Studieren in Schneeberg: "Wir waren schockiert"
Schneeberg Studenten machen mobil gegen rechte Hetzer
Hochkonzentriert schiebt der fünfjährige Milan* die Achse in das Holzauto und steckt kleine Holzräder auf die Enden. Sein Blick wandert hoch zu Philipp Ebersbach. Der Student nickt Milan zu und macht ihm vor, wie er das Auto bemalen kann.
Milan und Philipp können nicht miteinander reden. Der kleine Junge ist als Flüchtling mit seinen Eltern ins sächsische Erzgebirge gekommen, er spricht nur Mazedonisch und etwas Russisch. Aber beim Holzbasteln verstehen sich die beiden auch ohne Worte.
Neben ihnen werkeln noch neun weitere Kinder an Holzspielsachen, im Spielzimmer des Asylbewerberheims in einer Kaserne am Rande des sächsischen Schneeberg. Die jungen Flüchtlinge kommen aus Serbien, Tschetschenien oder Mazedonien. Angeleitet werden sie von Philipp und seinen Kommilitonen von der Fakultät für Angewandte Kunst.
Den Studenten geht es bei ihren Bastelnachmittagen darum, Solidarität und Nächstenliebe zu zeigen, gerade in der Weihnachtszeit und gerade in Schneeberg. "Wir wollen den Flüchtlingen sagen: Ihr seid hier willkommen. Besonders nach den letzten Wochen", sagt Philipp. Denn ihr Studienort ist jüngst nicht mehr nur für die gute deutsche Tradition des Schwibbogenbaus und für Holzarbeiten bekannt, sondern leider auch für Fremdenhass und Unkultur.
Am 19. Oktober hatten sich in der 15.000-Einwohner-Stadt 1500 Menschen zu einem ersten fremdenfeindlichen Fackelumzug eingefunden, organisiert vom sächsischen NPD-Kader Stefan Hartung. Der kaum verhohlen fremdenfeindliche "Lichtellauf gegen Asylmissbrauch" war eine Großdemo gegen 250 kürzlich nach Schneeberg verbrachte Asylsuchende. Die nationale Aufwallung katapultierte die sächsische Kleinstadt aus der Düsternis des Erzgebirges ins bundesdeutsche Rampenlicht.
"Hoffentlich holen sie dich aus deiner Bude!"
"Wir waren alle schockiert", sagt Vivien Tauchmann, 23, über den rechtsextremen Marsch direkt vor ihrer Haustür. Auf einem Handyvideo hat die Modedesign-Studentin beklemmende Szenen dieses Abends festgehalten: Mit einigen Kommilitonen und dem CDU-Bürgermeister Frieder Stimpel stand sie am Rande der fremdenfeindlichen Kundgebung. Die Fackelträger beschimpften den Bürgermeister als "Volksverräter" und pervertierten den Wendeslogan "Wir sind das Volk". Ein Fackelmann rief Viviens Freund zu: "Hoffentlich holen sie dich aus deiner Bude!"
Etwa 200 Studenten lernen an der Fakultät Angewandte Kunst, sie ist eine Außenstelle der 25 Kilometer entfernten Westsächsischen Hochschule Zwickau. Die meisten Schneeberger Studenten kommen aus der Region, der Umgang ist familiär, die Vertrautheit groß. Ihre Werkstätten stehen ihnen immer offen, und Wohnungen werden per Handschlag vermietet. Doch plötzlich ist das familiäre Schneeberg nicht mehr ganz so schön.
"Wir haben uns gefragt, was können wir tun?", sagt Vivien. Sie und Philipp freuten sich zwar über die Solidarität der vielen Demonstranten, die Anfang November zu einer großen Anti-Nazi-Demo nach Schneeberg reisten. Die Studenten hatten allerdings auch das Gefühl, dass die Asylbewerber nicht nur von rechts, sondern auch von links für ideologische Auseinandersetzungen instrumentalisiert wurden.
Glocke läuten gegen Nazis
Einige Demonstranten etwa trugen Plakate, auf denen "Scheißdrecksnest" stand. "Das schreckt die verunsicherten Leute hier im Ort noch mehr ab", findet Vivien. Außerdem sei es den angereisten Gegendemonstranten nicht in erster Linie um die Menschen in der Unterkunft gegangen. Dabei seien es doch sie, die zuerst einmal Hilfe brauchten.
So kam ihnen die Idee für die Bastelstunde, und jede der drei Studienrichtungen bereitete eine Aktion vor. Die Holzgestalter kamen mit kleinen Autos, die Modedesign-Studenten stellten Handpuppen her, und die Textildesigner nähten Decken und warme Winterkleidung. Bürgermeister und Heimleitung waren schnell überzeugt, die Hochschule gab den Studenten 2000 Euro für Materialkosten dazu.
Dass sie auch politisch nicht mit den rechten Umtrieben im Erzgebirge einverstanden sind, ist den Studenten wichtig. Beim dritten ausländerfeindlichen NPD-"Lichtellauf" Mitte November rief Viviens Freund deshalb den Pfarrer an und überzeugte ihn, die Glocken der über 500 Jahre alten St. Wolfgangskirche zu läuten. Die Rechten auf dem Marktplatz verstanden kaum ihr eigenes Wort.
Derzeit herrscht trügerische Weihnachtsruhe, eine Art Burgfrieden zwischen NPD und Bürgermeister. In der Adventszeit soll nicht demonstriert werden, so die Abmachung. Weihnachtszeit ist im westlichen Sachsen eben Bastelzeit. Am frühen Abend packen Philipp Ebersbach und seine Mitstudenten im Asylbewerberheim am Stadtrand ihre Materialien zusammen. Der Plan für die nächste Handwerkerrunde mit den Flüchtlingskindern steht schon: Die Holzautos brauchen schließlich noch Garagen.
* Name von der Redaktion geändert