Neue Netbooks: Die dritte Generation
Netbook-Trends Schneller, besser - und billiger
Laut Zollstock ist meine Hand 12 Zentimeter breit und 22 Zentimeter lang (siehe oben). Wie die meisten von uns habe ich zwei davon, was ja auch zu begrüßen ist - sofern sie sich über der Tastatur eines Netbooks drängen, um schnell einen Text hinein zu hacken: Dann wird es ziemlich eng. Mit 20 Millimetern ist der Durchmesser des Ringfingers meiner linken Hand circa 2,5 Millimeter größer als die Standard-Netbook-Taste. Ich bin dabei zwar nicht klein gewachsen, aber auch nicht gerade der Hulk: Es gibt schon einen Grund dafür, warum die ersten Netbooks als ideale Mobilrechner für Frauen und Schüler beworben wurden.
Denn die kleinen Geschwister der Notebooks sind in Plastik gegossene Kompromisse. Klein und leicht versprechen sie wahre Mobilität. Zugleich sorgt ihre eher karge Technik dafür, dass man bei aller Begeisterung stets den Punkt erreicht, an dem Frust aufkommt.
Wie sagt man da in IT-Kreisen? "It's not a bug, it's a feature" - was als Fehler erscheint, ist Teil des Konzeptes. Denn die Industrie wollte mit den Netbooks eine neue Marktnische eröffnen, ohne etablierte und gewinnträchtigere Märkte zu kannibalisieren. Soweit die Theorie.
Der Status Quo: Einheitsbrei
Denn in der Praxis funktioniert das schon länger nicht mehr. Netbooks verkaufen sich zwar wie warme Semmeln, haben den Notebook-Markt aber auch unter gehörigen Preisdruck gesetzt. Inzwischen konkurrieren im Segment zwischen 300 und 400 Euro durchaus brauchbare 15-Zoll-Modelle mit den Kleinstrechnern. Von denen gibt es zudem eine inzwischen unüberschaubare Fülle. Allein Asus, Erfinder des Mini-Notebook-Konzeptes, bietet inzwischen acht Produktlinien im aktuellen EeePC-Portfolio, im Handel finden sich Restbestände weiterer Modelle. Jedes Modell gibt es dann noch in verschiedenen Ausstattungsvarianten - das allerdings in Grenzen.
Denn letztlich heben sich Netbooks fast nur über ihr Design, die Güte ihrer Tastatur und die Akkulaufzeiten voneinander ab. Als echter Marktvorteil gilt, wenn ein Gerät 200 Gramm weniger auf die Waage bringt - in einem Marktsegment, indem sich alles zwischen 950 und 1400 Gramm abspielt, ist das wenig relevant. Obwohl die Rechner darüber hinaus eigentlich technischen Einheitsbrei bieten (Standard sind 10-Zoll-Display, 1,6 GHz Atom-CPU, 160 GB Festplatte, 1 GB Speicher, Intel-Grafik) stürzen sich die Kunden regelrecht darauf: Innerhalb eines Jahres eroberten Netbooks rund 20 Prozent des Notebook-Marktes. Eine weitere Steigerung wünschen sich wahrscheinlich noch nicht einmal die Hersteller - wohl aber ein stärkeres Gewicht innerhalb des Marktsegmentes. Im Klartext: Jetzt geht der Konkurrenzkampf erst richtig los.
Neue Herausforderer
Denn es drängen nicht nur neue Anbieter auf den Markt, die - wie etwa Nokia - mit Netbooks etwas zu gewinnen, aber keine Laptop-Verkäufe zu verlieren haben. Es ist auch zu erwarten, dass völlig neue Konfigurationen auftauchen. Der Netbook-Markt droht oder verspricht - das ist eine Frage der Perspektive - zum Einfallstor für neue technische Konzepte zu werden, die alte Marktdominanzen regelrecht zerbrechen könnten.
Denn bisher sah es auf dem PC- und Laptop-Markt ungefähr so aus: Die Hersteller konkurrieren miteinander über Ausstattung und Design. Doch egal, ob es um Ferraris oder Tatas geht, drinnen werkeln stets die gleichen "Motoren". Zur Wahl stehen als erwähnenswerte Marktkontrahenten Intel-Chips (preislich und leistungsmäßig entspricht das einem 3er-BMW bis Ferrari Testarossa), AMD-CPUs (das Marktsegment VW Golf bis Audi TT) und VIA-Prozessoren (Tata Indica, Darcia, Lada bis VW Jetta).
Bei den Netbooks legte Intel mit dem Atom-Chip eine Art Drei-Liter-Technik vor: Die Dinger sind zwar nicht sonderlich leistungsstark, dafür aber verbrauchen sie auch sehr wenig. Eine Art VW Lupo unter den Intel-Chips. Die Konkurrenz hatte dem wenig entgegenzusetzen - aber das ändert sich jetzt.
Ion: Das Netbook lernt Grafik
Und zwar kräftig. Erster Vorbote einer neuen Mobilrechner-Architektur ist das Ion-Konzept: Erstmals wird hier ein Grafikchip als integraler Bestandteil eines Chipsatzes zur Leistungssteigerung eines Gesamtsystems eingesetzt. Der Witz daran: Unter dem Strich ist Nvidias Grafikchip in dieser Kombination mit Stromspar-CPUs wichtiger als der eigentliche Rechenknecht. Erst Nvidias Ion-Chips sollen Intels Atom Flügel verleihen - und ihn fit machen für HD-Videos und Mainstream-Spiele. Schon auf der Ifa wird man wohl eine Reihe von Modellen zu sehen bekommen.
Damit aber bröckelt auch die von Intel und Microsoft fest eingebaute Leistungsgrenze für Netbooks: Weil der Atom-Chip nicht fix genug war, Microsofts Vista zu verarbeiten, bot der Softwareriese XP-Lizenzen für Netbooks an, koppelte diese aber an Auflagen bezüglich der Leistung und Ausstattung. Hier liegt der Grund für den bisherigen Ausstattungs-Einheitsbrei.
Chipsätze aber, die preisgünstig und stromsparend deutlich mehr Leistung möglich machen, sind auf Windows XP nicht mehr angewiesen. Für die Verbraucher ist das ganz prächtig, denn mit einem Mal wird vieles denkbar, was bisher tabu war.
Ausweitung des Marktsegments
Beispiel AMD: Die kommende Neo-CPU-Plattform schickt sich zwar nicht an, wirklich mit den Netbooks zu konkurrieren. Sie schafft aber neue Übergänge ins nächsthöhere Produktsegment. Die - oft ziemlich teuren - Subnotebooks dürften unter gehörigen Preisdruck geraten. Ein Vorgeschmack ist da der im Frühjahr vorgestellte HP Pavilion dv2, der noch auf AMDs Yukon-Mobilchips beruht. Das Ding ist in seiner Grundausstattung ein 12-Zoll-Gerät mit 2 GB Speicher, 320 GB Festplatte, mit 512 MB Grafikkarte, HD-fähig - und ist aktuell schon ab 500 Euro zu haben (offizielle Preisempfehlung: 699 Euro). Manche schicken, aber schwachen Netbooks liegen nur knapp darunter.
Das aber ist erst der Anfang. AMDs Congo-Plattform wird Zweikernprozessoren in den Markt tragen, die energiesparend und preiswert sein sollen. Intel kündigt seit gefühlten Ewigkeiten auch Dualcore-Atoms in Netbooks an, erst jetzt aber tauchen erste Exemplare davon auf: In dieser Woche machte die chinesische Mainboard-Schmiede Weibu mit einem Netbook "N10A" Schlagzeilen, das auf Atom-330-CPUs im Verbund mit Nvidias Ion-Chips setzt und zunächst nur in Japan in den Handel kommt. In Europa wird man das Ding wohl kaum unter diesem Namen zu sehen bekommen, denn hier tauchen Weibu-Produkte "gebrandet" auf - unter anderen Markennamen.
HD-Netbooks für 200 Euro?
Das aber dürfte nur eine Frage der Zeit sein, denn es ist für Intel die einzige Option: Das Hauptargument für neue Netbooks wird wieder Geschwindigkeit, vor allem aber große Grafikkapazität bei langer Laufzeit sein. Es würde auch die Zielgruppe deutlich erweitern - Netbooks würden zu mobilen Multimedia-Centern, die sich zur Not auch am heimischen Fernseher als Streamingserver oder Video-Player einsetzen ließen. Nettops, technisch auf der gleichen Plattform basierend, ist es bisher nicht wirklich gelungen, sich hier durchzusetzen.
Die Entwicklung dürfte aber zwangsläufig so laufen: Auch Nokias erstes Netbook verfügt über einen HDMI-Ausgang - wofür, wenn nicht zur Übermittlung von HD-Grafik?
Nvidia wird zum Schlüssel-Player im Netbook-Markt
Und es geht weiter. Denn Nvidia, einst reiner Grafikkarten-Hersteller und inzwischen so etwas wie der Joker im Rennen um Speed bei Netbooks, bindet sich absolut nicht an Intel. Mit dem Intel-Konkurrent VIA kooperiert Nvidia bei der Nano-Plattform, die Intels Atom-Chips ganz schön langsam aussehen lässt.
Damit aber nicht genug: Nvidia ist auch und vor allem dabei, mit einer eigenen Plattform den Markt auch anders unter Druck zu setzen. Die Tegra-Plattform war eigentlich für Smartphones gedacht, der Chip werkelt auch in Microsofts neuem Zune-Player. Tegra ist eine Art "PC on a Chip"-Ansatz, bei dem eine vergleichsweise schwache, aber effiziente CPU in einem Guss mit einem Grafik-Koprozessor verbaut wird. Sie lässt sich auch in Netbooks einsetzen. Im Verbund mit Windows CE eröffnet das völlig neue Perspektiven: Netbook-Preise um 200 Euro zum Beispiel - und das kombiniert mit einer Grafik-Performance, die Atom-Netbooks auf die Plätze verweist und bei einfachen Anwendungen Laufzeiten von bis zu mehreren Tagen verspricht.
Selbst bei Video-Wiedergabe wären mit handelsüblichen Akkus angeblich Laufzeiten von zehn Stunden und mehr drin, behauptet Nvidia - und zwar in HD, genauer 1080p. Denn anders als Intels Atom-Chips werden Nvidias CPUs mit HD-Videos bis 1920x1080 Pixel problemlos fertig. Die eigentliche Rechen-CPU bescheidet sich derweil mit 600-750 MHz - Nvidias Systeme beruhen nicht auf maximalen Taktfrequenzen, sondern auf maximaler Gesamtleistung. Sechs Netbook-Modelle sind bereits angekündigt, sollen den Markt spätestens 2010 erreichen, möglicherweise früher.
Schneller, besser, billiger?
Wer da genau mit Tegra-Modellen vorpreschen wird, ist dagegen noch nicht so klar. Denn Nvidias Partner sind hier Unternehmen wie Foxconn. Ein Name, mit dem wohl die wenigsten PC-Freaks etwas verbinden, und so soll das ja auch sein: Wenn Foxconn-Produkte in den Handel kommen, steht immer ein anderer Markenname darauf. Die sind dann deutlich bekannter: Sie lauten beispielsweise Asus, Sony oder HP.
Damit rundet sich das Bild: Ion kommt nun schnell, weil es schnell kommen muss, denn die Herausforderer stehen längst bereit. Als Gewinner dieser Entwicklung steht bisher einzig Nvidia fest, denn die Grafik-Experten sind überall dabei.
Für Verbraucher eröffnet das alles die Perspektive, im Verlauf des nächsten Jahres schnellere, preiswerte, vor allem aber vielfältigere Mobilrechner-Konzepte geboten zu bekommen.
Meine Hände (12 mal 22 Zentimeter) freuen sich schon auf ein leistungsfähiges 12-Zoll-Gerät mit einer Tastatur in fast voller Größe, HD-Grafik, HDMI-Schnittstelle und kleinem Preis. Die Zeit des Einheitsbreis bei Netbook-Technik und -Ausstattung ist vorbei.
P.S.: Geheimniskrämerei
Wir hätten Ihnen gern auch das zu Anfang des Artikels angesprochene Samsung-Netbook N510 gezeigt. Sehen können Sie es bereits auf Tausenden von Seiten im Netz, die sich anders als professionelle Medien entweder nicht an Samsungs Sperrfristen halten oder im Ausland sitzen, wo die Sperrfrist nicht gilt. Der Elektronikkonzern beharrt aber darauf, dass das N510 hierzulande noch geheim sei. Wir können Ihnen darum nicht aus erster Quelle berichten, dass es um ein Ion-Netbook mit 11,6-Zoll-Display, HDMI-Schnittstelle und HD-Grafik mit 1366 x 768 Pixel Auflösung geht.
Das wissen wir nur, weil man das geheime Gerät - anders als seine angeblich geplanten Schwestermodelle 508 und 511 - bereits in den Handelsverzeichnissen findet. Kosten wird es demnach übrigens 499 Euro. Ob das alles so stimmt, wird Samsung dann auf der Ifa bekannt geben.