Wohnungssuche: Studenten, nein danke?! - DER SPIEGEL
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Wohnungssuche Studenten, nein danke?!

Deutschlands Vermieter machen es Studenten schwer. In Hannover sind Musiker unerwünscht, in München sollte ein Quadratmeter 52 Mark kosten. Lichtblick ist Leipzig: Dort winken die Vermieter mit Geldscheinen.
Von Manuel J. Hartung
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich ist Johanna Schüler der Traum jedes Vermieters. Das Herz der 19-Jährigen hängt nicht an lauten Stereo-Anlagen, an HipHop oder Heavy Metal. Bei ihr feiern nicht jedes Wochenende Dutzende von Studenten, bis der Arzt (oder gar die Polizei) kommt. Und schlampig läuft sie auch nicht herum - manchmal sogar gar besonders schnieke. Dann nämlich, wenn sie ihre Passion auf der Bühne auslebt: Johanna spielt virtuos Geige und Klavier. Kürzlich hat sie die Aufnahme in die renommierte Hochschule für Musik und Theater in Hannover geschafft. Doch genau das stört offenbar die Vermieter. "Die wollen keine Musiker", meint die Studentin. Mit zwei künftigen Kommilitonen wollte sie zusammenziehen - der eine zupft Kontrabass, die andere streicht Violine. Keine Chance.

Berufstätige bevorzugt

Von Juni an wühlten sich Johanna und ihre Freunde durch Zeitungen und Schwarze-Brett-Notizen und besichtigten zahlreiche Wohnungen. Die drei Musiker spielten mit offenen Instrumentenkästen, wiesen sofort auf ihr Faible hin. "Früher oder später hätten wir sonst Ärger bekommen", weiß Johanna. Denn die Nachwuchstalente müssen drei Stunden täglich üben.

Doch nur wenige Buden waren überhaupt WG-geeignet. Von den Vermietern hörte das Trio die Standardausrede: "Wir vermieten nur an Berufstätige." Oder ganz direkt: "Musiker nehmen wir nicht." Dabei pflegten die Eigentümer ihre Vorurteile. "Ein Streichinstrument verursacht keine Katzenmusik", grollt Johanna. Auch das strikte Versprechen, auf keinen Fall spätabends und in der Mittagspause zu spielen oder gar ganz auf das Klavier zu verzichten, zog bei den Wohnungsbesitzern nicht.

Den Traum von der 3er-WG mussten die Musikstudenten aufgeben. Die Kommilitonin hat ein Single-Zimmer gefunden, Johanna selbst lebt ab Oktober mit dem Kontrabassisten zusammen - im Haus eines Freaks. "Der freut sich, wenn Musiker einziehen", meint Johanna.

Auch keine Dreier-WG in München

Eine WG wollte auch Sebastian Christ gründen. Der 20-Jährige lernt ab September an der Deutschen Journalistenschule und an der Münchener Uni. Er tat sich mit zwei anderen Junior-Schreibern zusammen und bemühte sich um eine Drei-Raum-Wohnung. Christ und Kollegen durchforsteten die regionalen Zeitungen, suchten im Internet, schalteten Anzeigen und telefonierten sich die Ohren heiß. Doch Münchens Vermieter hatten kein Einsehen: "Studenten, nein danke!", hörte Sebastian wieder und wieder.

"Zunächst waren wir auch ziemlich blauäugig", gesteht er ein. Die Journalistenschüler wollten eine Wohnung in der Innenstadt, Kabelfernsehen und Telefon inklusive, für maximal 600 Mark pro Nase. Von diesem Wunschtraum rückten sie Stück für Stück ab.

Studenten dem Vermieter nicht zumutbar

Das erste konkrete Drei-Zimmer-Angebot belief sich dann auf 2500 Mark. Doch nach einem Blick auf seine möglichen Nachmieter winkte der Bewohner müde ab: "Eine Männer-WG kann ich meinem Vermieter nicht zumuten." Das saß. "Studenten haben eben einen schlechten Ruf", meint Sebastian und listet auf: "Angeblich sind sie laut, dreckig und feiern viele Partys." Viele Vermieter bevorzugen Frauen. Das sei nicht sexuell motiviert, Studentinnen gälten als ruhiger.

Sechs Wochen vor dem Start der Lehrredaktion zerbrach das Trio. Jeder suchte separat. Sebastian irrlichterte drei Wochen durch München, schlief in seinem alten Opel Kadett. Doch eine Unterkunft hatte er immer noch nicht. In einem Wohnheim wurde er schon auf der Treppe angepöbelt, Vermieter sagten Termine in letzter Minute ab, und eine 25-Quadratmeter-Klitsche sollte 1300 Mark warm kosten - stolze 52 Mark pro Quadratmeter. "Das war aber keine Luxusbude in Schwabing", entrüstet sich der 20-Jährige.

Mit Kuchen in die Gunst des Eigentümers

Außerhalb Münchens zu leben, kam für Sebastian nie in Frage. Dort veröde das Studentenleben. Mit Kuchen oder Geldscheinen wollte er sich die Gunst des Vermieters auch nicht erschleimen. Schließlich schaltete er erneut eine Zeitungsanzeige, hält den Text aber geheim: "Ich will meinen Trick nicht verraten." Zwei Interessenten meldeten sich, einem war gerade die Mieterin abgehauen. Diese Lücke schließt nun Sebastian - auf 34 Quadratmetern für 910 Mark im Monat.

In Leipzig läuft die Bestechung ganz anders als in München: Die Studenten bekommen noch Geld, wenn sie in eine bestimmte Wohnung einziehen. 200 Mark sind schon mal drin, heißt es in Studentenkreisen. Doch nicht immer fließt Bargeld, bisweilen winken auch Sachleistungen. So spendiert "Immobilien Raule" den Neu-Leipzigern für einen Tag einen Umzugslaster - das kostet auch 100 bis 200 Mark. Jeder Mietinteressent kann eine Reise nach Mallorca oder Gran Canaria gewinnen. "Egal ob Sie suchen oder nicht, fragen Sie einfach an und Sie kommen in die Lostrommel!", heißt es bei dem Wohnungsmakler. Denn der Mietmarkt schwächelt. "Der Konkurrenzkampf ist hart, wir lassen uns etwas einfallen", meint Mitarbeiter René Liebing.

Billige Wohnungen, willige Vermieter

Dabei sind Leipziger Studenten ohnehin verwöhnt: Der Mietenspiegel liegt laut Liebing bei unter neun Mark pro Quadratmeter. "Bei uns kommen nicht zwanzig Leute zu einer Wohnungsbesichtigung, wir schauen mit einem Interessenten zwanzig Wohnungen an", beschreibt Liebing seine Arbeitsweise.

Wohnparadies für Studenten? Der Makler schränkt ein: Die meisten Wohnungen seien an den Hauptstraßen frei. Eine Bude im Grünen koste mehr. Doch verglichen mit München ist selbst die noch billig. Und verglichen mit Hannover sind die Vermieter willig.