Millionen-Deal Vivendi kauft MP3.com
Die Letzten, so steht das in der Bibel, werden die Ersten sein: Die großen Musikunternehmen taten sich lange schwer mit dem Thema des Online-Musikvertriebs. Web-Unternehmen wie Napster oder MP3.com wurden als feindliche Eindringlinge gesehen und mit Klagen überzogen.
Eigene stochernde Versuche wirkten mehr, als wolle die Industrie beweisen, dass Online-Musikvertrieb nicht funktionieren könne: Ein kleines bis mieses Angebot wurde zu oft mit völlig überzogenen Preisen verbunden. Während Napster und Co. boomten, ernteten die tapsigen Gehversuche der Industrie zwar Lacher, aber keine Kunden.
Doch während der ehemalige Platzhirsch unter den Musik-Webunternehmen Napster nach wie vor der eigenen Desintegration entgegentaumelt, gelang es MP3.com-Chef Michael Robertson nun, den Ärger ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Sein Unternehmen ist so gut wie verkauft - und das für eine stolze Summe: 372 Millionen Dollar (rund 826 Millionen Mark) zahlt der Musikriese Vivendi Universal für die Aktien des kleinen Musikrebellen.
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Vivendi teilte am Sonntag in New York mit, der Aufsichtsrat von MP3.com unterstütze das Vivendi-Angebot von fünf Dollar je MP3.com-Aktie. Außerdem hätten bereits die Inhaber von mehr als 50 Prozent der MP3.com-Aktien zugesichert, dass sie für die Übernahme stimmen würden.
Der Kauf von MP3.com, das unter anderem das Herunterladen von Musiktiteln von seiner Website anbietet, ist nach Einschätzung von Experten ein Sprungbrett für die Muttergesellschaft der weltgrößten Plattenfirma, Universal Music Group, für den Vertrieb von Musik im Internet - und damit nicht mehr und nicht weniger als der Gegenzug gegen die Allianz von Napster und Bertelsmann.
Damit ist die Umwandlung von Napster in einen auf einer gesicherten legalen Basis operierenden "Kommerz-Napster" mehr als überfällig.
Napsters Kapital ist die Popularität der Marke: Sie schien Garant dafür, bei zumindest einem substanziellen Teil der durch zahlreiche so "kostenfreie" wie illegale Tauschmodelle verwöhnten Netz-Nutzer eine Akzeptanz für die Abo-Zahlung schaffen zu können. Wem sollte der Web-User sein Geld schon geben, wenn Musik im Web nur noch gegen Zahlung zu haben sein soll: den Start-ups der Großindustrie - oder dem "Robin Hood" unter den P2P-Börsen?
Eine Fama, die auch MP3.com in hohem Maße für sich beanspruchen kann. Älter als Napster und wohl etabliert ist MP3.com im Gegensatz zu Modellen wie MusicNet oder Duet eine im Web fest etablierte Hausmarke. Vivendi folgt nun dem Beispiel Bertelsmanns, die ebenfalls darauf setzten, eine starke Web-Marke zu instrumentalisieren, statt bei den Usern erst eine neue Marke etablieren zu müssen.
Doch während Napster nach wie vor durch Gerichtsbeschlüsse und immer neue Attacken der Industrie-Lobbyorganisation RIIA blockiert scheint, agiert MP3.com relativ frei. Michael Robertson war es im Laufe des letzten Jahres gelungen, in einer Reihe kostspieliger Gerichtsprozesse Einigungen mit allen großen Musikfirmen zu finden. So zahlte MP3.com im Herbst letzten Jahres unter anderem 53,4 Millionen Dollar an Vivendi Universal - Geld, das jetzt in gewissem Sinne zurückkommt. An der MP3.com-Front herrscht seit dem Frühjahr relative Ruhe - allein ein paar halb vergessene Altstars versuchen noch, den Webdienst um ein paar Millionen zu erleichtern. Nun kann sich das Unternehmen darauf verlassen, durch das weltweit führende Musikunternehmen weiterhin mit attraktiven Inhalten beschickt zu werden.
Der Deal dürfte sicher sein, nicht zuletzt, weil er den MP3.com-Aktionären einen unverhofften Geldsehen beschert: Das Vivendi-Angebot von fünf Dollar pro Aktie übertrifft den Freitags-Schlusskurs der MP3.com-Aktie von 3,01 Dollar um 66 Prozent. Es liegt allerdings weit unter dem bei der Börseneinführung im Juli 1999 erzielten Höchstkurs von 105 Dollar je MP3.com-Aktie. Ein Wertverlust, der nicht nur auf die Dot.com-Krise zurückzuführen ist, sondern auch auf die durch die Napster-Prozesse ständig neu befeuerte Debatte über die Zukunftsaussichten von Musik-Websites. Der Preis schien den Börsen jedenfalls nicht zu hoch: Der Kurs von Vivendi stieg nach Bekanntwerden der Kaufabsichten.
Wie die für Napster aussehen, steht weiter in den Sternen, obwohl sich ein Bertelsmann-Sprecher beeilte zu versichern, man sei "sehr zuversichtlich", das Rennen gegen die Zeit noch zu gewinnen. Das entscheidet sich an einer Frage: Wie viele User hat Napster noch, wenn die Börse zum Kommerzdienst "umgeschaltet" wird. Seit der Implementierung immer effektiverer Filter laufen der Musikbörse die Kunden weg: Man findet bei Napster einfach nicht mehr das, was man dort sucht.
Bertelsmann, die im Oktober eine nicht genau bekannte Millionensumme in Napster investierten und sich so die Option auf eine Teilhaberschaft für den Kommerzdienst sicherten, haben längst damit begonnen, alternative Strukturen zu Napster aufzubauen. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Deal zwischen Realnetworks, Bertelsmann und EMI bekannt, über den aufzubauenden Dienst MusicNet ebenfalls Musik online vertreiben zu wollen.