B2B-Auktionen Nur nicht passen!
Bei den hochgelobten Auktionsmodellen im Internet kriselt es. Das Versteigern an Privatkunden hat in Deutschland mit dem Urteil des Landgerichts Münster einen kleinen Dämpfer erlitten. Privatauktionen sind und bleiben trotzdem ein Boomgeschäft mit großen Zuwachsraten - nur Profite machen die Unternehmen nicht. So meldete das vom Münsteraner Urteil betroffene virtuelle Auktionshaus Ricardo bei der Bekanntgabe der letzten Quartalsergebnisse zwar als mittelfristiges Ziel den Anspruch auf die "Weltmarkt-Führerschaft" an, konnte damit aber niemanden überzeugen. Bei einem Quartalsverlust von 4,6 Millionen Mark konnte es kaum verwundern, dass die Bewertung des Unternehmens an den Börsen kurz nach Bekanntgabe der Zahlen um 16 Prozent fiel.
Business-Auktionen kennen solche Probleme nicht. Sie machen Profite: Es ist halt ein Unterschied, ob man Online gegen Provision einzelne Fernsehgeräte und DVD-Player versteigert - oder Schrauben, Rohmaterialien oder Maschinenteile in Tonnen-Kontingenten.
Deshalb kann man sagen, dass es dem Online-Auktionswesen glänzend wie nie zuvor geht: Große Unternehmen entdecken peu à peu, was sich mit gezielt aufgesetzten Auktionen alles anstellen lässt; etablierte Plattformen wie eBay und ricardo ziehen mit ihren Angeboten wie eBayPro oder ricardoBiz nach. In der nächsten Woche wird Altavista die Gründung eines eigenen B2B-Ablegers ankündigen, der sich auf die Entwicklung von "E-Commerce-Suchmaschinen" spezialisieren will: Schnäppchen-Suchmaschinen für Geschäftskunden. B2B ist angesagt, das Auktionieren von Business to Business. Die uralte Kaufmannsregel "Der Gewinn liegt im Einkauf" gilt nirgendwo mehr als im Internet.
Das Paradebeispiel: Die Autoindustrie
Jeden Morgen um 8:30 Uhr startet Ford Motors in den USA seine Auktion im Netz. Da werden 250.000 Spezialschrauben ausgeschrieben, oder auch eine Fruchtlieferung für die Kantinen in Detroit. Bis 10.00 Uhr können die Anbieter ihre Gebote abgeben, um 10.05 Uhr erfolgt der Zuschlag durch den Computer. Geliefert wird häufig am gleichen Tag. Für Ford Motors ist das Auktionieren im Einkauf eine logische Sache: B2B-Auktionen verlängern das "Just-in-Time"-Konzept um eine optimierende Einkaufskomponente.
Noch steckt das Auktionsmodell von Ford in den Kinderschuhen und ist auf genormte Partien beschränkt, für die es ohnehin einen größeren Kreis von Zulieferern gibt: Bei Blechen oder Autoschlössern setzt man auf feste Bestellungen, damit die Produktion nicht unterbrochen werden muss. Dennoch machen Auktionen im "ANX"-Netzwerk der Automobilproduzenten inzwischen einen nennenswerten Prozentsatz aus. Ihr Anteil soll rund 15 Prozent des Datenverkehrs im drittgrößten Privatnetz der Welt ausmachen - die genauen Zahlen sind geheim.
Das Beispiel von Ford zeigt, dass B2B-Auktionen weit mehr sind als das Versteigern von Konkurswaren vom Schlage des "Containers voller Zahnbürsten". In dem Maße, in dem Firmen ihre Logistik über das Internet steuern können, gewinnen Auktionen an Bedeutung. Dabei spielen die Faktoren, die Auktionen unter Konsumenten behindern, eine untergeordnete Rolle.
Auktionen können in einem separaten Netz wie ANX oder in einem abgesicherten Intranet stattfinden. Das Unwesen des "shilling" (Anbieter bietet unter fremder Identität mit), "bid shielding" (Preisabsprache unter Bietern) und das vom Landgericht Münster gerechtfertigte "bid chilling" (Anbieter bricht Auktion ab) kann mit drastischen Sanktionen belegt werden, und die Abwicklung eines Geschäfts zwischen Kaufleuten kennt auch nicht die Zahlungsprobleme der Kosumentenauktionen. Lastwagenladungen per Nachnahme sind jedenfalls eine unübliche Praxis. Mit B2B-Auktionen führen das moderne Auktionsgeschäft wieder auf seine englischen und holländischen Wurzeln zurück, als mit Beginn des Kolonialhandels die Ladungen ganzer Schiffe "under the Candle" versteigert wurden.
100 Milliarden Dollar Umsatz schon in vier Jahren
Schon heute machen Business-Auktionen rund 90 Prozent des Gesamtumsatzes aller Online-Auktionen aus, hat Forrester Research ermittelt. Die Meta-Group, die den Umsatz von Internet-Auktionsangeboten für 1998 mit 8,5 Milliarden Dollar errechnete, geht davon aus, dass im Jahre 2004 die Schallmauer von 100 Milliarden Dollar durchbrochen wird. B2B-Geschäfte sollen dabei mit 75-80 Prozent den Löwenanteil einfahren. Noch bessere Zahlen präsentiert die Firma Keenan Vision. Sie errechnete, dass im letzten Jahr 3,8 Milliarden Dollar in Business Auktionen umgesetzt wurden, was etwa 10 Prozent des gesamten Internet-Handels entspräche. Für das Jahr 2002 prognostiziert das Unternehmen 129 Milliarden Dollar - das wären rund 29 Prozent des vorausgesagten Internet-Handels.
Vor allem bei Rohstoffen oder Stromlieferungen ist das Potenzial, das in den diesen Auktionen steckt, noch gar nicht ausgereizt. eBay-Geschäftsführer Marc Samwer schätzt, dass allein das deutsche B2B-Auktionsvolumen in den nächsten drei Jahren auf 6 bis 7 Milliarden wachsen wird. Er glaubt, dass eBayPro dabei die führende Rolle einnehmen wird.
Firmen wie Ariba sehen das freilich anders. Sie verkaufen Komplettpakete für Auktionsplattformen direkt an grosse Firmen, die wie Ford Motor den Einkauf straffen wollen. Auf der Kundenliste von Ariba befinden sich Chemiekonzerne, Fluggesellschaften und Lebensmittelhersteller. Der prognostizierte Riesenmarkt lässt freilich noch ganz andere Parteien aktiv werden. So überlegt man bei Bolero , eine B2B-Auktionsplattform im Internet einzurichten, die die verschiedenen Rohstoffbörsen ergänzen könnte. Bolero ist das Netzwerk, das die Bankenvereinigung S.W.I.F.T. mit der Frachtführervereinigung FIATA errichtet. Mit Bolero sollen Fracht- und Zahlungsabwicklung kombiniert werden: Erst wenn die Ware angekommen ist, wird das bei Treuhänder-Banken geparkte Geld dem Konto gutgeschrieben.
Alle Anbieter von Business-Auktionen spekulieren auf die Periode, die die Marktforscher der Gartner Group das "Post-Net Business" nennen. Die Auguren von Gartner gehen davon aus, das zwischen 2002 und 2003 durch andauernde Pleiten und fehlgeschlagene Internet-Geschäfte eine Talsohle des E-Business erreicht wird, in der viele Anbieter mit einem "e" vor dem Namen verschwinden werden, die ihre Geschäftsprozesse nicht richtig optimierten. Für das Jahr 2004 sagt die GartnerGroup den Aufstieg des aufgeklärten Post-Net-Business voraus - mit Auktionen an allen Stellen, an denen eine Firma nach aussen sichtbar ist. Die Zukunft des E-Commerce heißt B2B.