Schnappschuss aus Cambridge: Schlaue Schluckspechte - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schnappschuss aus Cambridge Schlaue Schluckspechte

Cambridge-Studenten sind nicht nur akademisch Spitze, sie saufen auch Kommilitonen aller anderen britischen Unis locker unter den Tisch. Grund für die Alkohol-Rekordwerte ist nicht nur der Spaß an rituellen Trinkexzessen, sondern ebenso Leistungsdruck und Versagensangst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als in dieser Kolumne kürzlich zu lesen war, Prinz Harry passe gut nach Cambridge, weil seine Hobbys Kiffen und Alkohol hier so populär seien, schrieb mir ein erboster Kommilitone. In deutschen Medien, schäumte er, seien derzeit Berichte über Trinkgelage an britischen Traditionsunis viel angesagter als über die harte Büffelei. Ein anderer Leser merkte an, in seiner Zeit in Freiburg habe er auch jede Menge Studenten nach wilden Partys komatös im Rinnstein gesichtet.

Ich war zwar noch nie an der Uni Freiburg (nach diesen Informationen definitiv ein Versäumnis),  hatte aber nicht wirklich bezweifelt, dass deutsche Studenten ebenfalls von der Existenz enthemmender Substanzen wissen. Es ist auch wahr, dass über Alkoholkonsum in Cambridge überproportional häufig berichtet wird. Doch dafür gibt es zwei klare Gründe.

Wenn bezechte Studentinnen nackt herumirren

Erstens sind Oxford und Cambridge noch immer magische Orte in Großbritannien, vielleicht sogar weltweit. Und so rückt das Studentenleben dort ganz selbstverständlich ins Brennglas der Medien (das zeigt sich etwa, wenn nahezu alle britischen - und auch internationalen - Zeitungen ihre Titelseiten frei räumen für Storys über ein Cambridge-College, nachdem ein Professor sich per Rundbrief über zu viele nackt herumlaufende betrunkene Studentinnen beklagt hatte).

Zweitens gibt es wohl kaum eine andere Uni, an der durch das enge Zusammenleben das Trinken so selbstverständlich in den akademischen Alltag integriert ist. Die 31 Colleges bieten eine unvergleichliche soziale Szene: College-Dinner mit Wein, College-Bars, geförderte "drinking societies", Wein- und Whiskeyproben, Pubtouren...

Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass "it will all end in beers", wie ein frisch Graduierter unlängst seine Eindrücke aus drei Studienjahren zusammenfasste. Aber ein sonst recht steifes College-Abendessen wird halt gleich viel entspannter mit intellektuellen Trinkspielen (wer die Münze in sein Glas geworfen bekommt, muss es austrinken). Eine Party in zugigen Mittelalterunterkünften gewinnt auch hormontechnisch eine gewisse Dynamik durch freie Wodka oder Martini (in der Uni-Zeitung ist zu dem Thema schon mal Dorothy Parkers unschlagbare Selbsteinschätzung zu lesen: "Nach drei Martini liege ich unter dem Tisch, nach vier unter dem Gastgeber").

Geht Delirieren über Studieren?

Und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz, den Briten ja rasch entwickeln, lässt sich an vielen Ecken auch für Alkohol feststellen: So hält der große Getränkeshop gegenüber von King's College auf einer Tafel mit Strichen fest, welches College gerade im Alkoholeinkauf führt. Und die zahllosen "drinking societies" konkurrieren nicht nur bei den Exzessen, sondern auch bei den durchaus gewöhnungsbedürftigen Aufnahmeriten (da ich wohl nie Mitglied einer rein weiblichen "drinking society" werde, kann ich leider auch nicht herausfinden, was der Programmpunkt "Essen eines Mars-Riegels aus einer Jungen-Unterhose" bedeutet und wie das nach den vorgeschriebenen mehreren Flaschen Wein funktioniert).

Aber was ist nun mit dem Vorwurf, die harte Büffelei und die akademische Exzellenz - beides unbestritten - gingen unter, wenn die Medien sich nur für Saufgelage interessieren? Als die Statistik veröffentlicht wurde, Cambridge führe landesweit auch bei den Ausgaben für Drinks (übrigens viermal so viel wie für Bücher), verfasste eine Studentin eine sehr gelassene Analyse. Sie sei einfach stolz darauf, dass man die Leichtgewichte der anderen Unis sowohl akademisch als auch partytechnisch unter den Tisch gesoffen habe. Denn solange beides funktioniere, habe man garantiert kein Alkoholproblem, egal was die Medien schrieben.

Ganz so entspannt hören sich die Beobachtungen der Uni-Seelsorgedienste allerdings nicht an. Sie sorgen sich eher um das seelische Wohl der Studenten sorgen als ums akademische Image. Der Anteil an depressiven und ausgelaugten Kommilitonen liegt in Cambridge weit ueber dem britischen Durchschnitt. Viele davon greifen aus Frust und Stress zur Flasche - gebeutelt von endlosen Lektürelisten, Essays und "supervisions" in jeder Woche. Und von Abschlussexamina, in deren Zeit ein College so besorgt um die Konstitution der Studenten ist, dass es seinen hohen Turm sperrt, vielleicht damit sich niemand hinunterstürzen kann.

Zudem kann das einzigartige College-Leben auch einzigartig furchtbar für manche Studenten sein: In seinem Buch "Britain on the couch" spricht der Psychologe Oliver James vom "Oxbridge-Phänomen". Damit beschreibt er die Spannungen, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, die vorher stets herausragten und nun nur einer unter vielen Begabten sind.

Aber es gibt Hoffnung im größten Blues. In einigen Wochen sind hier die Examina vorbei, und eine ganze Juniwoche, die konsequenterweise "May Ball Week" genannt wird, ist feucht-fröhlichen Gartenpartys und Bällen gewidmet. Manche sehen sie als das größte Fest jenseits von Rio, was sich wohl auch auf das Alkoholangebot bezieht - und der einzige Druck in der Zeit ist, dass man in der Trinkstatistik ja nicht hinter Oxford zurückfallen darf.