Cyberkino: Hollywood träumt von Web-Video-On-Demand - DER SPIEGEL
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Cyberkino Hollywood träumt von Web-Video-On-Demand

Die amerikanische Unterhaltungsindustrie rüstet sich mit eigenen Internet-Angeboten gegen Filmpiraten. Neben Miramax experimentieren bereits Sony, Twentieth Century Fox und Blockbuster Video mit kostenpflichtigen Online-Streifen.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Guinevere ist eigentlich eher ein zweitklassiger Film mit ebensolchen Schauspielern. Was die Schnulze um die junge Harper Sloane und ihren ältlichen Liebhaber Connie jedoch so interessant macht, ist der Vertriebsweg: Guinevere kann seit letzter Woche aus dem Internet "downgeloadet" werden.

Im Grunde nichts Neues. Cybermovies in Spielfilmlänge wie "Dead Broke" mit Paul Sorvino, den Science-Fiction-Thriller "Gravity Angels" oder "Quantum Project" gibt's schon seit zig Monaten im Netz. Allerdings ist der Miramax-Film aus dem Jahr 1999 tatsächlich ein Novum: Guinevere ist der erste legal im Internet verfügbare Hollywood-Blockbuster. 3,49 US-Dollar kostet der Download, der 104-Minuten-Streifen kann dafür 24 Stunden lang angeschaut werden. Ist dieser Zeitraum abgelaufen, wird das Video-File nutzlos - Raubkopieren ist entsprechend sinnlos.

Miramax hatte bereits vergangenes Jahr im April angekündigt, in Kooperation mit Sightsound.com zwölf Kinofilme online anzubieten. Die Disney-Tochter versucht so zu testen, ob Heimkinofans tatsächlich bereit sind, für Internet-Movies zu bezahlen.

Für die technische Umsetzung der Online-Fassung von Guinevere zeichnet Sightsound.com verantwortlich. Der Webfilmpionier aus Pennsylvania hatte im Mai 2000 mit der abgedrehten Cyberromanze "Quantum Project" den ersten exklusiven Big-Budget-Online-Film präsentiert - und neue Maßstäbe für Web-Cineasten gesetzt. Auch die Qualität des Full-Screen-Streifens Guinevere erreicht nahezu DVD-Standard. Größtes Manko der Web-Version des Liebesdramas: Das Videofile ist 502 Megabyte groß. Der Downloadvorgang benötigt entsprechend selbst mit einer 2-Mbit-Highspeed-Netzanbindung mehr als eine halbe Stunde - eine ISDN-Leitung wäre mehr als 17 Stunden beschäftigt.

400.000 Online-Raubkopien täglich

Wie Miramax arbeiten derzeit zahlreiche Studios mit Hochdruck daran, ihre Spielfilme online vertreiben zu können. Mit eigenen Angeboten will sich Hollywood gegen die florierenden File-Sharing-Dienste wie Freenet, iMesh, Fairshare oder Filetopia wappnen, die "Napster-like" den illegalen Austausch digitalisierter Movies im Netz ermöglichen.

Das Entertainmentbiz ist sich mittlerweile mehr als bewusst, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Spielfilme - mit Hackerprogrammen wie DivX;-) komprimiert - millionenfach via Breitbandanbindungen übers Netz getauscht werden können. Der New Yorker Medienconsulter Viant geht davon aus, dass bereits heute täglich 400.000 Filme illegal online kopiert werden.

So entwickelt derzeit etwa auch Sony mit MovieFly einen eigenen Video-on-demand-Service im Internet. Über den Dienst sollen nicht nur Sony-Filme, sondern auch Streifen von Universal und voraussichtlich Murdochs Twentieth Century Fox angeboten werden.

Der japanische Elektronikmulti hält sich - wie auch Fox - noch sehr bedeckt mit Informationen zum Projekt. US-Mediengemunkel zufolge arbeitet ebenso still und heimlich auch Disney an einem Online-Movie-System. Von MovieFly ist bislang zumindest bekannt, dass Sony wie auch Miramax zum Abspielen der Filme auf den Windows Media Player von Microsoft setzt - und damit das Problem der Studiokollegen teilt: Die Cyberfilme können nur auf dem PC-Monitor betrachtet werden.

Nicht so bei Blockbuster Video. Die größte amerikanische Verleihkette testet gemeinsam mit dem Houstoner Energiekonzern Enron ein geschlossenes Movie-Netzwerk, das Filme nicht auf den PC, sondern über eine Set-Top-Box direkt auf den TV-Schirm überträgt. "Wir wollen mit unserem Service einen Meilenstein setzen", kommentierte David Cox, Managing Director für Content Origination bei Enron Broadband Services, den Start des Dienstes. "Da die ganzen Internet-basierten Konzepte ja nichts taugen, haben wir uns dafür entschieden, die Filme an Fernsehgeräte zu übertragen."

Mitte Januar nahm das Blockbuster-Enron-DSL-Network den Betabetrieb auf - in Seattle, Portland, Salt Lake City und Manhattan. Zur Verfügung stehen momentan 100 Pay-per-view-Titel, pro Film fallen Gebühren von rund fünf US-Dollar an.

In Hollywood stößt die Entwicklung von Blockbuster Video bislang allerdings kaum auf Gegenliebe. Außer Metro-Goldwyn-Meyer (MGM) beteiligt sich kein Studio an dem Projekt - nicht einmal der Mutterkonzern Viacom, dem wiederum auch die Filmfirma Paramount gehört. Einen ähnlichen Service wie Blockbuster Video hat vor Monaten bereits Intertainer lanciert. Das Unternehmen aus Culver City konnte jedoch mehr als 60 Lizenzpartner - darunter etwa Warner Bros., Columbia TriStar, Sony Music oder Steven Spielbergs DreamWorks SKG - für sein Streaming-System gewinnen.