Kongo: Märchenwald und Arche Noah - DER SPIEGEL
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Kongo Märchenwald und Arche Noah

Absteigen, schieben, das Rad tragen, wieder aufsteigen: Auf der Kongo-Etappe durchquert Jurastudent Sebastian Woitsch erst den Regenwald, dann fährt er im Boot über den Kongo-Fluss. An Bord: Ziegen, Schildkröten, Affen - und ein Dieb.
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Im Ituri-Wald ist es heiß, feucht, anstrengend und – großartig! Die Farbe grün regiert. Die Straße sucht sich ihren Weg durch Bambus-Alleen und Palmen-Boulevards. Nicht selten gesteht ihr die Natur ganze anderthalb bis zwei Meter zu. Es herrscht eine geräuschvolle Stille: Tausende Vögel und Insekten quatschen und tratschen unablässig durcheinander. Ab und zu treffen wir einen allzu neugierigen Affen auf der Straße – doch meistens hört man nur, wie die Tiere durchs Geäst toben.

Die Straße - oh, wie oft habe ich sie schon verflucht. Steile Aufstiege auf Geröll, knöcheltiefer Sand, knochenharter Wellblech-Lehm und Schlamm. Stundenlang heißt es: absteigen, schieben, ziehen, das Rad tragen – aufsteigen, 500 Meter fahren – und wieder absteigen. Doch es gibt auch Traumpassagen: eine rote Piste, die sich durch den Märchenwald schlängelt. Welch verführerischer Gedanke: Der von 'Baumbart' im "Herrn der Ringe" gehütete Wald ist keine Illusion – er steht hier im Kongo. Er schläft. Doch wenn er eines Tages erwacht, wird ihn nichts aufhalten können.

Wir fahren nicht allein. Die 'Toleka' begleiten uns. Das sind Lastenradler, die bis zu 180 Kilogramm schwere Güter bis zu 500 Kilometer weit transportieren. "Chapeau! Hut ab! Meine tiefe Verneigung vor euch, die um einiges mehr leisten als wir", denke ich.

Das Finanzministerium im Regenwald

Auch im Regenwald gibt es Checkpoints, ein Immigration-Office, ein Office für Tourism Services, die Security Police, gar das Finanzministerium. Jedenfalls behaupten das die Leute, die uns abfangen. Nur zehn Dollar pro Person sollen wir zahlen - dann dürften wir weiterfahren, heißt es. Das sei "nur für unsere Sicherheit" erklärt man uns. Verhandlungsgeschick ist gefragt. Doch nach stundenlangen Prozeduren und Diskussionen ist es nicht selten ein herzlicher Abschied - und ein kostenloser obendrein. Das Empfehlungsschreiben der Botschaft in Kampala erwies sich als existenziell– ein offizielles Schreiben und Stempel sind im Kongo unverzichtbar!

Obwohl es so viele Pflanzen gibt, sucht man im Regenwald oft vergeblich nach Früchten. Eine Ananas ist eine Köstlichkeit - und selten. "Wari na Maharagi", ein Gericht, das aus Reis und Bohnen besteht, sind unser zweimal täglich Brot. Manchmal essen wir Affen- und Antilopenfleisch. Für uns mag es ein großes Abenteuer sein – für die Menschen im Wald ist das Leben hart.

Das Boot auf dem Kongo-Fluss

Das Boot, in dem wir sitzen, heißt M/B NZINGA. Es ist ein abenteuerliches Ungetüm, eine Mischung aus Marktplatz und Lastenkahn. 850 Tonnen Ladung, 300 Menschen, 300 Ziegen, Schweine, Hühner und Enten, Papageien, Affen, eine Flussschildkröte, zwei Warane und ein lebendes Krokodil – unsere 'Arche' hat in der Tat einiges zu bieten und all dies auf einer Fläche, die weniger als ein halbes Fussballfeld groß ist. Der 150 PS starke Motor beschleunigt das Boot auf stolze 130 bis 150 Kilometer am Tag bei etwa 12 Stunden Fahrzeit, so wir nicht gerade in einem der zahlreichen Dörfer liegen, um neue Ladung aufzunehmen. Viel Zeit, einen "Spaziergang an Bord" zu machen.

Die Mannschaft

  • Alphons – das ist unser Kapitän: Mit unerschütterlicher Gelassenheit steht er auf der Brücke, gibt seinen Gehilfen mit knappen Handzeichen die Richtung an. Alphons ist ein Fluss-Urgestein, auf 70 Jahre kann er bereits zurückblicken. Er gehört zu jenen Männern, die den Fluss "lesen" können, ihn wie ihren Handrücken kennen. Das graue Haar ist dank der Beinahe-Glatze kaum zu erahnen – und würde ihn doch nur noch etwas würdevoller erscheinen lassen. Mit Alphons auf der Brücke haben wir keine Angst, dass wir irgendwann auf eine der zahlreichen Sandbänke auflaufen.
  • Germaine - er ist ein Major der kongolesischen Armee und inoffizieller Chef der inoffiziellen Bordpolizei. Er hat seine kleine Tochter dabei um sie nach Kinshasa zu bringen. Germaine ist ein ruhiger, sanft wirkender Mann, der uns stetig mit neuen Nachrichten aus der Hauptstadt versorgt. Seine erschöpfende Analyse: Es gibt Kämpfe zwischen Bemba und Kabila – doch ihr seid Weiße! Für euch kein Problem!
  • Chico und Therese - die "Regierung" des Bootes. Chico ist Major der Seestreitkräfte. Seit vier Jahren fährt er jährlich viermal die 1700 km lange Strecke und hat sich eine gewisse Routine erarbeitet. So richtig zu schocken ist Chico nicht mehr – "Alles schon mal erlebt!", sagt er.

  • Modeste - er ist immer in Bewegung und scheint an zwei Orten gleichzeitig sein zu können. Sein Gesicht ist die Manifestation des Lachens. Modeste ist – ja was eigentlich? Lademeister, Steuermann, Ticketkontrolleur, leitender Gewerkschaftsführer kurz: Mann für alle Fälle und ein wenig die Seele des Bootes. Verheiratet mit zwei Frauen und (selbst ernannter) Muslim ist er einer gemeinsamen Zigarette NIE abgeneigt. Mit Modeste kann man wunderbar Bier trinken und darüber philosophieren, mit wie viel Frauen man gleichzeitig tanzen kann – drei sind ideal!

Schwein über Bord

Vom Schwein bis zur Flussschildkröte – es ist eine illustre Schar, die sich auf unserer Arche versammelt. Dabei gibt es kaum eine räumliche Trennung von Tier und Mensch. Ziege drängt sich an Schwein drängt sich an Mensch – ein phantastisches Getümmel aus Füßen, Flügeln, Hufen und Pfoten. Da verwundert es kaum, dass sich der ein oder andere durch einen kühnen Sprung ins vermeintlich Freie zu retten versucht. "Schwein über Bord!", ruft jemand. Sofort drosselt Alphons den Motor, ein Rettungseinbaum startet und nach fünf Minuten ist der reuige, triefende Ausreißer wieder zurück bei den Seinen. Ausreißer und Besitzer haben noch einmal "Schwein gehabt" – ersterer behält sein Leben, letzterer seine Investition.

"Haltet den Dieb"

Plötzlich ist das Deck überfüllter als gewöhnlich. Chaos regiert, dazwischen hört man Schreie. Unsere "Bordpolizei" zerrt einen Mann nach oben. "Voleur", rufen sie mir zu. Ein Dieb. Es stellt sich heraus: Der Mann hat offenbar gehofft, sich im Gewimmel unseres Bootes unerkannt mit seinem Diebesgut, das er im letzten Dorf erbeutet hat, aus dem Staub zu machen. Das kann er vergessen: Im nächsten Ort soll er der Polizei übergeben werden. Doch bereits an Bord erfolgt die erste Bestrafung: Prügelstrafe. Mehrere Männer und ein zehnjähriger Junge führen sie durch. Ein Versuch, einzuschreiten stößt auf taube Ohren. Zwischen den Schreien erklärt man uns freudestrahlend: "So ergeht es Dieben im Kongo!"

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