Turbostudium: Galopper des Jahres - DER SPIEGEL
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Turbostudium Galopper des Jahres

Wenn es nach Thomas Oppermann geht, ist das studentische Lotterleben passé. Mit Intensivstudiengängen schleust Niedersachsens Wissenschaftsminister Studenten in Rekordzeit durch die Unis. Erstes Opfer: die Semesterferien.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dass Absolventen die Hochschulen meist erst im Alter von 29 Jahren verlassen und jeder vierte das Studium abbricht, wurmt Thomas Oppermann: "Das ist eine große Zeitverschwendung in der kreativsten Lebensphase." Der norddeutsche Tempomacher bestand das Jura-Staatsexamen selbst nach acht Semestern und hat klare Vorstellungen von der akademischen Schnellbesohlung: Nach vier Jahren, besser noch nach drei Jahren soll es das Diplom geben. Deshalb richtet Niedersachsen jetzt elf neue Turbo-Studiengänge ein.

Bisher ist die Regelstudienzeit das Papier nicht wert, auf das Kultusminister sie drucken. Durchschnittlich 13 Semestern brauchen Studenten an deutschen Hochschulen. Oppermann sieht nicht ein, warum die Semesterferien fünf Monate lang sein müssen, und will sie kräftig eindampfen - "sechs Wochen wie für jeden Arbeitnehmer sind genug". Trotzdem soll das Turbo-Studium mit besonders intensiver Betreuung auch Auslandssemester und Praktika, fachübergreifende Angebote und Vorlesungen in Fremdsprachen enthalten. Drei Millionen Mark stellt das Land dafür zur Verfügung.

Harte Nächte am Schreibtisch statt monatelanger Leerlauf

"Intensivstudiengänge ermöglichen es leistungsbereiten und leistungsfähigen Studierenden, sogar unterhalb der Regelstudienzeit ihr Studium zu absolvieren", sagt Oppermann - vor allem in Fächern mit akutem Akademikermangel. Elf neue Angebote starten zum kommenden Wintersemester; auf insgesamt 1200 Studenten warten lange Nächste am Schreibtisch. So will die FH Braunschweig Mediendesigner in drei statt in vier Jahren und die TU Braunschweig Physiker in vier statt fünf Jahren ausbilden.

Der bundesweit bislang einzigartige Ansatz für ein Kompaktstudium wird bereits seit dem letzten Wintersemester in drei Fächern erprobt. "Die Hochschulen werden von Studenten geradezu überrannt", hatte Oppermann zuvor prophezeit. Tatsächlich melden die Unis großen Andrang, vor allem von Bewerbern aus dem Ausland. So meldeten sich für 40 Studienplätze in Göttingen 300 Interessenten aus 64 Ländern. Und an der TU Clausthal entschieden sich 40 Prozent der angehenden Maschinenbauer für die Express-Variante.

Zeit zum Jobben bleibt den Studenten wegen des straffen Studienplans ebenso wenig wie für Ausflüge in Nachbarfächer. Stipendien aus der Industrie sollen den Wegfall von Finanzierungsmöglichkeiten allerdings wettmachen. "Das Programm ist prall, aber unsere Studenten stemmen das schon", meint Jochen Brinkmann, Sprecher der TU Clausthal, "seit einigen Jahren zeigen sie sich immer zielstrebiger und berufsorientierter."

Die Uni als Durchlauferhitzer

Maß nahm Thomas Oppermann bei den Konzepten privater Hochschulen, die ihren Studenten meist ebenfalls klare Vorgaben machen und sie auf Tempo trimmen. Und an seinen Zielen lässt der 47-jährige Sozialdemokrat keinen Zweifel: "Das ist ein Elitestudium." Reizthemen liegen dem Wissenschaftsminister. Seit seinem Amtsantritt 1998 lässt er keine Gelegenheit verstreichen, sich als umtriebiger Modernisierer zu profilieren.

Mal brüskierte Oppermann Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, immerhin SPD-Landesvorsitzende in Niedersachsen, mit seiner ständigen Forderung nach Studiengebühren, mal wollte er die Universitäten in Stiftungen umwandeln - steter Bruch sozialdemokratischer Tabus bringt Aufmerksamkeit. Mit dem Ruf nach "Elitebildung" dürfte der Minister sich unter den Genossen nicht nur Freunde machen. Doch das ist ihm gleichgültig. Und genüsslich zitiert Oppermann aus dem Brief eines bayerischen CSU-Abgeordneten, der ihm attestiert, die Turbostudium-Initiative sei eine "Innovation der deutschen Hochschulpolitik".