Höhere Mathematik: Eine Formel für die Liebe - DER SPIEGEL
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Höhere Mathematik Eine Formel für die Liebe

Was wären wir ohne Formeln? Komplett aufgeschmissen - sie liefern für beinah alles Hilfe. Vergnügungssüchtige Zahlenfetischisten schrecken auch vor der Liebe nicht zurück: mit einer Formel fürs ideale Heiratsalter. Bringt's das? Der Mathematiker Albrecht Beutelspacher hat fürs Magazin "duz" nachgerechnet.
Heirats-Formel: Taugt allemal als Grußkärtchenbeigabe für Intellektuelle am Valentinstag
Heirats-Formel: Taugt allemal als Grußkärtchenbeigabe für Intellektuelle am Valentinstag

Heirats-Formel: Taugt allemal als Grußkärtchenbeigabe für Intellektuelle am Valentinstag

Foto: AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles drücken wir in Zahlen aus. Soll und Haben, Zeugnisnoten und DIN-A4-Papier, Haltbarkeitsdatum und Body-Mass- Index. Und all diese Zahlen werden berechnet. Es werden Summen und Durchschnitte gebildet, es wird eingesetzt und ausgeklammert, es wird potenziert und dividiert. Zu jeder Zahl gibt es eine Methode, wie man sie ausrechnet. Es gibt Gleichungen, Terme und Formeln.

Darin liegt die wahre Überzeugungskraft dieser Zahlen. Da diese mathematisch berechnet wurden, hinterfragen wir die Ergebnisse nicht mehr, sondern wir akzeptieren sie, ohne nachzudenken. Mein Body-Mass-Index ist 25. "Geht gerade noch", denke ich. - Und mir kommt überhaupt nicht in den Sinn, die Formel "Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße" infrage zu stellen.

Ein anderes Beispiel: Erinnern Sie sich noch, dass vor einigen Jahren die Sitzverteilung im Europaparlament diskutiert wurde? Wenn die Zahl der Abgeordneten eines Landes proportional zu dessen Bevölkerungszahl wäre, dann hätten kleine Länder wie Malta überhaupt keinen Abgeordneten.

Also muss man eine Methode finden, wie man die kleinen Länder bevorzugt (und entsprechend die großen "benachteiligt"). Eine Idee, die mit der Aura der "objektiven Mathematik" auftrat, war das Quadratwurzelverfahren: Die Zahl der Abgeordneten eines Landes solle proportional zur Quadratwurzel seiner Bevölkerungszahl sein.

Mathematik schafft nicht per se eine höhere Gerechtigkeit

Deutschland hat ungefähr 81 Millionen Einwohner, Polen ungefähr 36 Millionen. Im klassischen Modell müsste Deutschland mehr als die doppelte Anzahl der Abgeordneten Polens entsenden. Da sich die Quadratwurzeln wie neun zu sechs verhalten, hätte Polen im Quadratwurzelmodell immerhin zwei Drittel so viele Abgeordnete wie Deutschland. Klar: Man kann das so machen, aber die Mathematik schafft nicht per se eine höhere Gerechtigkeit.

Anstatt genau zu sagen, was man will, verschanzt man sich hinter der Mathematik und glaubt, dadurch "höhere Weihen" für seine Meinung zu bekommen. In der Tat scheint es so zu sein, dass Formeln eine Überzeugungskraft haben, die weit über ihren eigentlichen Inhalt hinausgeht. Man glaubt, teilzuhaben an der Welt der Mathematik. Und das macht manchen vielleicht glücklich.

Das ist wie in der Poesie. Der Formel entspricht hier der Reim. Ein Reim hat eine Überzeugungskraft, die fast unabhängig von den Inhalten ist. Einige Beispiele gefällig? "Bier auf Wein, das lass sein; Wein auf Bier, das rat ich dir." Ich weiß nicht, ob Sie das schon mal probiert haben. Meiner persönlichen Beobachtung nach ist beides ungefähr gleich bekömmlich. "Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen." Völlig falsch: Bei Gewitter sollte man alle hohen Bäume meiden. "Herz reimt sich auf Schmerz." Quatsch! In Wirklichkeit reimt sich nicht immer Herz auf Schmerz. Es gibt viel Schmerz ohne Herz, und es soll auch Herz ohne Schmerz geben.

Wir glauben an die Überzeugungskraft des Reims und an die Macht von Formeln, weil wir das Gefühl einer höheren Ordnung haben. Ein Reim hebt eine ansonsten belanglose oder bestenfalls subjektive Mitteilung in eine höhere Sphäre. Durch einen Reim glaubt man, Anteil zu haben an der Aussagekraft echter Poesie.

Ist die Hochzeits-Formel wirklich besser als die Methode Gänseblümchen?

Genauso ist es mit den Formeln. Eine Formel oder eine Berechnungsmethode sagt per se gar nichts darüber aus, ob sie, und wenn ja in welchen Zusammenhängen, sinnvoll anwendbar ist. Durch eine - eventuell sogar komplizierte - Formel findet man Anschluss an die überlegene Power richtiger Mathematik. Glaubt man!

Der neueste Coup kommt aus Australien und könnte ebenfalls unter der Rubrik "Formeln, die die Welt nicht braucht" rangieren. Prof. Dr. Tony Dooley vom Statistik-Department der University of New South Wales verblüfft uns nämlich mit einer Formel, mit der Sie das ideale Alter berechnen können, in dem Sie heiraten sollten. Zugegeben: ein Problem, an dem wir schon immer verzweifelt sind, aber der Professor sagt, wie man es berechnet.

Das geht so: Zunächst legen Sie das Alter fest, in dem Sie auf jeden Fall verheiratet sein wollen. Wir nennen diese Zahl n. Zum Beispiel könnte n = 39 sein. Dann geben Sie Ihr minimales Alter an, von dem an Sie sich heiratsfähig fühlten. Nennen Sie die Zahl p. Wenn zum Beispiel p = 19 ist, heißt dies, dass Sie ab 19 sozusagen bereitstanden. Die Zahlen p und n kann man kurz auch so definieren: Sie wollen zwischen p und n heiraten.

In Deckung! Die Freakshow der schlimmsten Hochzeitsgäste

Nun beginnt die Mathematik: Bilden Sie die Differenz n minus p, multiplizieren Sie die so erhaltene Zahl mit dem Faktor 0,368 und addieren Sie schließlich dazu p. Das ist Ihr ideales Heiratsalter. In einer Formel ist das ideale Alter gleich 0,368 (n - p) + p.

In unserem Beispiel ergibt sich n - p ist 20, 20 mal 0,368 gibt 7,36. Plus 19 ergibt 26,37. In genau diesem Alter, so der Professor aus Down Under, sollten Sie heiraten beziehungsweise hätten Sie heiraten sollen. Wenn sich die erste Verblüffung gelegt hat, kann einem bei diesem Verfahren vielerlei auffallen: Zum einen ist nicht klar, was die Formel eigentlich sagen soll. Ist sie eine empirische Beschreibung von tatsächlichen Heiratsaltern? Oder fußt diese Formel rein auf theoretischen Einsichten des Professors?

Faden verloren? Macht überhaupt nichts

In jedem Fall stellt sich die Frage: Wie kommt der Faktor 0,368 zustande? Das Schöne ist, dass nicht einmal ein Versuch gemacht wird, die Formel empirisch zu verifizieren, sondern sie hat - wenigstens für die Formelgläubigen - eine Überzeugungskraft, die weit über ihren dürftigen Inhalt hinausreicht. Auch der Typ der Formel wird nicht begründet: Weshalb nicht n mal n minus p hoch drei oder Ähnliches? Und sind die - ohnedies fiktiven - Größen n und p überhaupt die richtige Ausgangsbasis?

Die mathematische Analyse sagt Folgendes: Wenn man die Konstante 0,368 einfach mal variabel macht und t nennt, dann lautet die Formel für das ideale Heiratsalter t (n - p) + p. Dadurch wird klar: Wenn man den Parameter t die Zahlen zwischen 0 und 1 durchlaufen lässt, erreicht man gleichmäßig jeden Punkt Ihres möglichen Heiratsintervalls von p bis n. Durch die Wahl von t kann man also jedes gewünschte Zielalter erreichen!

Wer jetzt vollkommen den Faden und den Durchblick verloren hat, dem sei zum Trost gesagt: Macht überhaupt nichts, vergessen Sie es wieder. Es ist eine naive und nichtssagende Formel für ein Problem, das sich gar nicht stellt. Geeignet allenfalls als Grußkärtchenbeigabe für Intellektuelle am Valentinstag. Genauso gut könnte man es nach der Methode Gänseblümchen machen: Ich heirate, ich heirate nicht, ich heirate, ich heirate nicht ...

Wenn Sie alles richtig machen wollen, suchen Sie bei Gewitter eine große Buche, berechnen darunter Ihr Heiratsalter mit der Formel von Prof. Dooley, trinken Wein auf Bier - und Sie werden dann garantiert erfahren, dass sich Schmerz auf Herz reimt.

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