Entfesselt Napster siegt vor Berufungsgericht
Als nach monatelangem juristischen Gezerre Richterin Marilyn Patel Anfang Juli entschied, Napster müsse offline gehen, da reihte sich dies ein in eine lange Folge juristischer Niederlagen. Das vom damals 19-jährigen Shawn Fanning gegründete Unternehmen war nicht gerade vom Glück verfolgt. Seit sich im Herbst 2000 die mächtige Industrielobby RIAA auf den P2P-Dienst eingeschossen hatte, ging es stetig abwärts mit Napster.
Den Tiefstpunkt dieser Entwicklung erreichte Napster im Rahmen der von Richterin Marilyn Patel geführten Verhandlungen vor dem Bundesgericht. Patel wirkte lange abwägend und zögerlich und gab Napster Gelegenheit, die von der Musikindustrie eingeforderten Auflagen zu erfüllen: Diese bestanden in erster Linie aus Filtern, mit denen sich im Napster-Dienst urheberrechtlich geschütztes Material ausfindig machen und blockieren lassen sollte.
Was Napster mit zunehmenden Erfolg gelang - und den bei weitem größten Teil seiner User kostete. Als Marilyn Patel die Tauschbörse Anfang Juli und - auf eine Beschwerde reagierend - erneut am 11. Juli auf Eis legte, da war von dem einst größten P2P-Dienst im Internet nicht mehr viel übrig.
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Mit der gestrigen Entscheidung des Berufungsgerichts, Napster wieder online gehen zu lassen, landete die Musikbörse nach langer Zeit wieder einen kleinen Punktsieg. Nun also könnte Napster noch einmal durchstarten. Doch es ist fraglich, ob das Unternehmen das überhaupt will - oder tun sollte.
Der Launch des im Verbund mit Bertelsmann geplanten kommerziellen Napster-Dienstes steht bevor und soll noch in diesem Sommer erfolgen - auch wenn der angekündigte Beta-Test sich scheinbar immer weiter verzögert. Nun soll er in der nächsten Woche losgehen und eine Million User mit dem "neuen Napster" vertraut machen. Vom Erfolg dieses Beta-Tests hängt ab, ob Napster tatsächlich als legaler, kommerzieller Dienst wird operieren können. Sollte dies gelingen, ist ihm schon jetzt die Unterstützung von Bertelsmann, EMI und Time Warner gewiss - immerhin drei der fünf größten Musikkonzerne weltweit.
Bis zum offiziellen Start des Dienstes hätte Napster seinen Fans allerdings vor allem eines zu bieten: Frust. Die Napster-Filter funktionieren immer zuverlässiger und verhindern nachhaltig, dass man über die P2P-Börse fündig wird. Zwar ist der Phantasie der Napster-Fans kaum eine Grenze gesetzt - sie überlisten die Filter immer wieder - doch liegt hier zugleich Napsters größtes Risiko: Noch immer könnte Napster an der Kreativität der eigenen Fans scheitern. Sollte es der RIAA gelingen, Napster im wieder aufgenommenen Service oder aber im Beta-Test nachzuweisen, dass die eingesetzte Filtertechnik überlistet werden kann, könnte Napster wieder auf eine nicht absehbare Zeit blockiert werden.
Und das ist das Letzte, was Napster gebrauchen kann. Dem Dienst ist schon jetzt nicht viel mehr geblieben als ein bekannter Markenname. Der stand einmal für den erfolgreichen Rebellen gegen die mächtige Musikindustrie. Für immer mehr Fans steht er schon jetzt für einen kaputt geklagten Torso, der noch funktionieren mag, aber nichts mehr zu bieten habe. Das wird Napster sehr schnell ändern müssen.