Ninas Chicago-Report: Sweet Home Chicago - DER SPIEGEL
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Ninas Chicago-Report Sweet Home Chicago

Nina Breitsprecher, 25, arbeitet für einige Monate an einem Museum in Chicago. Für UniSPIEGEL ONLINE führt die Studentin Tagebuch - über den Alltag in der US-Metropole, ihr Praktikum und die Kunstszene. In der ersten Folge: Humphrey Bogart, elegante Wolkenkratzer und der Truthahn zu Thanksgiving, ein dickes Ding.
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24. November: Tür an Tür mit Sam Spade

Ich sitze in den weitläufigen Wohnräumen des 3 Arts Club am Fenster. Irgendwer spielt im Kaminzimmer auf dem Flügel. Durch das Sprossenfenster, vor dem der iMac steht, sieht man auf eine kleine Seitenstraße. Im gelben Laternenlicht tanzt der Schnee über parkenden Autos vor einer kleinen Wäscherei.

Die Wohnflure in den oberen Stockwerken des Clubs sind die Kulisse für einen film noir: Vierziger Jahre, schwarz-weiß, von den Türen blättert die Farbe schon ein wenig, den Gang erleuchten altmodische Hängelampen. Vielleicht ist am Ende des nächsten Flurs eine Tür, und hinter der Glasscheibe mit den Lettern "Sam Spade - Private Investigations" kippt Humphrey Bogart am Schreibtisch gerade einen Whiskey...

Hier wohne ich. Der Club ist eine Mischung aus Studentenwohnheim und Galerie, aus dunkelrotem Backstein mit Springbrunnen und reicher Vegetation im Innenhof, um 1900 im "italienischen" Neorenaissance-Stil erbaut, um Frauen in der freien Kunst mit Wohn- und Arbeitsräumen zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit findet in diesem elegant-gediegenen Ambiente auch kleine Ausstellungen statt.

Am etwa fünf Gehminuten entfernten Strand hängt der Mond über der Skyline am See. Die windy city macht ihrem Namen alle Ehre. Hohe Wellen peitschen gegen die Promenade am Lake Shore Drive, die eisige Luft beißt mir ins Gesicht.

Das Viertel zwischen 3 Arts Club und Strand nennt sich Gold Coast, genau so sieht es auch aus. Vor gepflegten Hausfassaden parken Porsches und der eine oder andere Jaguar, vor den Hauseingängen prangen üppige Blumentöpfe. Und vor allem: Kürbisse jeder Größe, von Billardkugel bis Medizinball, liegen im Schnee - auf den Eingangsstufen, Fensterbrettern, in den Blumenkübeln. Alle haben mittlerweile dekorative Mützchen aus Schnee bekommen, in der Luft liegt der Duft der Kaminfeuer.

25. November: Skyscraper, I love you

Die Subway hier ist unglaublich laut, noch nie habe ich eine solche Lautstärke in einem U-Bahn-Tunnel erlebt, einfach ohrenbetäubend. Die Haltestelle am Art Institute heißt Monroe, der Aufgang endet mit einem Blick auf den Lake Michigan. In Sichtweite befindet sich das Institut im verschneiten Grant Park. Chicago ist sonnig und grün und luftig, durchzogen vom breiten Chicago River. Die Wolkenkratzer dieser Stadt sind weder monströs noch düster, sondern recken sich elegant und glitzernd gen Himmel.

Das Art Institute ist eines der renommiertesten Museen in den USA und muss den Vergleich mit dem Metropolitan in New York durchaus nicht scheuen. Das ehrwürdige Hauptgebäude, anlässlich der Weltausstellung im prunkvollen Neoklassizismus gebaut, hat seither unzählige Anbauten bekommen und nimmt mittlerweile einen ganzen Block ein.

26. November: Der heilige Mies

Meine Arbeit führt mich jetzt auch in die warehouses. In diesen Depots bewahrt das Museum die Kunst auf, die gerade nicht in den Ausstellungsräumen hängt, also 75 bis 85 Prozent des Bestandes. Hier sehe ich mir die Originale der Zeichnungen Ludwig Mies van der Rohes an, katalogisiere sie und recherchiere, um welche Objekte es sich eigentlich handelt, indem ich Inhalt, Stil und Beschriftung vergleiche. Der deutsche Architekt Mies van der Rohe lehrte zunächst am Bauhaus und lebte ab 1937 in den USA, wo er in Stahlskelettbauweise zahlreiche Hochhäuser errichtete.

Mitunter wird diese Arbeit absurd. Denn gesammelt wurde jeder Schnipsel, jede Serviette, auf der Mies eine spontane Eingebung notierte. Mitunter handelt es sich um vier waagerechte und drei senkrechte Striche handeln, mit denen er eine Raumaufteilung andeuten wollte - und man erkennt nicht mal, wie herum das eigentlich zu betrachten ist…

Von solchen Exemplaren haben wir eine ganze Reihe, undatiert natürlich. Die Arbeit ist aber trotzdem spannend. Jedes Mal, wenn man mehr über eine Zeichnung herausgefunden hat und das dem Katalog hinzufügen kann, ist es ein kleiner Triumph. Außerdem ist Mies einer der Architekten Chicagos. Es heißt, in Chicago gebe es drei Heilige: St. Frank, St. Daniel und St. Mies.

28. November: Amerika im Kaufrausch

In den Staaten ist Thanksgiving ein Feiertag, der Weihnachten in nichts nachsteht. Das Thanksgiving-Wochenende ist das mit dem höchsten Verkehrsaufkommen im ganzen Jahr. Jeder besucht seine Verwandten.

Ich hatte das Glück, bei Kates Familie zum Thanksgiving-Dinner eingeladen zu sein. Zwanzig Menschen im Alter von zwei bis 90 sitzen zusammen in einem Haus in einer Vorstadt im Schnee. Es gibt einen Truthahn, wie es sich gehört - ich hatte ja keine Ahnung, dass die Dinger sooo riesig sind! Wahrscheinlich erklärt das die monströsen Kühlschränke und die geräumigen Backöfen in den Staaten. Dazu Kartoffelmus, süße Kartoffeln, Cranberries, Füllung, Bohnen und Soße. Köstlich! Und Applepie!

Die Kinder tollen durch die Wohnung, werfen mit Kissen und fallen von Sofas. Die Urgroßmutter erzählt ihre Geschichte, wie sie im Alter von 66 allein mit Gepäck durch Europa gereist ist und so ihren zweiten Mann kennengelernt hat. Und Kates Eltern sind riesig und rund und strahlen fröhlich in die Runde.

Auf der Kommode stehen vier Holzfiguren mit runden Köpfen, ein Siedler- und ein Indianerpaar. Kates Vater erzählt uns die Thanksgiving-Geschichte: dass die Indianer die trotteligen Siedler retteten, die sonst ohne Essen ihren ersten Winter in der Neuen Welt nicht überlebt hätten. Seitdem werde dieses Fest des Dankes jedes Jahr zum Winterbeginn gefeiert. Ich denke, dass die Einwanderer ihre Lebensrettung den Indianern schlecht vergolten haben. Aber da die Stimmung so vergnügt ist, spare ich mir die Anmerkung.

Auf dem Heimweg ist der Highway voller amerikanischer Riesenautos. Dicht an dicht fahren sie aus den Vorstädten zurück nach Chicago. Morgen ist After Thanksgiving Sale - der Tag, an dem so viel Geld ausgegeben wird wie im ganzen Jahr nicht.

Seltsam: Traditionell wird am Tag der Dankbarkeit zelebriert, zufrieden und glücklich zu sein über die Dinge, die man hat, ohne um etwas zu bitten. Und das wird gleich kompensiert durch die Befriedigung aller bis dahin angestauten Wünsche. Im Durchschnitt geben die Einwohner Chicagolands an diesem Freitag 1849 Dollar aus. Ich beschließe, einen großen Bogen um die Innenstadt zu machen.

Von Nina Breitsprecher