Minister machen mobil Der grenzenlose Student
"Für die meisten ist Bologna bloß eine schöne italienische Stadt", fasste Ute Erdsiek-Rave als Vertreterin der deutschen Kultusministerkonferenz das Problem am Freitag in Berlin zusammen. Und traf ins Schwarze. Denn der so genannte "Bologna-Prozess" ist für viele, auch für Akademiker, eine unbekannte Vokabel. "Der Prozess jedoch ist unumkehrbar", stellte die Ministerin fest. Zwei Tage lang hatten sich Bildungsminister aus über 40 Ländern, Vertreter der EU, der Hochschulen und der Studenten in Berlin versammelt. Ziel des Treffens: eine verbindliche Marschroute für eine umfassende Reform der europäischen Hochschulen festzuschreiben.
Hinter dem "Bologna-Prozess" verbirgt sich das ehrgeizige Projekt, einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen - eine Art Pendant zum europäischen Binnenmarkt. Im Jahr 1999 hatten sich 29 Bildungsminister in Bologna getroffen, um die Kräfte Europas in Sachen Bildung zu bündeln. Studenten von Lissabon bis Budapest, von Oslo bis Madrid sollen künftig nach gleichen Kriterien und unter gleichen Bedingungen studieren können und Leistungen und Ansprüche europaweit mitnehmen. "Studieren ohne Grenzen" lautet das Schlagwort.
Bisher blieb es bei bloßen Absichtserklärungen. In Berlin jedoch, wo nach dem letzten Treffen 2001 in Prag jetzt Bilanz gezogen werden sollte, wurden erstmals konkrete Zusagen gemacht. Um im Binnenmarkt-Vergleich zu bleiben: Es wurden zwar noch keine Euro-Münzen ausgeteilt, aber zumindest schon die Wechselkurse festgezurrt. Das alles, so Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, zeuge "von der politischen Kraft Europas".
Für die deutsche akademische Tradition bedeutet dies einen Hauch von Revolution, betrachtet man die Kernpunkte der Reform: So sollen bis 2005 alle Universitäten damit begonnen haben, ein zweistufiges System von Bachelor- und Master-Studiengängen einzuführen. Ergänzt werden die Abschlüsse - ein Ergebnis aus Berlin - durch ein Doktoranden-Studium als Nahtstelle zur Forschung. Und die Abschlüsse bekommen ein so genanntes "Diploma Supplement", eine Art Inhaltsangabe, damit sie überall anerkannt werden.
Evelyn Findeisen und Ulrike Thalmann von der FH Potsdam gewannen den zweiten Preis beim Postkarten-Wettbewerb des Deutschen Studentenwerks. Die Potsdamer Studentinnen finden, dass Menschen in anderen Länder manchmal gar nicht so anders sind.
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Sebastian Schmidt: Dem Kunststudenten aus Halle gelang es...
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...neben dem dritten auch noch den vierten Preis zu holen - sein Motiv zeigt, dass auch das Studium Grenzen hat.
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2. Preis, 2. Teil: Die beiden Potsdamer Studentinnen lassen Geschlechter-Gerechtigkeit walten. Den ersten Preis gewann Katrin Kaufmann mit ihrer "Reisespass"-Idee.
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Grenzenlos studieren: Vier Gewinner eines Design-Wettbewerbes des Deutschen Studentenwerks - klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen. |
Zweitens soll jeder Kurs mit einem europaweiten System von Leistungspunkten, dem "European Credit Transfer System" (ECTS), bewertet werden. Drittens soll eine Art TÜV-Prüfung - die Akkreditierung - die Qualität der Studiengänge sichern. Ansprüche und Leistungen, also auch Bafög-Zahlungen, sollen die Studenten in die "Bologna-Länder" mitnehmen können - wobei deutsche Studenten dies nach deutschem Hochschulrecht für das Studium in einem EU-Staat bereits nach zwei Semestern dürfen.
Abschied nehmen vom Diplom
Auch wenn EU-Bildungskommissarin Viviane Reding die Berliner Vereinbarung als "Meilenstein" für einen europäischen "Wissenschaftskontinent" feierte, hapert es oft mit der Umsetzung der Ziele in der Realität - gerade in Deutschland, wo die Länder die Vorgaben unterschiedlich schnell erfüllen. Denn die finanziell in den letzten zwanzig Jahren ausgehungerten Hochschulen brauchen für die Umstellung, das haben ihre Rektoren bereits deutlich gemacht, vor allem eins: Geld.
Bisher wurde die Einführung recht stiefmütterlich behandelt. Mit 100 Millionen Euro fördert der Bund zwar bereits die Einführung der neuen Abschlüsse. Doch von den rund 1900 Studiengängen auf Bachelor- und Master-Basis - von insgesamt 15.000 Studiengängen - wurde erst ein Viertel akkreditiert, also auf ihre Qualität hin überprüft. Rund vier Prozent der Studienanfänger nutzen den gestuften Studiengang erst, auch wenn die Tendenz steigt.
Am Geld allein hapert es allerdings nicht, auch am Willen der Hochschulen. Bereits vor zehn Jahren begannen die ersten Universitäten, etwa in Bochum und Augsburg, gestufte Studienmodelle umzusetzen. Doch andere Hochschulen zogen nur zögernd nach, die Traditionalisten in der durchweg konservativen Professorenschaft wehrten und wehren sich mit Händen und Füßen gegen Bachelor und Master - sie wollen an den "bewährten Abschlüssen" Diplom und Magister festhalten, fürchten sich vor einer "Amerikanisierung" der deutschen Hochschullandschaft.
Vorsicht, die Abseitsfalle schnappt zu
Sowohl bei Bachelor und Master als auch beim Kreditpunkte-System hinkt Deutschland, Gastgeber der Berliner Tagung, mit den Hausaufgaben hinterher. Und fing sich erst kürzlich einen Rüffel aus Brüssel ein: Nicht einmal 300 von insgesamt über 9000 grundständigen Studiengängen hätten bereits das Punktewertung umgesetzt, die den Hochschulwechsel international wie national erleichtern soll, kritisierte die EU-Kommission.
Studenten indes haben keine Lust, bei einem Auslandssemester ein, zwei Semester Zeit zu verlieren, nur weil ihre Studienleistungen schleppend anerkannt werden und die Hochschulsysteme international nicht kompatibel sind. Nun gerät Deutschland unter Druck; die Hochschulen werden von der Politik aufgefordert, die EU-Beschlüsse umzusetzen. In einer Grauzone werden alte und neue Abschlüsse nebeneinander existieren. Und bisher neigen deutsche Hochschulen zum Etikettenschwindel: Vielfach kleben sie auf einen alten Studiengang nur einen neuen Namen, ohne die Studieninhalte zu entrümpeln und zum Beispiel praxisnäher zu gestalten. Und so wird aus dem Vordiplom flugs der Bachelor - Umtopfen für Fortgeschrittene.
Wenn Deutschland die Bologna-Beschlüsse indes ernst nimmt, ist bis 2005 keine Zeit zu verlieren. Unterdessen sind die Studenten, sofern sie die neuen Studienmodelle überhaupt kennen, verunsichert: Sollen sie den Bachelor als neuen Regelabschluss wählen? Was ist in zwei Jahren? Werden Leistungen überhaupt anerkannt?
Geht es etwa allein ums Sparen?
Prompt organisierten Studenten denn auch eine eigene Veranstaltung unter dem Motto "Eine andere Bildung ist möglich" in der Humboldt-Universität. 600 Studenten aus 20 Ländern nahmen an einem kürzlich aus der Taufe gehobenen "European Education Forum" (EEF) teil. Im Vorfeld hatten Studentenvertreter bereits kritisiert, in Deutschland würde der Bologna-Prozess "à la carte" umgesetzt. "Bologna", so die Studenten, sei also nur ein Vorwand, kürzere Studienzeiten einzuführen und Geld zu sparen.
"Die Deutschen machen es lieblos, die ziehen nur die Sparkiste durch", kritisierte Bastian Gronloh, Pressesprecher des EEF. Auch sage das Kreditpunkte-System ECTS nichts über den tatsächlichen Aufwand, den die Vorlesung oder das Seminar gemacht hat, aus. Die Studenten fordern insgesamt mehr Mitbestimmung. Die Studentenvertreter, die an den Verhandlungen beteiligt waren, sind inzwischen allerdings optimistischer gestimmt.
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Zumindest der deutsche Protest ist verständlich, hat die Hochschulreform für die Studenten eine besondere Nuance: Im europäischen Vergleich konnten sie es sich an der Uni bisher recht gemütlich machen. Doch das deutsche Kuschelstudium mit unverbindlichen Semesterwochenstunden, oft gestreckt auf 16 Semester, könnte der Vergangenheit angehören. Denn mit dem "Bologna-Prozess" wird auch sichtbar, dass die europäischen Kommilitonen deutlich kürzer studieren.