Digitaler Lebensstil: "Europäer sind interaktiver" - DER SPIEGEL
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Digitaler Lebensstil "Europäer sind interaktiver"

Vom Rausch der digitalen Revolution ist derzeit weniger zu spüren. SPIEGEL ONLINE sprach mit Stewart Cheifet, dem US-Papst für digitalen Lebensstil, über das vernetzte Haus, faule Amerikaner und die rasante Vermehrung der Fernbedienungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Das Symbol für den digitalen Lebensstil war einmal das voll vernetzte Haus, in dem Waschmaschine und DVD-Spieler miteinander reden. Was ist aus dieser Vision geworden?

Stewart Cheifet: Dieses Konzept ist noch mitten im Reifeprozess. Die Technologie gibt es, aber es bleibt abzuwarten, ob der Verbraucher je einen Flachbildschirm auf seinem Geschirrspüler will. Bisher sieht der Verbraucher nicht ein, warum er für diese smarten Geräte Hunderte von Dollar extra zahlen soll. Ein Bereich, in dem das digitale Haus Realität wird, ist Sicherheit. Die Leute sind sehr an Webcam-Sicherheitssystemen interessiert. Damit kann man zum Beispiel die Haustür über ein Internet-Portal abschließen. Das ist ein echter Renner. Ansonsten bleibt von der Vision nur die Idee, alles zu vernetzen, und das möglichst auch noch drahtlos.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es sein, dass die Kunden angesichts der unzähligen Neuheiten technologiemüde geworden sind und sich desinteressiert abwenden?

Cheifet: Nein. Ich glaube, die Menschen beginnen gerade, Technologie als normalen Bestandteil des Lebens zu begreifen.

SPIEGEL ONLINE: Womit kann man heutzutage noch Kunden gewinnen?

Cheifet: Bessere Benutzeroberflächen und einfachere Bedienung. Niemand will unbedingt ein neues Produkt. Die Leute wollen einfach simplere Produkte. Ein Beispiel sind die persönlichen Videorecorder (PVRs) von TiVo und Replay. Damit kann der Fernsehzuschauer Sendungen anhalten und nach der Pause dort weitergucken, wo er aufgehört hat. Die PVRs waren zuerst nicht sehr erfolgreich, weil die Leute das Konzept nicht verstanden. Aber wenn diese Technologie direkt in den Fernseher eingebaut wird, werden die Kunden den Wert erkennen. In ein paar Jahren werden alle mit ihrem Fernseher digital aufnehmen können. Die ersten Fernseher mit integrierter Festplatte sollen nächstes Jahr auf den Markt kommen. Das ist ein Bereich, in dem die Konvergenz von Fernseher und Computer sehr erfolgreich sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Was für neue Programme können wir erwarten, wenn Computer und Fernseher eins werden?

Cheifet: Zweifellos mehr Interaktivität. Niemand hat bisher die magische Formel dafür gefunden. Aber es gibt schon jetzt 40 Millionen Menschen in den USA, die gleichzeitig fernsehen und surfen. Sie sehen eine Sportübertragung und wollen mehr wissen. Also loggen sie sich ein und finden es heraus. Die Leute beginnen, den Nutzen dieser Verbindung zu sehen. Darin ist Europa den USA voraus. Zum Beispiel konnte man in England beim letzten Wimbledon-Turnier entscheiden, welchen Tennisplatz man sehen wollte. Das war interaktiv, weil es nicht die eine Wimbledon-Berichterstattung ergab. In den USA ist das nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist der Abo-Sender Premiere World, bei dem man auch verschiedene Kamera-Perspektiven auswählen kann, bisher aber ein Flop.

Cheifet: Das ist was anderes. Der Zuschauer will nicht alles kontrollieren. Wenn er sich für ein bestimmtes Ereignis entschieden hat, will er nicht auch noch Entscheidungen über den Kamerawinkel treffen. Dafür will er einen Redakteur. Aber bei einem Ereignis, das eigentlich aus mehreren Ereignisse besteht, löst die Interaktivität ein echtes Problem. Auch bei den Olympischen Spielen wird sich das bewähren. Dort laufen zwanzig Veranstaltungen gleichzeitig, aber der Zuschauer bekommt nur das zu sehen, was der Sender entscheidet. Zumindest in Europa wird bald der Zuschauer entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Warum gerade in Europa?

Cheifet: Vielleicht, weil Amerikaner fauler sind. Sie wollen einfach nur im Sessel sitzen und gar nichts tun, wenn sie nach Hause kommen. Experimente mit interaktivem Inhalt haben nie richtig funktioniert. Europäer hingegen nutzen die interaktiven Angebote sehr viel stärker. Auch bei den Shopping-Kanälen ist Europa vorn. Gerade in diesem Bereich ist es nahe liegend, Fernsehen und Internet zu verbinden. Man klickt einfach auf die Fernbedienung und kauft die Dinge direkt vom Bildschirm weg. Das ist ein Impulskauf wie an der Supermarktkasse. Ich bin gerade aus England zurückgekommen, dort funktioniert das schon.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Fernbedienungen wird der Durchschnittsverbraucher in zehn Jahren haben?

Cheifet: Das ist das Problem. Darum sage ich immer, die Benutzeroberfläche ist das Allerwichtigste. Es gibt so viele coole Geräte, aber wenn es zu kompliziert wird, ignorieren die Verbraucher sie einfach. Vielleicht wird Spracherkennung uns irgendwann einmal von den Fernbedienungen erlösen.

Das Interview führte Carsten Volkery, New York

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