Patienten-Puppen: Androiden unterm Messer - DER SPIEGEL
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Patienten-Puppen Androiden unterm Messer

Dem Patienten das falsche Medikament gespritzt? Kein Problem. Das falsche Organ herausgenommen? Dann eben noch mal von vorn. Medizinstudenten trainieren das Operieren neuerdings an täuschend echten Puppen. Dummy Franz Schmitt atmet wie Darth Vader, blutet - und verzeiht fast alles.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die Medizinstudenten der Uniklinik Frankfurt am Main im sechsten Semester zum ersten Mal im Operationssaal hantieren, machen sie eine Menge falsch. Sie spritzen das falsche Medikament, vergessen die künstliche Beatmung oder schieben den Tubus-Schlauch versehentlich in den Magen anstatt in die Lunge.

Zum Glück nimmt Patient Franz Schmitt den Anfängern die handwerklichen Fehler nicht übel. Auch wenn das EKG neben dem Operationstisch mit jaulendem Pfeifton vor dramatischem Blutdruckabfall warnt, gibt sich der Mann auf dem Operationstisch hartnäckig - so schnell stirbt Franz Schmitt nicht.

Denn der Patient ist ein Dummy, an dem Ärzte in der Ausbildung das Operieren trainieren.

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Patienten-Roboter: Androiden unterm Messer

Foto: Carola Padtberg

Wenn Assistenzarzt Rolf Kirchner, der die Übung leitet, die Bauchdecke von Franz Schmitt lüftet, quillt aus dem künstlichen Patienten ein Wust an Elektronik hervor: Der Dummy ist vollgepackt mit Kabeln, er besteht aus mechanischen Bauteilen, Computerplatinen und einem pneumatischen Herz-Kreislauf-System aus Schläuchen und Gummimuskeln.

Wahlweise dick, dünn, alt oder jung

Holt die Puppe Luft, so klingt das wie Darth Vaders Atmungsmaske. Doch der Zombie mit den gleißend blauen Augen wird für angehende Mediziner allmählich zum alltäglichen Arbeitsgerät. Seit Anästhesie im vergangenen Jahr zum Pflichtfach für alle Medizinstudenten geworden ist, hat jede Uniklinik eine High-Tech-Puppe zum Üben angeschafft.

Die Reaktionen des künstlichen Patienten werden über ein Hochleistungs-Computernetzwerk gesteuert. Von seinem Laptop aus kann Rolf Kirchner eingeben, welche Krankheit den Patienten befallen soll. Je nach den Vorgaben ist er jung, alt, dick, dünn, männlich oder weiblich.

Wärend sich der Brustkorb des Androiden hebt und senkt, tastet Sabrina Kerp, 24, nach seinem Puls. "Zehn Milligramm Nimbex intravenös injizieren", raunt die Studentin dem OP-Pfleger zu. Die Puppe muss beatmet werden, dabei passt Kerp auf, dass sie die Zunge des Patienten nicht verletzt.

Die angehende Unfallchirurgin ist froh, dass sie an einem Roboter üben darf, bevor sie am Menschen operieren muss. "Theoretisch weiß man ja, wie es geht - doch wenn man zum ersten Mal einen Patienten auf dem OP-Tisch liegen hat, kriegt man doch viel durcheinander."

Pupillen reagieren auf Licht

Doch auch Mediziner, die sich nicht auf operative Intensivmedizin spezialisieren und später Hausarzt werden, bekommen den Androiden unters Messer. Der Aha-Effekt war bislang in der Ausbildung nicht möglich - jetzt können die ausgeklügelten Roboter sogar mit ihren Pupillen auf Lichteinfall reagieren.

Einige Universitäten besitzen Dummies, die noch mehr drauf haben als Franz Schmitt. Privatdozent Johannes Schulze hat für die Frankfurter Studenten zusätzlich einen Diagnose-Dummy konstruiert: Der lebensgroße Roboter lässt pathologische Töne aus seinem Torso entweichen. "Früher lauerten Ärzte in der Ausbildung monatelang darauf, einem Asthma-Patienten einmal ihr Stetoskop auf die Brust drücken zu können", erklärt Schulze. "Mit meiner Computerpuppe hat das studentische Gerangel um Symptome ein Ende."

Schulze hat mehr als 50 Krankheitsgeräusche von echten Patienten auf Tonband gespeichert und spielt sie über in der Puppe installierte Mini-Lautsprecher wieder ab.

Die Würzburger Mediziner haben einen vollständigen Narkosearbeitsplatz um den Simulator aufgebaut - eine Investition von 700.000 Euro. "Unsere Studenten lernen wie Piloten im Flugsimulator", sagt Oberarzt Herbert Kuhnigk, der die Grundlagen für das neue Ausbildungskonzept in Würzburg erarbeitet hat. Wie die Studenten die Puppe behandeln, dokumentiert Kuhnigk auf Video und bespricht dann die Aufzeichnungen mit den Studenten.

Lungenblutung, dann ein Magengeschwür

Nicht nur junge Semester hantieren mit der Puppe, auch fertig ausgebildete Ärzte feilen so an ihren Fertigkeiten.

"Lungenblutung" lautet an der Uniklinik Mainz regelmäßig das Krisenszenario im Simulationszentrum. Hier probt Professor Wolfgang Heinrichs mit Kleinstgruppen von zwei bis drei Chirurgen den plötzlichen Ernstfall. Eine Hand im sterilen Gummihandschuh führt einen Laser ein, eine andere spritzt Adrenalin. Das Blut muss abgesaugt werden, damit der Patient wieder Luft bekommt. Über Monitor wird im Körperinnern operiert. Dann ein blutendes Magengeschwür. Der Chirurg schiebt das 8-Millimeter-Gastroskop in den Magen und drückt kleine Metallklemmen in die Magenschleimhaut, um das blutende Gefäß zu verschließen.

Beim nächsten Fall soll ein Herzkatheter gelegt werden - ein minimal-invasiver Eingriff, bei dem der Körper nicht mehr geöffnet, sondern über eine kleine Kamerasonde operiert wird. Das erfordert viel Übung, für die der 250.000 Euro teure "Human Patient Simulator" herhalten muss. Alle simulierten Gewebe und Organe sind verletzbar und bluten nach den Schnitten.

Mehr als 70 Ernstfälle spielt Heinrichs auf diese Weise regelmäßig mit den Ärzten durch, mit Operationen im Minutentakt. Dabei trainieren die Studenten auch die Teamarbeit im OP: Wie ein operierender Chirurg mit dem Anästhesisten und der Schwester spricht, lässt sich besser als aus dem Lehrbuch über dem geöffneten Körper des Androiden trainieren. Und wenn etwas schief geht, wird eben der Computer neu gestartet.

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