Wohnungsanzeigen: Zimmer mit Anschluss - DER SPIEGEL
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Wohnungsanzeigen Zimmer mit Anschluss

Die Wahrheit hinter der Chiffre: UniSPIEGEL-Experten entschlüsseln die Wohnungsanzeigen von WGs - denn was zwischen den Zeilen steht, ist der Witz bei der Wohnungssuche.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?


Die Anzeigen der Sportler, BWLer, Pädagogen, Burschenschafter
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Wer macht die Tür auf? Die Tür steht eh immer offen. Eine junge Unternehmens- beraterin, die leider dringend ihre "Maschine" kriegen muss und an dir vorbeihastet. Ein kleiner Kerl, der sein graues schütteres Haar trotzdem zu einem Pferdeschwanz beachtlicher Länge gebunden hat. Ein grob- schlächtiger Typ mit Fahne, Narben im Gesicht und einer bunten Schärpe.
Was führt unweigerlich zum Rauswurf? Die Weigerung, relevante Gesellschafts- spiele wie Doppelkopf, 17 plus vier oder Mäxchen zu erlernen bzw. mitzuspielen. Plötzliche Arbeitslosigkeit. Wenn du einen Typen mit nach Hause bringst. Offenes Sympathi- sieren mit Michel Friedman.
Klassischer WG-Spruch? "Wolltest du nicht zur Vorlesung?" "Dafür ist mir meine knappe Freizeit echt zu schade ..." "Du darfst dir nicht selbst im Weg stehen ..." "Eine Kiste Bier reicht für zwei, ­ wenn einer nix trinkt."
Über welche Themen wird beim Essen geredet? Wer den Spezial- schlüssel zum Öffnen für die Plakatwand mit dem neuen H besitzt. Mietwagen- Upgrades und Bonusmeilen- Gaunereien. Selbst- befriedigung, Ängste und Freiheit. Große Politik und große Brüste.
Welche Überraschung wartet auf dich? Nachts beginnen deine Mitbewohner Golf zu spielen und benutzen die Tür zu deinem Zimmer als Ziel. Die Putzfrau wird nicht schwarz bezahlt. Bekannte erzählen dir, im Urlaub Fotos von dir in einem spanischen Fußfetisch- magazin gesehen zu haben. Einzeln und nüchtern sind manche von den Typen sogar ganz erträglich.
Bei welcher Sendung versammelt sich die WG vor dem Fernseher? Nachmittags bei "Matlock" und bei den Wieder- holungen von "Baywatch". Harald Schmidt. "Janoschs Traumstunde" sowie diverse Russ-Meyer- Filme. "TV total".
Beliebtestes Rauschmittel: Alkohol per Trinkspiel und/oder Bierbong konsumiert. Prosecco, seltener Koks. "Colorado River Toad". Bier.
Was passiert am Wochenende? Die Wohnung nimmt langsam einen immer intensiveren Geruch von ausge- dünstetem Alkohol und Männermief an. Exzessives, aber stilvolles Feiern. Ausflüge zu einsamen Badeseen, Saunagänge. Fechten, saufen, kotzen, saufen, schlafen, dann wieder von vorn.
Klolektüre: "Nichts als die Wahrheit" von Dieter Bohlen und die Zeitschrift "Sport- pädagogik". "Glamorama" von Bret Easton Ellis. "Opus Pistorum" von Henry Miller. "Maxim" und "FHM".
Was sagen Eltern, wenn sie zu Besuch kommen? "Für Sport- studenten sind die aber alle ganz schön moppelig." "Also früher hatte schon der Begriff Wohn- gemeinschaft so etwas schmuddeliges, aber heutzutage ..." "Du weißt, dass du jederzeit wieder zu uns kommen kannst. Dein Zimmer ist unverändert ..." "Siehst du, Paps hat dir doch gesagt, dass es dir hier gefallen wird. Und denk nur mal daran, was dir das später bringt."
Was ist typisch für die Wohnung? Fürze anzünden, Flaschen mit den Zähnen öffnen und als Ansage auf dem Anruf- beantworter nur ein lauter Rülpser. Erlesene Feinkost- sachen im Kühlschrank, aber Möbel von Ikea. Keine Tür ist abschließbar. In den Toiletten hängen neben den Pissoirs große kreisrunde Porzellan- becken mit Haltegriffen.


TEXT: MATHIAS IRLE / CHRISTOPH KOCH



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