Komponist Benjamin Scheuer: Liebe oder Hass, dazwischen nichts - DER SPIEGEL
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Komponist Benjamin Scheuer Liebe oder Hass, dazwischen nichts

Vom Komponieren leben? Von dem Traum müssen sich viele junge Komponisten nach dem Studium verabschieden. Benjamin Scheuer, 24, tut alles, damit seine Karriere richtig startet: Er komponiert für Fußballstadien - und Kirchen.
Benjamin Scheuer: Der übliche Weg wäre, nach dem Studium nicht Komponist zu werden
Benjamin Scheuer: Der übliche Weg wäre, nach dem Studium nicht Komponist zu werden

Benjamin Scheuer: Der übliche Weg wäre, nach dem Studium nicht Komponist zu werden

Foto: Moritz Tschermak
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Persönlichkeit, Ehrlichkeit, Fantasie, das sind für Benjamin Scheuer, 24, die höchsten Komplimente, die er für seine Musik bekommen kann. Er hat in Hamburg Komposition studiert und setzt seine Ausbildung seit diesem Semester beim Komponisten Wolfgang Rihm in Karlsruhe fort. Aber kann man Komposition überhaupt lernen?

"Eigentlich ist mein Studium mehr Selbstfindungsprozess als Lehre", sagt Benjamin. Natürlich müsse man über die Grundlagen Bescheid wissen, sein Gehör bilden und die Möglichkeiten der verschiedenen Instrumente kennen. Aber sonst? Bei einem Stück geht es vor allem um Persönlichkeit und darum, eine spezielle Sprache zu entwickeln, Stücke zu schreiben, die mehr entlarven als beschreiben.

Die Schönheit eines Stückes ist keine Dimension, die Benjamin interessiert. Er provoziert mit seinen Stücken, spielt gezielt mit den Erwartungen der Zuschauer und enttäuscht diese dann. "Ich wünsche mir Leute, die lieben, was ich mache und Leute, die es hassen. Dazwischen nichts", sagt er. "Denn in dem Moment, in dem du dich für etwas entscheidest, provozierst du automatisch." Eine klare Absage an Kompromisse und Unentschlossenheiten.

Musik für Fußballstadien und Kirchen

Gerade gibt es offenbar mehr von den Leuten, die Scheuers Musik gerne hören wollen. Sein Auftragsbuch ist voll, ein Jahr im Voraus kann er damit planen, für Benjamin ein enormer Luxus. "Ich bin völlig frei. Niemanden interessiert, wo ich meine Musik schreibe, ob am Strand, in meinem Zimmer, oder irgendwo sonst auf der Welt."

Einige Wettbewerbe hat Scheuer mit seiner Musik bereits gewonnen. Mittlerweile ist er so weit, dass potentielle Auftraggeber ihn ansprechen, nicht umgekehrt. Zum Jahresende soll er eine Messe schreiben, sein erster Ausflug in die Kirchenmusik. Einen guten Monat hinter ihm liegen die Niedersächsischen Musiktage.

Dort komponierte er für 500 Musiker an einem besonderen Ort: Bei der Aufführung verteilte Scheuer sie über verschiedene Ecken des Stadions von Hannover 96. Auf CD würde das Besondere an seinem Konzept nicht zur Geltung kommen. "Meine Musik ist für Live-Aufführungen geschrieben", sagt er.

Um Inspiration für seine Stücke zu bekommen, braucht er keine langen Spaziergänge an der Elbe oder Stunden in der Einsamkeit. Er findet sie buchstäblich nebenan. Sein Diplomkonzert sang sein Mitbewohner: "Der hat eine unnormal hohe Lache. Das habe ich für mein Stück benutzt." Auch bei der "Lachtherapie" lässt er die Zuschauer auflaufen. Sänger und Pianistin auf der Bühne kommen nicht zum eigentlichen Spiel, stattdessen bricht der Sänger in Lachanfälle aus.

Und das Publikum, dessen Erwartungen er enttäuscht will? Das schaut irritiert. Und lacht.

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