Tramp-Team Ungarn Angst vor Rumänen?
Donnerstag, 3. Juni
Mit Vorurteilen nach Rumänien
Von Baja nach Szeged sind es ungefähr 100 Kilometer, die wir mühelos hinter uns bringen. Die Gulaschstadt an der Theiss nutzen wir nicht für einen kulinarischen Zwischenstopp, sondern als Abfahrtsrampe nach Rumänien. Wir stellen uns unbeeindruckt in den strömenden Regen und werden, nachdem wir uns richtig mit Wasser voll gesogen haben, vom dicken Solly mitgenommen. Eine Frohnatur, die uns netterweise bis an die ungarisch-rumänische Grenze fährt. Auf dem Weg warnt er uns mit einem Lachen vor den Gefahren: "Die rumänische und jugoslawische Mafia hat schon den einen oder anderen Tramper weggeschnappt. Macht's gut, Jungs!"
Mit einem "verdammt guten Gefühl" nähern wir uns zu Fuß der Grenze und werden auf ungarischer Seite problemlos durchgewunken. Dann gehen wir durch 200 Meter Niemandsland. Finstere Gestalten stehen an der Straßenseite. Wir fühlen uns aber noch halbwegs sicher, weil wir problemlos nach Ungarn zurückgehen könnten. Dann die zweite Grenzkontrolle. Auch hier eine freundliche Begrüßung vom Beamten, schon sind wir in Rumänien. Unser Abstecher zum EU-Beitrittskandidaten kann beginnen.
Mit Vorurteilen im Kopf und einem leichten Grummeln im Magen gehen wir kalkweiß mit Tunnelblick in Richtung Grenztankstelle. Beharrlich ignorieren wir die "Taxi, Taxi"-Angebote einiger rumänischer Männer und weichen jeglichem Kontakt aus. Verlegen stehen wir an der Tankstelle und fragen zögerlich seriöser aussehende Menschen, ob sie uns nach Timisoara bringen können. "Nein, sind nur zum Tanken hier", ist die häufigste Antwort.
Beziehungen, Geschenke, Korruption
Leichte Panik bekommen wir, als uns ein etwa 25-jähriger Rumäne auf Deutsch anspricht und fragt, ob wir mit ihm und seiner Frau trampen wollen. Bevor wir uns eine Antwort überlegen können, stoppt Gabriel bereits ein Auto, einen alten rumänischen Dacia, und der bärtige Fahrer schnallt unsere Rucksäcke aufs Autodach. Zu fünft, immer noch leicht panisch, zuckeln wir Richtung Timisoara. Grundlose Panik, wie sich herausstellt, denn Fahrer Zoltan ist nett und interessiert sich sehr für unsere Aktion.
Allerdings, und dieser Makel wird uns ewig anlasten, ist es in Rumänien Brauch, dem Fahrer beim Autostopp ein wenig Benzingeld zu geben. Brauchtum geht vor Regel, entscheiden wir, und zahlen die zwei Euro an Zoltan.
Wir sitzen in den eigenen vier Wänden von Flavius und Beatrice. Wir fragen uns natürlich, wie Studenten an diese zwar kleine, aber schöne Wohnung kommen können. "Das war Zufall, aber normalerweise brauchst du in Rumänien für so etwas Beziehungen", meint Flavius. Die 24.000 Euro - große Beträge werden in Euro und nicht in rumänischen Lei bezahlt - für die Wohnung haben seine Eltern ausgelegt.
Korruption ist immer noch an der Tagesordnung, auch in unerwarteten Bereichen. "Schon im Kindergarten musst du faktisch den Erziehern Geschenke machen, um gut behandelt zu werden", erklärt uns Beatrice. Im Studium sei es nicht anders: "Wer nicht die Bücher der Professoren kauft, braucht gar nicht erst zur Prüfung antreten." Flavius kann sich die Bücher nicht leisten und musste jede Prüfung zweimal ablegen.
Auch in der Politik läuft es nicht anders. Am Sonntag sind Kommunalwahlen, und die stärkste Partei, die rumänische SPD, "darf" ihre Plakate überall, an Kioske, in Schaufenster und an Gebäudewände kleben. "Was soll man machen", Flavius zuckt mit den Schultern, "man muss sich damit arrangieren. Ich fühle mich wohl in Timisoara."
Vorbildlicher Rentner
Während in Deutschland noch darüber diskutiert wird, das Rentenalter anzuheben, macht sich Karl Szelhegyi eher Sorgen, dass die rumänische Regierung eine Begrenzung für die Arbeitszeit einführen könnte. Der 81-Jährige ist seit 1983 zwar offiziell rumänischer Rentner, denkt aber nicht daran, seine Kamera wegzulegen. Als Fotoreporter ist er ständig unterwegs, um spannende Bilder in Timisoara zu schießen und gleichzeitig junge Fotografen auszubilden.
Er ist fitter als manch 20-Jähriger, entwickelt seine Bilder selbst, bearbeitet sie am Computer und versucht immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein: "Ich lerne gerade Linux", sagt er gelassen. Das sei alles kein Problem, trotz des Alters, denn er lebe für den Film - schon sein ganzes Leben.
Als kleiner Junge hat er schon fotografiert und wollte zum Film. Seinem Vater war es egal, nur die Mutter wollte, dass der Junge "was Anständiges lernt". Karl hat sich durchgesetzt: "Mittlerweile verdiene ich seit 60 Jahren mit dem 'unanständigen' Job mein Geld, und Mama war stolz auf mich."
Nachdem er die Filmhochschule in Bukarest absolviert hat, machte Karl kleine Spielfilme und Zeichentrickfilme: "Ich kann mich noch gut an Dobby, die kleine Ente, erinnern. Leider musste ich das Zeichentrickfilmen wegen einer Krankheit aufgeben." Trotzdem blieb er den visuellen Medien treu. Er gründete eine eigene Firma und machte Lehrfilme für Schulen und Universitäten. Themen: Herzmassage und Hämorrhoiden.
Schließlich entdeckte er seine Passion für den Fotojournalismus: "Keiner in Rumänien hat ein so großes und gepflegtes Bildarchiv wie ich", sagt Karl. Viele rufen ihn deswegen an, sofort hat er die richtigen Negative und neuerdings auch CDs zur Hand. In kleinen, selbst gebastelten Pappschubern verwaltet er sein riesiges Negativarchiv. "Ich finde zwar alles ziemlich schnell, aber die digitale Technik macht vieles leichter - ich habe jetzt auch ein elektronisches Archiv." Als nächstes großes Projekt will er sein analoges Archiv digitalisieren. "Dafür brauche ich natürlich viel Zeit, also muss ich wohl noch arbeiten, bis ich hundert Jahre alt bin."
Die Revolution frisst ihre Kinder
Am Opernplatz von Timisoara sind die Spuren der Revolution noch immer sichtbar. Große Einschusslöcher prägen das Bild eines der Haupthäuser am Platz. Wir treffen einen der damaligen Revolutionsführer. Mit bitterer Miene erzählt Petre von den Geschehnissen im Dezember 1989. "Die Revolution wurde von Laszlo Töke gestartet." Der war damals Priester in Timisoara und kritisierte in seinen Predigten das Ceausescu-Regime. Daraufhin sollte der Priester verhaftet werden, "und das wollten wir verhindern", sagt Petre.
Deshalb seien er und noch viele andere in die Fabriken gegangen, um die Arbeiter zusammen zu trommeln. 100.000 Menschen kamen auf den Platz zwischen Oper und Dom. "Gott war an diesen Tagen auch unter uns, oder habt ihr schon mal einen Dezembertag mit 17 Grad Celsius erlebt?", fragt Petre. Er stand in den entscheidenden Stunden mit 16 anderen auf dem Balkon der Oper. Noch immer kommen ihm die Tränen, wenn er an die vielen Opfer denkt, die ihr Leben im Kampf für die Freiheit gelassen haben. Denn im Gegensatz zur friedlichen Wende in der DDR ging das Ceausescu-Regime mit Waffen gegen die Demonstranten vor. Für die über 100 Opfer gibt es in der Stadt mehrere Gedenkstätten.
Auch nach dem Sturz des Diktators kam es noch zu mysteriösen Todesfällen. Von den 17 Leuten auf dem Balkon der Oper sind mehr als die Hälfte verschwunden oder tot. Deshalb will Petre nicht, dass wir seinen richtigen Namen nennen. Auch er bekam noch lange Zeit Morddrohungen. "Und wofür?", fragt sich Petre. "Das einzig Positive an der Revolution ist die Reisefreiheit." Aber jetzt fehlt ihm das Geld, andere Länder zu sehen. "Nach der Revolution ist eher alles noch schlimmer geworden: Korruption und Armut haben zugenommen und an der Regierung sind immer noch die gleichen, wie vor der Revolution." Petre ist enttäuscht. Resigniert sagt er: "Dafür haben wir damals nicht gekämpft."
Brecht, Grass und Böll in Timisoara
Geschliffene Dielen, strahlendweiße Wände und viele Bücherregale. Das ist der erste Eindruck vom Deutschen Kulturzentrum in Timisoara. Begrüßt werden wir von der Leiterin Senta Höfer. Sie baut das "Goethe-Institut light" momentan auf. "Wir haben nur 25.000 Euro für das ganze Jahr zur Verfügung, da sind wir gezwungen, sehr effizient zu sein", sagt Senta nicht ohne Stolz.
Denn das deutsche Kulturzentrum bietet nicht nur Bücher zum Ausleihen an, sondern es gibt auch Sprachkurse und veranstaltet Konzerte und Lesungen. Und - das ist erstaunlich - es wird von der Bevölkerung angenommen. "Hier kommen nicht nur Deutsche her, sondern vor allem Rumänen." Einen fast unglaublichen Zulauf haben die Lesenächte: Jugendliche lesen deutsche Bücher und stellen sie anderen bei Pizza und Cola vor. Dann gibt es Diskussionen bis in die frühen Morgenstunden.
Traumhafte Verhältnisse?
"Das Besondere an unserer Einrichtung ist, dass wir nicht deutsche Kultur exportieren wollen, sondern es geht mehr um den interkulturellen Austausch." Also keine Blasmusik und Kammerorchester, sondern moderner Jazz und Filme aus Deutschland. "Ich finde es super, dass viele Rumänen bei uns Deutsch lernen wollen, vom Studenten über die Hausfrau bis hin zum Handwerker." Und das trotz drei verschiedener Jobs - soviel braucht man nämlich in Rumänien im Schnitt, um über die Runden zu kommen.
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Wir verlassen Timisoara mit einem älteren Liebespaar und kuscheln uns in die rosa bezogenen Rücksitze des Dacia. Mit gemütlichen 60 Stundenkilometern zuckeln wir Richtung EU. In Sinicolaul-Mare, nahe der Grenze, steigen wir aus. Wir wollen unbedingt den Ort sehen, in dem es Arbeitskräftemangel gibt. Die vielen Firmen, die sich hier angesiedelt haben, suchen händeringend qualifizierte Arbeitskräfte - in Deutschland ein Traum.
Die Arbeitslosigkeit ist in Rumänien übrigens nicht sehr hoch. In Timisoara zum Beispiel liegt sie gerade bei 3 Prozent. Allerdings verdient man mit einem Job nicht genug, um ein entspanntes Leben führen zu können. Wir beschließen, nie wieder über die wirtschaftliche Lage in Deutschland zu jammern, und gehen zu Fuß über die Grenze nach Ungarn.
Nachtlager ist diesmal das Flussufer der Theiss, uns ist es nämlich nicht gelungen, nach null Uhr noch jemanden zu überzeugen, uns ein kostenloses Quartier zu geben. So viele Körbe haben wir auf unserer gesamten Reise nicht bekommen - und dabei haben wir im Studentenclub von Szeged so schön mit dem Hintern beim Tanzen gewackelt.