Intelligenz: Ehrenrettung für den IQ - DER SPIEGEL
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Intelligenz Ehrenrettung für den IQ

Der Intelligenzquotient sagt den Erfolg in Schule und Beruf erstaunlich gut vorher. Eine gezielte Förderung kann den Wert verbessern, meist jedoch nicht dauerhaft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ganz unterschiedliche Begründungen mussten nach der Pisa-Blamage dafür herhalten, weshalb Bundesländer wie Bremen oder Brandenburg schlechter abgeschnitten hatten als Bayern oder Baden-Württemberg: eine sozialdemokratische Laissez-faire-Schulpolitik, viele kaum Deutsch sprechende Kinder, zu wenige Unterrichtsstunden, Unterrichtsausfall.

Eine womöglich entscheidende Ursache aber haben Bildungspolitiker und Kommentatoren übersehen: In den südlichen Bundesländern ist der Nachwuchs anscheinend intelligenter als der Bundesdurchschnitt.

Das jedenfalls stellt regelmäßig die Bundeswehr fest, die jeden Jahrgang der Wehrpflichtigen testet. Vorne liegen stets die Rekruten aus Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen - eine Rangfolge wie in der Pisa-Studie. Und die Schlusslichter sind hier wie dort Bremen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

Die Psychologen vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in Strausberg haben eine Vermutung, was dahinter stecken könnte: Wenn in einem Bundesland wie Bremen langfristig die Wirtschaft daniederliegt, ziehen viele der klügeren Köpfe in prosperierende Länder. Deren Kinder heben dann in den dortigen Schulen das intellektuelle Niveau, während es in den "Armenhäusern der Republik" bergab geht.

Guter Unterricht ist natürlich auch dort hilfreich: Gezielte Förderung, das belegen vor allem amerikanische Studien, kann die Leistungen schwächerer Kinder verbessern und sogar den Intelligenzquotienten heben. Sobald aber die Förderung endet, verblassen die Erfolge schnell.

Über aller Intelligenz steht der Parameter g

Aufgrund vieler Untersuchungen an Zwillingen und Adoptivkindern schätzen Wissenschaftler, dass etwa die Hälfte der Intelligenz auf dem Erbgut beruht.

Der Londoner Verhaltensgenetiker Robert Plomin bilanziert: "Die Beweise für starke genetische Einflüsse auf die generelle kognitive Denkfähigkeit sind klarer als für irgendetwas anderes im Bereich der Psychologie."

Obwohl sich die Forscher bislang nicht auf eine einheitliche Definition von Intelligenz einigen konnten, gilt der Parameter g vielen von ihnen als Kern der Intelligenz. Erstmals ins Spiel gebracht hatte ihn der britische Psychologe Charles Spearman Anfang des 20. Jahrhunderts. Er erklärte damit die Fähigkeit eines Menschen, bei ganz unterschiedlichen Aufgabenstellungen immer gut abzuschneiden. Als bewährtes Maß für g gilt der IQ - ein mithilfe verschiedenster Testaufgaben errechenbarer Zahlenwert, der Auskunft über die Abweichung der kognitiven Leistung zum Mittelwert 100 gibt.

Der Psychologe Howard Gardner indes hält ein einheitliches Maß für die Intelligenz für zu simpel. Acht verschiedene Intelligenzen zählt der Harvard-Professor und Autor des Buchs "Abschied vom IQ", darunter eine musikalische, eine körperliche und eine naturkundliche Intelligenz.

Was vielen Laien einleuchtet, können die meisten von Gardners Kollegen nicht nachvollziehen, zumal dieser seine Behauptungen kaum mit Daten untermauert. Die amerikanische Psychologenvereinigung APA bezweifelt etwa, dass die "körperlich-kinästhetische" Fähigkeit eine eigene Intelligenz ist und sieht darin mehr ein besonderes Talent.

Großer Wortschatz ist eine Frage der Intelligenz

Den meisten Theorien ist aber gemeinsam, dass sie Intelligenz als eine Fähigkeit sehen, sich in neuen Situationen durch Einsicht zurechtzufinden oder Aufgaben durch logisches Denken zu lösen. Einen eindrucksvollen Beweis für die Existenz von g hat der amerikanische Psychologe John Carroll geliefert. Mit großem mathematischen Aufwand analysierte er die Ergebnisse von mehr als 400 Intelligenz-Studien und entwickelte eine Pyramide intellektueller Fähigkeiten, an deren Spitze allein g thront.

Diese zentrale Begabung ermöglicht es einem Menschen, Komplexität zu verstehen und zu verarbeiten: egal, ob es darum geht, ein Mosaik aus Klötzchen mit Mustern zu legen, Analogien zu finden oder die Bedeutung von Wörtern zu kennen. Kritiker von IQ-Tests haben immer wieder bemängelt, dass Wortbedeutungs-Tests nur erlerntes Schulwissen messen. Doch die Daten zeigen: Ein hoher g geht unter anderem mit einem großen Wortschatz einher.

Offenbar lernen Menschen die Bedeutung eines Wortes nur selten anhand einer Definition oder durch bloße Erinnerung auswendig, sondern sie erschließen sie daraus, wie andere das Wort benutzen - eine zweifellos komplexe Aufgabe.

IQ-Tests verlässlicher als Assessment-Center

Die Begabung, schwierige Zusammenhänge schnell zu begreifen, ist auch entscheidend für den Berufserfolg. "Buchstäblich Tausende von Studien" hätten dies bestätigt, schreiben die Psychologen Frank Schmidt von der University of Iowa und John Hunter von der Michigan State University. Intelligenztests sagen ihrer Meinung nach verlässlicher vorher, wer bei der Arbeit erfolgreich sein wird, als die viel teureren und aufwendigen Assessment-Center, bei denen Bewerber mitunter tagelang unterschiedlichste Fähigkeiten zeigen müssen.

Eine etwas schwächere Intelligenz ließe sich durch Fördermaßnahmen zwar ausgleichen, aber nur dann, wenn die ohnehin Intelligenten dabei nicht ebenfalls gefördert würden. Andernfalls profitierten die überproportional, sodass sich ihr Vorsprung sogar vergrößern könnte.

Hinzu kommt: Wer überdurchschnittlich intelligent ist, trainiert seinen Intellekt schon von sich aus mehr als andere. Begabte Kinder finden die Schule meist interessanter, lernen fleißiger, suchen und finden häufiger eine Umgebung, die ihre Fähigkeiten aufblühen lässt. Auf diese Weise entsteht eine sich selbst verstärkende Aufwärtsspirale.

Ein ähnlicher Trend könnte die Erklärung dafür sein, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient in den vergangenen Jahrzehnten rapide angestiegen ist - und zwar in allen Ländern, für die Langzeitdaten verglichen worden sind. Holländische und israelische Rekruten etwa verbesserten ihren Intelligenzquotienten von 1952 bis 1982 um 20 Punkte, was kaum erklärbar wäre, wenn Intelligenz allein auf Vererbung basierte.

In den Tigerstaaten werden die Menschen noch klüger

Der Politikwissenschaftler James Flynn, der die "Flynn-Effekt" genannte Zunahme der IQ-Werte entdeckt hat, vermutet als Ursache eine Wechselwirkung von genetischen Einflüssen und Umweltveränderungen: mehr Zeit für neugierige Kinderfragen in kleineren Familien, nahrhafteres Essen, eine höhere Bildungsbeteiligung, anspruchsvollere Arbeitsplätze oder auch nur mit viel Nachdenken programmierbare Videorekorder. "Letztlich können kleine Auslöser sich zu großen Änderungen der mittleren Intelligenz summieren", sagt Flynn.

Dass der IQ in westlichen Ländern wie Dänemark in jüngster Zeit stagniert, in den Tigerstaaten Südostasiens aber weiter zunimmt, bestätigt die These: Hier haben sich die Lebensbedingungen auf einem hohen Niveau eingependelt, während sie sich dort noch verbessern.

Die intellektuelle Stärke oder Schwäche des Einzelnen bleibt meist ein Leben lang erhalten. Das konnte der britische Psychologe Ian Deary anhand eines zufälligen Aktenfundes zeigen. An einem Juni-Tag 1932 hatten in Schottland alle elfjährigen Schüler den gleichen Intelligenztest ausfüllen müssen. Mehr als sechs Jahrzehnte später entdeckte Dearys Team die Ergebnisse in einem Bunker des Forschungsinstituts wieder.

"Als wir den Staub von den Unterlagen bliesen, dämmerte uns, wie wertvoll diese Daten waren", berichtet der Wissenschaftler. Über Zeitungsanzeigen und Ärzte spürten die Forscher seinerzeit Getestete wieder auf und ließen sie den Test noch einmal ausfüllen - 66 Jahre später.

Bei einigen hatte sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns verändert, etwa bei einem an Alzheimer erkrankten Teilnehmer. Doch im Großen und Ganzen, so Deary, "tendierten die Menschen, die 1932 gut abgeschnitten hatten, auch 1998 zu guten Ergebnissen. Wer als Kind hingegen bescheidene Leistungen gezeigt hatte, blieb auch jetzt meist im unteren Bereich."

Von Jochen Paulus / "GEO WISSEN" 

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