Surftipp: Plädoyer für den Geist - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Surftipp Plädoyer für den Geist

Die Geisteswissenschaften sind an den Universitäten die armen Verwandten der Technik- oder Ökonomie-Disziplinen - allenfalls wenn es ans Sparen geht, haben sie mal die Nase vorn. Nun treten Tübinger Studenten zur Ehrenrettung an und sammeln Plädoyers für die Geisteswissenschaften.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Und was willst du später damit machen? Ob als Kultur- oder Sprachwissenschaftler, Historiker, Politologe, Philosoph oder Romanist: Jeder Geisteswissenschaftler kennt die leidige Frage und hat sich eine halbwegs schlüssige Argumentation zurechtgelegt.

Die Geisteswissenschaften stehen nicht gerade hoch im Kurs. Das Studium dauert lange, gilt als unrentabel. Wenn es ans Sparen geht, werden schnell Stellen gekürzt oder Studiengänge ganz gestrichen. Den Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften etwa geht es besser - sie bereiten direkter auf den Beruf vor und versprechen mehr volkswirtschaftlichen Nutzen.

"Wenn man nichts macht, passiert auch nichts"

Vier Studenten aus Tübingen, selbst betroffen von Stellenkürzungen und unter dem Eindruck der oft wirkungslosen Studentenproteste, wollen gegensteuern. Mitte August starteten sie das Projekt "1000 Worte für die Geisteswissenschaften". Markus Müller ist einer der Intiatoren. "Wir wollen mit unseren eigenen Möglichkeiten Aufmerksamkeit erreichen, unsere Position darstellen und für die Bedeutung der Geisteswissenschaften kämpfen", erklärt der 28-jährige Amerikanistik-Student.

Die Tübinger Studenten sammelten in zehn Wochen Essays von bekannten Geisteswissenschaftlern. Die Aufsätze der Denkern sind im Internet zu lesen, werden aber auch als gebundene Ausgabe in Tübingen verkauft und zusätzlich bundesweit an rund 500 Entscheidungsträger etwa aus der Politik und an die Rektoren der Universitäten verschickt.

Das Ziel ist Einfluss auf die Bildungspolitik: "Wir wollen einen Beitrag zur aktuellen Diskussion leisten und setzen auf den Nachahmungseffekt", erklärt Müller - wenn man nichts mache, passiere auch nichts. Über Sinn und Bedeutung der Geisteswissenschaften in unserer Gesellschaft räsonieren elf Autoren in Aufsätzen mit jeweils rund 1000 Worten, darunter der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst W. Böckenförde, der Politologe Volker Rittberger und der Historiker Dieter Langewiesche.

Die Fachschaften finanzieren das Projekt

Geisteswissenschaftler für die Geisteswissenschaft? Die Autorensuche sei nicht ganz einfach gewesen, erzählt Markus Müller: "Wir haben versucht, auch andere Berufsgruppen von unserer Idee zu überzeugen. Aus dem Medien- und Unterhaltungsbereich kamen allerdings keine Reaktionen."

"Was betreiben und vermitteln denn die Geisteswissenschaften?", fragt Ernst W. Böckenförde. Seine Antwort: "Sie bewahren, erweitern und vermitteln je von neuem das Wissen über die eigene Sprache, Geschichte, Literatur und Kunst." Geisteswissenschaften seien die Grundlage für das Verständnis der Welt. In diesem Punkt sind sich Autoren einig und plädieren für Investitionen in die Geisteswissenschaften. Denn, so schreibt der Tübinger Historiker Frank Kolb in seinem Aufsatz, präzises Denken sei die Grundvoraussetzung des kritischen Denkens.

Finanziert wird das Projekt "1000 Worte für die Geisteswissenschaften" durch Spenden und Gelder von den Fachschaftsräten Geschichte und Germanistik der Uni Tübingen. Eine weitere Einnahmequelle sei der Verkauf in den Buchläden. "Rund 150 Ausgaben der 40-seitigen Aufsatzsammlung haben wir schon verkaufen können.1,50 Euro kostet ein Heft, damit können wir gerade die Druckkosten decken", erklärt Markus Müller.

"Die Idee wollen wir auf jeden Fall weiterführen", sagt er. Bis jetzt haben vier Studenten und elf Autoren gedacht: ein weiterer Schritt, um die Bedeutung der Geisteswissenschaften zu betonen.

Stefanie Bersin

Mehr lesen über

Verwandte Artikel