Surftipp Derrière.de: Hinter den Kulissen - DER SPIEGEL
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Surftipp Derrière.de Hinter den Kulissen

Ganz in Eigenregie hat Moritz Löser, 24, das ambitionierte Online-Magazin "Derrière" aufgebaut. Als Computerfreak sieht der Münchner Pädagogikstudent sich nicht, eher als Leseratte. Und will das Projekt jetzt in andere Hände legen - aus pädagogischen Gründen.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf. Oder ein weiterer Gang. Tür um Tür öffnet Moritz Löser. Lange leere Gänge, triste Farben, Kasernenatmosphäre. Beschwerlich geht es aufwärts, über Linoleumstufen, die zu zählen kluge Köpfe längst aufgegeben haben. Fünf Stockwerke. Dann endlich Zimmer D030. Löser öffnet die letzte Tür. Dahinter: ein winziger Raum. Wohnung, Bad, Schlafzimmer - und Redaktion.

Moritz Löser ist nicht nur Student. Der 24-Jährige ist erster und bislang einziger Redakteur des ambitionierten Internetprojekts "Derrière" (französisch für "dahinter"). Untertitel: "Online Magazin für Politik und Gesellschaft". Dort finden sich umfangreiche Hintergrundstücke zu aktuellen (welt-)politischen Ereignissen, Analysen der globalen Konfliktherde, Kommentare und Porträts. Der Punkt "Erinnern" beschäftigt sich mit dem Dritten Reich - vom Propagandafilm "Der ewige Jude" bis zu den Nürnberger Prozessen. Hinzu kommen Länderporträts und Reisebilder.

Ausgedehnte Streifzüge durch die Bibliotheken

Dahinter blicken, das wollte Löser schon immer. "Ich bin sicher eine Leseratte", sagt er. "Das auf jeden Fall." Für ausgedehnte Bücherregale, für ein gediegenes Bibliotheksambiente bieten die paar Quadratmeter unter dem Dach des Münchner Studentenwohnheims allerdings keinen Raum. An der Schräge hängen Ausstellungsplakate. Ein impressionistischer Kunstdruck verhüllt die bräunlich gestreifte Tapete. Über dem Computermonitor steht hauptsächlich Gebrauchsliteratur: Duden, Nachschlagewerke, Computerratgeber.

Die Informationen für seine Geschichten, jede Woche ein bis zwei neue, bekommt Löser aus dem Fernsehen, der Zeitung, der Bayerischen Staatsbibliothek. Das Internet selbst dient selten als Quelle. Löser empfindet es als oberflächlich - außer bei aktuellen Informationen. "Ich versuche bei meinen Geschichten ins Detail zu gehen, da muss ich auf Büchereien zurückgreifen."

Bücher liest er in Massen, Nachrichten kaum. Auf dem Nachttisch liegt der SPIEGEL - aber nur, weil der "an der Uni kostenlos" war. Die "Süddeutsche Zeitung" bedeckt einen Bücherstapel, das Feuilleton ist aufgeschlagen. "Die blätter' ich nur noch durch", sagt Löser. "Von dem ganzen Afghanistan-Kram weiß ich, nach all dem, was ich geschrieben habe, eh so viel." Journalist will er dennoch nicht werden. Obwohl der Onkel Chefredakteur beim "Rheinischen Merkur" war. Vielleicht auch gerade deshalb.

"Ich bin in meiner Freizeit ganz normal"

Sein Mitbewohner ist Palästinenser. Folglich ist auch der Nahost-Konflikt bei "Derrière" ein Dauerthema, werden die Leser über Hintergründe aufgeklärt. Dennoch: Wenn Löser spricht, ruhig und überlegt, ist von gesteigertem Sendungsbewusstsein wenig zu spüren. "Ich bin in meiner Freizeit ganz normal." Am Kühlschrank kleben Pin-up-Girls. Der Blick aus dem kleinen Fenster fällt auf Münchens Dächer.

Das Design seiner Webseite hat Löser selbst entworfen, bei Suchmaschine und Gästebuch half ein Freund aus Schülertagen. "Sonst hätte ich ein Jahr länger gebraucht." Auch ohne Werbung - von zwei zweizeiligen Anzeigen in der "Süddeutschen" abgesehen - verzeichnet Löser monatlich rund 60.000 aufgerufene Seiten. Jeden Montag kommen neue Texte hinzu, die mal an einem Tag, mal auch in zwei Wochen entstehen. "Es ist nicht so, dass mich das total einnimmt", sagt Löser. "Alles eine Frage der Organisation."

Lila Strickpulli, Cordhose - zum Pädagogen-Klischee fehlen nur noch die Sandalen. Löser trägt Turnschuhe, schwarz mit weißem Muster, und in gängige Vorstellungen lässt er sich gar nicht gerne pressen. "Ich werde immer als Computerfreak dargestellt, was gar nicht stimmt", sagt er, und erzählt im gleichen Atemzug, wie "entsetzlich" Computerspiele sind. Auch dass er im Netz etwas bahnbrechend Neues geschaffen hat, will Löser nicht hören. "Ich mache nichts anderes, als Wissen zu adaptieren - vom Buch für das Internet."

Und für die Schüler, die eigentliche Zielgruppe des angehenden Pädagogen. Die landen, wenn sie bei der Vorbereitung eines Referats im deutschsprachigen Netz nach "Martin Luther King" suchen, schnell bei "Derrière". Und finden dort Lebensdaten, Infos zur Bürgerrechtsbewegung, Kings Haltung zum Vietnamkrieg und die Rede "I have a dream" - in Englisch und in Deutsch.

Manchmal schimmert der Pädagoge durch

An manchen Tagen erreichen Löser zehn E-Mails mit Fragen nach weiterführender Literatur, nach Hintergründen. Manchmal auch nach mehr. Kürzlich habe ihm jemand zehn detaillierte Fragen zum Baskenland geschickt, sagt Löser. In solchen Fällen kommt der Pädagoge durch: "Wenn ich die beantwortet hätte, hätte ich seine Arbeit geschrieben." Also bekam der Fragesteller einige gut gemeinte Buchempfehlungen.

Künftig bekommt er vielleicht die Einladung, selbst mitzuarbeiten. "Ziel ist es, das Ganze aus den Händen zu geben", sagt Löser. Überdruss? Nein, pädagogischer Auftrag. Eigentlich will er, und Lösers Stimme wird noch leiser, demnächst mit Jugendlichen und Schüler Redaktionsgruppen aufbauen. Damit die endlich schreiben können, "was sie bewegt". So lasse sich das Projekt auch besser mit dem Pädagogikstudium verbinden. "Jugendliche kommen nie zu Wort, man schreibt nur über sie." Eine kleine Gruppe, ein fester Rahmen, in den Semesterferien könnte es losgehen - falls dann endlich das Konzept steht.

Die Ferien möchte Löser nutzen, um seine Schreiberlinge persönlich kennen zu lernen. Auch wenn er ausschließlich im Internet veröffentlicht, die Kommunikation will der 24-Jährige nicht über das Netz abwickeln. "Den Gedanken, nur über E-Mails zu kommunizieren, finde ich schlimm." Löser schüttelt den Kopf. "Undenkbar."

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