Playmedia: Keuschheitsgürtel für Napster - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Playmedia Keuschheitsgürtel für Napster

Die Auflagen des Gerichtes gegen Napster, per Filter absolut jedes copyrightgeschützte Musikstück zu blockieren, sind im "alten Napster" nicht zu erfüllen. Für den Neustart setzt die P2P-Börse auf eine Technik, die Dateien bereits im Upload codiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was künftig bei Napster zu finden sein wird, teilte das Unternehmen in San Francisco mit, trägt ein Wasserzeichen. Nur die Vorab-Codierung aller über Napster vertriebenen Dateien kann gewährleisten, dass das auf Eis gelegte P2P-Unternehmen die Auflagen des Gerichtes erfüllt, wirklich jedes copyrightgeschützte Material zu erkennen.

Bisher kämpfte Napster in dieser Hinsicht gegen Windmühlen. Seit März implementierte Napster in schneller Folge eine ganze Reihe an immer kraftvolleren Filtern. Die führten wohl dazu, dass die meisten User im P2P-Dienst nicht mehr fündig wurden und der Tauschbörse frustriert den Rücken kehrten. Doch findigen Napster-Usern gelang es bis zuletzt, jeden der Filter auszutricksen: Letztlich stolperte Napster über den Einfallsreichtum seiner hartnäckigsten Fans.

Vor rund zwei Wochen zog das Gericht auf Antrag der Musik-Industrielobby RIAA die Notbremse und verordnete Napster eine Zwangspause: Erst wenn die Börse gewährleisten könne, dass ihre Filter absolut greifen, solle diese den Betrieb wieder aufnehmen können.

Das soll nach Auskunft der Bertelsmann eCommerce Group, die sich Ende letzten Jahres an Napster beteiligte und einen großzügigen Kredit gewährte und damit aus Phalanx der gegen das Unternehmen klagenden Musikfirmen ausscherte, noch in diesem Sommer geschehen. Dann allerdings wird Napster in einer kommerziellen Version an den Markt gehen, von der noch nicht klar ist, inwieweit sie dann noch "Tauschbörse" sein wird. Größter Befütterer des neuen Napster-Dienstes wird die Musikindustrie selbst sein, die von ihr zur Verfügung gestellten Daten werden durch digitale Wasserzeichen gesichert.

Diese Technik kaufte Napster nun bei Playmedia ein. Die Technik des Unternehmens geht über herkömmliche digitale Wasserzeichen hinaus: Während diese Dateien nur mit einem urheberrechtlichen Vermerk versehen, stellt die Playmedia-Technik eine Verschlüsselung dar. Urheberrechtlich geschützte Titel wird bei Napster künftig also nur der hören können, der den passenden Schlüssel besitzt - und vorher bezahlt hat.

Auf dem Weg zur proprietären Plattform?

Der Ansatz für diese Verschlüsselung liegt wahrscheinlich bei der künftig im Napster-Dienst zu benutzenden MP3-Software. Playmedia liefert also keinen Filter, sondern eine auf den Napster-Dienst zugeschnittene MP3-Software: Napster nähert sich damit weiter einer "proprietären" Plattform an. In den Worten von Napster-Chef Hank Barry steht sein Unternehmen damit "an der Spitze der Tauschbörsen", was Rechte-Management und Sicherheitstechnik betrifft.

Wie sicher diese neue Technologie wirklich ist, die auf Playmedias neuester AMP®MP3-Codec beruht, wird der Beta-Test des "Kommerz-Napsters" erweisen, der auch von Gericht und Musikindustrie aufmerksam verfolgt wird. Playmedia ist kein "Big Player", aber auch alles andere als ein Branchenneuling.

Vor drei Jahren machte das Unternehmen Schlagzeilen, als es Nullsoft verklagte, weil die Softwareschmiede bei der Entwicklung des populären "Winamp"-MP3-Players offenbar auf Source Codes des AMP-Players von Playmedia zurückgegriffen hatte. Für Playmedia endete die Klage mit einem lukrativen Geschäft: Das Unternehmen gehört zu den Kooperationspartnern von MP3.com - bis vor kurzem Napsters größtem Konkurrenten und inzwischen ebenfalls von der Industrie halb erwürgt, halb umarmt.

Ob Napster vor dem Launch des kommerziellen Dienstes noch einmal eine Chance erhält, auf dem Web Flagge zu zeigen, hängt vom Ausgang der laufenden Gerichtsverfahren ab. Gegen die "Offline-Verfügung", die Napster zum Stillstand brachte, hat das Unternehmen bereits letzte Woche Berufung eingelegt. Eine Reaktion der Gerichte steht aus.

Mehr lesen über