahr, den juristischen Schutz zu verlieren." Zeitgleich öffnete sich die Uni der Zusammenarbeit mit ausgewählten Lizenznehmern, wenn auch nach strenger Prüfung. "Nur Produkte, die wirklich zum Geist von Harvard passen, haben Chance auf eine Lizenz."
Wer einen Antrag stellt, den Namen Harvard für Produkte wie Waffen, Medikamente oder Bildungseinrichtungen zu nutzen, bekommt gleich negativen Bescheid. Anders ist es bei Kleidung oder Souvenirs. Rund 140 Lizenzen hat die Hochschule vergeben und erzielt damit Einnahmen von rund einer Million Dollar pro Jahr.
Ein "dezenter Warnbrief" reicht meist schon
Davon wird auch der Marken-Schutz finanziert. Die Harvard-Verwender, die auf Calixtos Schreibtisch landen, haben sich in aller Regel nie um einen Lizenzantrag gekümmert. Er spürt sie auf über das weltweite Netz von Ehemaligen der Universität, die ihn regelmäßig ("etwa einmal pro Woche") über Verstöße informieren. Zudem bezahlt Harvard den Londoner "Trademark Directory Service", der Eintragungen in Markenregistern überprüft und jedes mögliche neue "Harvard" sofort meldet.
Der Ablauf ist dann immer gleich. "Wir schicken einen ersten dezenten Warnbrief", sagt Calixto, und sein sarkastisches Lächeln verrät, dass der Brief gerade nicht dezent ausfällt, sondern juristische Schritte konkret androht. "In 98 Prozent der Fälle stellen die Gegner dann sofort die Verwendung des Namens ein."
Unterbleibt das, geht Calixtos Team aber auch vor Gericht - so wie vor zwei Jahren, als Harvard die indonesischen Behörden aufforderte, Hausarrest gegen den Betreiber der "Harvard International University" zu erlassen. Dort mussten sie nachweisen, dass "Harvard" ein geschützter und bekannter Markenname ist.
"Das ist relativ einfach", sagt Calixto. "Ich kann auf jüngste Umfragen wie das Times-Ranking der besten Unis der Welt verweisen, in dem Harvard auf Rang 1 landete. Je nach Land zitiere ich auch die Anzahl der Ehemaligen in der Region und ihre Karrieren. Das wirkt schon deshalb, weil nicht selten die Richter, die entscheiden müssen, bei uns gelernt haben."
Keine Chance für Harvard-Bier, Zigaretten, Kondome
Einen Fall verloren hat Harvard noch nie. Selbst den nicht gegen einen besonders kreativen indonesischen Geschäftsmann, der vor Gericht erklärte, ihm sei die tiefere Bedeutung des Namens Harvard gar nicht bekannt - er habe den Namen nur gewählt, weil er sich aus den Namen seiner Kinder zusammensetze.
Asien ist generell die Region, die Calixto am meisten auf Trab hält: "Der Schutz des geistigen Eigentums ist in Europa oder Amerika weit besser verankert." In Hongkong ist Calixto schon über eine "Harvard University Foundation" gestolpert, in Singapur über eine angebliche "Harvard Business School", in Kanada über einen "Harvard College Park". in Peru über das "Harvard Institute of Technology.
Grund für die Fülle in Asien, sagt Calixto, sei pragmatischer Geschäftssinn. "Der Name Harvard ist in einer Region, wo der Hunger nach Aufstieg durch Bildung besonders ausgeprägt ist, extrem zugkräftig. Das Buch einer Chinesin, wie man seine Tochter in Harvard angenommen bekommt, hat Millionenauflagen erzielt."
Und so flattern Calixto schon mal Millionenangebote asiatischer Geschäftsleute auf den Schreibtisch, etwa für eine Kette von "Harvard Schools". "Natürlich haben wir das abgelehnt, wir erteilen ja keine Lizenzen an Einrichtungen, die auch im Bildungsbereich tätig sind." Nein sagte die noble Universität auch zu Harvard-Bier, Harvard-Zigaretten - und Harvard-Kondomen. "Ich weiß nicht, was die Leute damit verkaufen wollen", witzelt Calixto.
Besonders schlauer Schutz etwa? Oder soll der Name gar suggerieren, dass Harvard-Studenten besonders viel Sex haben? Verhütet hat es Calixto natürlich trotzdem.