Wanka über Eliten, Bafög und Uni-Leben: "Das ist superattraktiv"
Bildungsministerin Wanka "Ich hatte eine naive Vorstellung vom Studium"
UNI SPIEGEL: Frau Wanka, Sie sagen, Sie seien Anfang der Siebzigerjahre an der Uni Leipzig gern Studentin gewesen. Wären Sie das unter den heutigen Bedingungen auch noch?
Wanka: Absolut! Vor allem wenn ich mir anschaue, welche Angebote es an den deutschen Hochschulen gibt. Diese Vielfalt hatten wir früher nicht, schon gar nicht in der DDR, wo ich an der Uni war. Ich hatte eine ganz naive Vorstellung vom Studium. Ich dachte, man würde in der Breite lernen und auch fachfremdes Allgemeinwissen dazugewinnen. So war es oft leider nicht. Heute geht das aber, zum Beispiel mit dem "Studium generale", das es an den meisten Hochschulen als Zusatzangebot gibt.
Johanna Wanka (CDU), Jahrgang 1951, ist seit Anfang 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Sie hatte das Amt von Annette Schavan übernommen, die nach einer Affäre um ihren Doktortitel zurückgetreten war. Wanka ist Mathematik-Professorin und war Landesmininsterin in Brandenburg und Niedersachsen.
UNI SPIEGEL: Vielen Studierenden bleibt gar keine Zeit, neben den ganzen Bachelorseminaren auch noch Veranstaltungen zur Verbesserung des Allgemeinwissens zu besuchen.
Wanka: Laut dem Deutschen Studentenwerk arbeiten die Hochschüler etwa 35 Stunden pro Woche für die Uni. Ich denke, wenn man sich gut organisiert, bieten sich noch Freiräume. So viele Chancen, etwas zu lernen, hat man jedenfalls nie wieder im Leben, daher sollten junge Menschen diese auch nutzen.
UNI SPIEGEL: Die Studenten geben sich also nicht genug Mühe?
Wanka: Ich bin der Meinung, dass man mit dem richtigen Zeitmanagement vieles schaffen kann. Das habe ich auch als eine meiner Stärken im Studium entdeckt. Mein Mann und ich haben Mathematik studiert. Es gab das Pflichtprogramm und zwölf weitere Vorlesungen, die freiwillig waren. Wir wollten aber alle machen. Das war dann nicht ganz zu realisieren, aber fast.
UNI SPIEGEL: Heute sind die Vorlesungen allerdings auch viel voller, es gibt immer mehr Studenten. Manche Politiker sprechen gar von einem "Akademisierungswahn".
Wanka: Ich lehne dieses Wort ab. Jeder, der an die Uni möchte und die realistische Chance hat, das Studium erfolgreich abzuschließen, sollte es auch versuchen. Das heißt aber nicht, dass man nach dem Abitur automatisch an die Hochschule muss - die berufliche Ausbildung bietet exzellente Chancen, die oft nicht gesehen werden. Dabei brauchen wir Menschen, die ein Handwerk lernen oder in die Pflege gehen. Die Balance zwischen akademischer und dualer Ausbildung ist im Moment nicht mehr gegeben, so würde ich es formulieren.
UNI SPIEGEL: Der Drang an die Unis hat auch zur Folge, dass es in den Hörsälen immer enger wird und es zu wenig Lehrpersonal gibt.
Wanka: Bund und Länder haben Milliarden in zusätzliche Plätze investiert - mit dem Hochschulpakt. Schwierig ist die unterschiedliche Ausstattung zwischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, das stimmt. Der Bund hat den Ländern aber auch da geholfen. Seit diesem Jahr übernehmen wir die Kosten für das Bafög komplett. Was die Länder dadurch sparen, können sie in die Lehre oder in neue Gebäude stecken. Sie müssen das jetzt aber auch umsetzen.
UNI SPIEGEL: Wir sind skeptisch, ob die Hochschüler im Alltag etwas merken von den frei werdenden Mitteln. Der Bund investiert seit Jahren ja auch lieber viel Geld in die Exzellenzinitiative als in normale Studierende.
Ausgabe 5/2015
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Wanka: Wir haben in Deutschland insgesamt einen sehr hohen Standard in der Lehre, anders als etwa in den USA, wo es einzelne Spitzenuniversitäten gibt, aber in der Breite weniger ankommt. Das wollen wir in Deutschland nicht, aber wir brauchen zwingend auch Eliteförderung, um in der Weltliga mitspielen zu können. Dabei hilft uns die Exzellenzinitiative, die zudem Bewegung in die gesamte Hochschullandschaft gebracht hat. Von unserem guten Ruf als exzellenter Wissenschaftsstandort profitieren nicht nur wenige, sondern sehr viele Studierende, davon bin ich überzeugt. Wir lassen gerade wissenschaftlich untersuchen, wie die positive Wirkung der Exzellenzinitiative noch verstärkt werden kann. Auf die Ergebnisse bin ich gespannt.
UNI SPIEGEL: Während die Zahl der Studierenden in den vergangenen Jahren rasant gestiegen ist, wurde der Anteil der Bafög-Empfänger immer kleiner. Das können wir uns nur so erklären, dass die Hürden zur Unterstützung viel zu hoch sind.
Wanka: Pauschale Erklärungen greifen meist zu kurz. Jedenfalls haben wir das Bafög entscheidend reformiert. Ab nächstem August erhöhen wir die Bedarfssätze und Freibeträge um sieben Prozent. Dadurch wird die Zahl derer, die antragsberechtigt sind, enorm erhöht: Wir schätzen, dass dann zusätzlich etwa 100.000 junge Leute Anspruch auf Bafög bekommen.
UNI SPIEGEL: Warum sind Sie dagegen, dass die Höhe der Bafög-Sätze regelmäßig an die Lebenshaltungskosten angepasst wird - wie es beispielsweise bei Hartz IV geschieht?
Wanka: Weil man dann nicht flexibel auf die Wünsche und Nöte der Hochschüler reagieren kann. Man muss sich zum Beispiel genau anschauen, wie sich die Wohnraumsituation für Studierende verändert, ein Automatismus würde da nicht gut funktionieren. Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Entwicklung der Bedarfssätze von 2000 bis 2012 bis auf ein einziges Jahr immer erheblich über der der Verbraucherpreise lag, sie also nicht zu niedrig berechnet waren.
UNI SPIEGEL: Eigentlich sollten mal acht Prozent der Studierenden mit dem Deutschlandstipendium gefördert werden. Bisher ist es aber nur gut ein Zehntel davon, also nicht einmal ein Prozent. Warum ist das Stipendium so unattraktiv für Studenten?
Wanka: Das ist superattraktiv!
UNI SPIEGEL: Und warum bewerben sich dann so wenige?
Wanka: Das machen doch ganz viele. Aber ich weiß, was Sie meinen. Immer diese Zahl, diese acht Prozent, die einst als Zielmarke im Gesetz festgeschrieben wurde. Ich habe sie nicht genannt und hielt sie für zu ambitioniert. Unabhängig von dieser Zahl ist das Deutschlandstipendium aber ganz eindeutig eine Erfolgsgeschichte: Wenn man sich zum Vergleich die Begabtenförderwerke anguckt, die haben teilweise bis zu 50 Jahre Tradition - und fördern alle zusammen rund 26.000 Studenten. Das Deutschlandstipendium gibt es erst seit drei Jahren, und wir unterstützen schon jetzt mehr als 22.000 junge Menschen. Dabei finanzieren wir ja nur die Hälfte der 300 Euro im Monat, die der Stipendiat bekommt. Der Rest kommt von Stiftungen und aus der privaten Wirtschaft, das machte allein 2014 zusammen rund 24 Millionen Euro aus.
UNI SPIEGEL: Mehr als die Hälfte der Nachwuchswissenschaftler an den Hochschulen haben Arbeitsverträge, die nicht mal ein Jahr gelten. Würden Sie einem Studenten ernsthaft raten, eine Karriere an der Uni anzustreben?
Wanka: Auf jeden Fall!
UNI SPIEGEL: Auch Ihren eigenen Kindern?
Wanka: Ja. Es stimmt zwar, dass wir einen hohen Anteil von befristeten Stellen haben. Aber Wissenschaft lebt von jungen Leuten, die temporär dort arbeiten und neue Ideen mitbringen. Wenn man jetzt alle fest anstellen würde, wären die Türen für den Nachwuchs über Jahre geschlossen, das wäre ungerecht für die nächste Generation.
UNI SPIEGEL: Ist es nicht genauso ungerecht, sich von einer Befristung zur nächsten hangeln zu müssen?
Wanka: Ja, das ist es. Deswegen haben wir jetzt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz geändert. Mitarbeiter, die Daueraufgaben haben, etwa Labortechnik, dürfen keinen Zeitvertrag mehr bekommen. Und die Befristungszeiten richten sich von nun an nach der Promotionsdauer. Außerdem haben wir im Gesetz geregelt, dass Frauen, die schwanger werden, ihren Vertrag verlängern können, das gibt mehr Sicherheit.
UNI SPIEGEL: In diesem Sommer sind viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Sie haben kürzlich gesagt: "Integration funktioniert am besten durch Bildung." Warum erleichtern Sie ihnen nicht den Zugang zu den Unis?
Wanka: Das möchten wir. Der Bund kann den Hochschulen die Hoheit darüber allerdings nicht abnehmen. Die Hochschulen tauschen sich gerade darüber aus, welche Erfahrungen es im Umgang mit fehlenden Zeugnissen gibt und ob sich einheitliche Regeln aufstellen lassen. Als Bund werden wir beispielsweise die Gebühren von UniAssist, über das sich Ausländer für ein Studium in Deutschland bewerben müssen, für alle anerkannten Flüchtlinge übernehmen. Wir prüfen aber auch weitere Maßnahmen.
UNI SPIEGEL: Die allermeisten Studiengänge werden auf Deutsch angeboten. Sollte Englisch nicht besser als verbindliche Unterrichtssprache eingeführt werden, damit ausländische Studierende leichter folgen können?
Wanka: Wir haben ganz viele englische Angebote im Masterbereich. Aber Untersuchungen zeigen, dass Wissenschaftler am kreativsten in ihrer eigenen Sprache denken. Dass wir als deutschsprachiges Land alles auf Englisch umstellen, halte ich deswegen nicht für richtig. Deutschland ist weltweit das drittbeliebteste Land für ausländische Studierende, trotz, aber auch wegen der Sprache.
UNI SPIEGEL: Flüchtlinge sind Bafög-berechtigt - allerdings müssen sie 15 Monate warten, bevor sie das Geld bekommen. Ist das nicht sehr lang?
Wanka: Bis vor Kurzem lag die Wartezeit bei vier Jahren, das haben wir schon deutlich verkürzt. Eine solche Wartezeit halte ich für angemessen.
UNI SPIEGEL: Sie haben kritisiert, dass die Studenten von heute nicht mehr so politisch sind. Woran machen Sie das fest?
Wanka: Im Studentensurvey haben wir die Studenten gefragt, ob sie sich für Politik interessieren. Lediglich 32 Prozent bejahen das. Es ist das niedrigste Ergebnis, das es je gab. Zwei Drittel interessieren sich nicht oder nur wenig, die Beteiligung an Wahlen für die Studienräte sinkt auch. Dieses große Desinteresse ist besorgniserregend.
UNI SPIEGEL: Warum?
Wanka: Weil man nach dem Studium nicht in einen luftleeren Raum geht! Wenn man später ein Unternehmen leitet oder Ingenieur wird, ist nicht nur das Fachwissen gefragt, sondern man muss Dinge auch politisch einschätzen können. Unsere Demokratie lebt von mündigen Bürgern - und die Menschen, die studieren, haben gesellschaftliche Verantwortung!
UNI SPIEGEL: Im Oktober starten wieder Tausende Erstsemesterstudenten an den Unis. Haben Sie einen Ratschlag für sie?
Wanka: Seid gelassen! Für viele ist es ein Schock, wenn sie neu an die Unis kommen, weil sie nur wissen, wie Schule funktioniert. Es braucht Zeit, um sich an die neuen Bedingungen zu gewöhnen. Kommunizieren hilft, auch mit den Professoren. Und: Verkriecht euch nicht mit euren Sorgen, wenn ihr nicht gleich so gut seid, wie ihr es in der Schule wart.