Uni-Noten als Importware US-Dozenten lassen Arbeiten in Asien korrigieren
Schlechte Note? Dumm gelaufen, wenn der Korrektor in Bangalore sitzt
Foto: Graeme Robertson/ Getty ImagesKorrigieren Dozenten hierzulande Studienarbeiten, gehen sie mit der roten Tinte oft sehr sparsam um: Jungfräuliche Seitenränder, auf den Seiten 11 und 18 mal eine Alibi-Bemerkung eingestreut, dazu die Note, gewürzt mit einem allgemeinen Kommentar. Das zeugt von Zeitmangel, Unlust oder beidem zugleich. Daraus werden Studenten nur selten schlau und lernen wenig fürs nächste Seminar.
Mit lästiger Korrekturarbeit gehen manche Dozenten in den USA jetzt ganz anders um. Dort macht derzeit eine Praxis Schule, die man bisher nur von Großkonzernen kannte: Outsourcing und Offshoring von Dienstleistungen. Die Überlegung: Warum Zeit mit Korrekturen verplempern, wenn das ein billiger und williger Gehilfe in Fernost übernehmen kann?
Lori Whisenant unterrichtet Wirtschaftsrecht und Ethik an der University of Houston in Texas. Also ist sie vom Fach und kennt sich mit Globalisierung sicher aus, jedenfalls ist sie eine Dozentin, die die Zeichen der Zeit erkannt hat. Die Professorin entschied sich, die Korrektur, Kommentierung und Bewertung von Studienarbeiten als Dienstleistung beim Unternehmen EduMetry einzukaufen. Die Firma mit Sitz im US-Bundesstaat Virginia nahe Washington bietet, was Whisenant und ihre Mitarbeiter nicht länger erledigen können oder wollen.
"Wir wollen unser Feedback lieber umgangssprachlich"
Der Deal: Der Lehrstuhl schickt Lehrpläne, Textbücher und einen Korrekturleitfaden an die Firma. Dann übernehmen Korrekturkräfte in Indien, Singapur und Malaysia für kleines Geld die Arbeit mit dem Rotstift, wie die US-Hochschulzeitung "Chronicle of Higher Education" berichtet.
Bevor die gemieteten Asien-Assis ans Werk gehen, müssen sie allerdings ein paar Proben ihrer Korrekturkunst liefern. Der Wirtschafts- und Ethikfachfrau Whisenant waren die ersten Arbeitsproben allerdings zu steif und förmlich: "Wir wollten unser Feedback lieber direkt und in einem umgangssprachlichen Stil."
Nach einem kurzen Austausch über die Zielvereinbarung zwischen Anbieter und Abnehmer der Dienstleistung klappte es auch mit den stilistischen Feinheiten. "Wir haben ein paar Arbeiten zurückgeschickt, die wir selbst korrigiert hatten, und sie haben es umgesetzt", sagte die Dozentin dem "Chronicle".
EduMetry verrät nicht, welche und wie viele Universitäten in den USA die Dienste des Unternehmens in Anspruch nehmen. Glaubt man der Homepage, brechen für die Arbeitenbenotung in Billiglohnländern, das sogenannte "Outgrading", große Zeiten an. Studenten erhielten ausführliches und professionelles Feedback auf ihre schriftlichen Erzeugnisse, und Professoren bleibe mehr Zeit für die Lehre von Angesicht zu Angesicht, so das Verkaufsargument von EduMetry.
Korrektur in drei bis vier Tagen, zwölf Dollar pro Text
Auch das West Hills Community College im kalifornischen Coalinga hat bei diesem Angebot zugeschlagen. Die virtuellen Korrektoren würden dort aber nicht für alle Arbeiten eingesetzt, erklärte Vizekanzlerin Susan Whitener dem "Chronicle". Lediglich bei drei bis fünf Prüfungen in einigen Fächern dürften Dozenten den Service als Zusatzkorrektur nutzen. Der Grund für die Zurückhaltung: Bei zwölf Dollar pro Arbeit sei es einfach zu teuer, jede Arbeit gründlich durchsehen zu lassen.
EduMetry versichert, dass alle Mitarbeiter in Fernost mindestens einen Master-Abschluss hätten und speziell geschult würden. Zumeist seien es Frauen mit Kindern, die zu Hause einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen. Die Arbeit werde prompt erledigt: Laut Firmen-Website sind nicht mehr als drei bis vier Tage Korrekturzeit üblich.
Das Standardprogramm etwa in deutschen Seminaren der Geisteswissenschaften unterscheidet sich deutlich von Kursen amerikanischer Universitäten. An deutschen Unis sind Referate plus eine längere Seminararbeit üblich; im Zuge der Bachelor-Umstellung gehen viele Dozenten allmählich zu kleinteiligeren Leistungsnachweisen über. US-Hochschullehrer dagegen verlangen von ihren Studenten häufig ein recht voluminöses Lese- und auch Schreibpensum, zum Beispiel in Form mehrerer Essays, mitunter im Wochentakt. Das mag die Neigung befördern, die Korrektur des Papierwustes flink wegzudelegieren.
Kritik äußert im "Chronicle"-Beitrag die Hochschullehrerin Marilyn Valentino. Die Vorsitzende des Verbands der Englischdozenten in den USA sagt, für eine gute Lehre sei der Direktkontakt zwischen Studenten und Dozenten wichtig - dazu gehöre auch die Beschäftigung mit Seminararbeiten und Essays. Sie ist der Ansicht, das Geld, das die Hochschulen für Benotungsarbeit in einem anderen Erdteil investieren, sollte lieber für mehr Lehrpersonal in amerikanischen Hörsälen ausgegeben werden. Außerdem berge Korrektur und Benotung außer Haus eine weitere Gefahr: Dozenten könnten verleitet werden, die Arbeiten ihrer Studenten und die Bewertung überhaupt nicht mehr zu lesen.