Studieren mit Kind: Mal Windeln, mal Wissenschaft - DER SPIEGEL
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Studieren mit Kind Mal Windeln, mal Wissenschaft

Der Campus ist für Kinder kein idealer Ort. Für die Eltern auch nicht: Studieren mit Kind ist eine Wissenschaft für sich. Elli, 29, und Lara, 3, aus Münster wissen das längst - und trotzdem will Nordistik-Studentin Elli Ange ihr Studium zu Ende bringen.
Von Ulrike Barth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für die südlichen Gefilde von Panama interessiert sich Elli Ange - Berufsziel: Übersetzerin - nur, wenn es darum geht, ihre Tochter zum Einschlafen zu bringen. Denn ohne Gute-Nacht-Geschichte geht Lara auf keinen Fall ins Bett. Elli seufzt und schlägt das Buch auf. "Oh, wie schön ist Panama...", eine halbe Stunde später träumt die Dreijährige schon von ihrem Bilderbuchland.

Nordistik-Studentin Elli träumt lieber von Schweden. Vom Studienabschluss. Von einem Job, der wenigstens etwas mit der Fremdsprache zu tun hat. Doch Studium und Karriereplanung sind zur Zeit nur Nebensache. Die Hauptrolle in Ellis Leben spielt Lara. Geplant war das familiäre Zwischenspiel zwar nicht. "Aber als klar war, dass ich schwanger bin, haben wir uns schon gefreut." Auch Freund Vincent steht zur Kleinfamilie.

Ob sie das Examen noch schafft? Es fehlt an Motivation, nach der langen Babypause wieder von vorne anzufangen. Nur mangelnde Alternativen und die Angst, Zeit zu vergeuden, halten die 29-Jährige bei der Stange: "Für einen Rückzieher bin ich eigentlich schon zu weit gekommen!"

Wenig Zeit für Seminare, viel Zeit vor dem Wickeltisch

Ein Schmalspurstudium ist nicht selten unter studierenden Müttern und Vätern. Über 100.000 sind es nach der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes. Fast alle leiden unter notorischem Zeitmangel, verbringen weniger Zeit in der Uni und mehr Zeit vor dem Wickeltisch.

Jede vierte der studierenden Mütter ist alleinerziehend, ihr Betreuungsaufwand für Kinder im Krippenalter mit durchschnittlich 48 Wochenstunden riesig. Kein Wunder, wenn das Studium bald zu kurz kommt, die Kontakte verkümmern, der Bezug zur Uni verschwimmt. "Die meisten Kommilitonen kenn' ich auch gar nicht mehr", gibt Elli zu.

Auch sie hat sich länger nicht mehr in der Uni blicken lassen. "Wenn ich so weiter mache, werde ich bestimmt irgendwann zwangsexmatrikuliert", scherzt sie. Die junge Mutter fällt mit ihren 13 Semestern bald in die Kategorie Langzeitstudentin - typisch für ihre Lebenssituation, aber schlecht für die Jobchancen.

Und wer hat eigentlich behauptet, man könne Kinder auch mit ins Seminar nehmen? Ellis hat da ganz andere Erfahrungen: "Das habe ich nur ein-, zweimal versucht. Immer nur im größten Notfall." Denn Töchterchen Lara versetzte Mutti in Dauerstress. Nicht weil Professor und Kommilitonen meckerten. "Die fanden das zuerst ganz süß. Aber auf Dauer nervt es schon, wenn da so ein kleiner Quälgeist ständig dazwischenquakt."

Hausarbeit im Hau-Ruck-Verfahren

Für andere Studenten ist sie eher ein interessanter Sonderfall. Kurios irgendwie. Sie beschweren sich nicht. Das Problem spielte sich mehr in Ellis Kopf ab: "Ich wollte, das Lara ruhig ist und sich alle konzentrieren können. Und war manchmal richtig sauer auf sie, weil das nicht geklappt hat." Danach war schnell klar: Die Kleine lässt sich eben in keinen Stundenplan pressen.

Als Elli im siebten Semester von ihrer Schwangerschaft erfuhr, versuchte sie, schnell noch viele Seminare zu absolvieren. "Mir war klar, dass ich nach der Geburt erst mal nicht in die Uni komme." Grenzenlos naiv findet sie heute ihre Idee, die Seminararbeiten während der Stillzeit zu schreiben: "Super Plan, aber leider nicht realistisch." Nur eine Hausarbeit wurde im Hau-Ruck-Verfahren fertig; der Versuch, sich mit dickem Bauch hinter den Schreibtisch zu klemmen, war schon während der Schwangerschaft gescheitert.

Im Wintersemester wird Elli ihre letzten Scheine machen. Wenn das Zeitmanagement gelingt: "Nachmittags- und Abendkurse sind ein Problem", Sprechstunden mit unberechenbaren Wartezeiten noch schlimmer. "Da muss man oft kurzfristig einen Babysitter finden." Denn die Unis klammern sich eisern an das Idealbild des Vollzeitstudenten, nehmen bei Seminarplänen und Prüfungsterminen selten Rücksicht auf studierende Eltern.

Wie sieht die Zukunft aus? Ellis Karriereziel Übersetzerin scheint fast unerreichbar. "Mir fehlt einfach die Sprachpraxis. Dafür müsste ich auf jeden Fall ein Jahr in Schweden verbringen", erklärt sie. "Es wäre bestimmt lustig, das Auslandssemester mit Kind zu machen. In Schweden ist das sehr gut organisiert, viel besser als hier", schwärmt sie. Aber ohne den Papa mit Kind ein Jahr ins Ausland - das will sie nun auch wieder nicht. Also wird sie warten. Und vielleicht wieder Vokabeln lernen.