Netzwelt-Ticker: Eigentlich ist Linux von Microsoft - DER SPIEGEL
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Netzwelt-Ticker Eigentlich ist Linux von Microsoft

Im Gerangel um Softwarepatente hebt Microsoft das Bein gegen Open-Source-Projekte: Allein Linux verletze 107 geschützte Ideen des Konzerns. Außerdem: Google forscht Zocker aus, MySpace wirft Videos raus, Atze Schröder ätzt gegen Wikipedia und mehr.
Von Sönke Jahn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meins bleibt meins, auch wenn Ihr singt und lacht

Das Gerangel um Softwarepatente ist eine unendliche Geschichte, vor allem unendlich ermüdend. Aber augenscheinlich ist dieses Thema wie der Straßenbaum an der Ecke, gegen den jeder der Beteiligten regelmäßig pinkeln muss. Heute: Microsoft.

Das freie Betriebssystem Linux sei nämlich gar nicht so frei. Sagt Microsoft .

42 firmeneigene Softwarepatente verletze schon mal der Linux-Kernel, weitere 65 die Oberfläche des Windows-Konkurrenten. Auch das freie Office-Paket OpenOffice.org nutze unerlaubt 65 von Microsofts Patentrechten, und weitere 83 geklaute Patente will man in weiteren quelloffenen und meist kostenlos weiter gegebenen Programmen aufgespürt haben.

Das dürfte erst einmal helfen, Firmenkunden zu verunsichern, die mit dem Einsatz freier Software liebäugeln. Könnten sie deshalb von Microsoft verklagt werden? Noch im Februar war Microsoft selbst Ziel einer Patentklage von Alcatel-Lucent, in der es um nachträgliche Lizenzzahlungen in Milliardenhöhe ging. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa sollen schon bis zu 50.000 Softwarepatente erteilt worden sein, meldet die Initiative patentfrei.de .

Welcher freischaffende Open-Source-Programmierer soll denn da ohne Rechtsabteilung den Überblick behalten? Und vor allem: Wieviel quelloffene Software nutzt Microsoft wohl selbst? Wir sind gespannt, wer als nächstes sein Patent-Bein hebt.

Google will nur spielen

Der britische "Guardian"  weiß von einem Google-Patent zu berichten, mit dem der Internet-Riese "psychologische Profile" von Onlinespielern etwa in Second Life und World of Warcraft anfertigen könne. Auch Spielkonsolen-Besitzer ließen sich möglicherweise anhand gespeicherter Spielstände erkennen und einsortieren. Je nach Nutzerverhalten bekäme der Gamer dann gezielt Werbung im Spiel eingeblendet.

Das ist aus Firmensicht gewiss kein blöder Schachzug, denn schließlich hat Google Anfang des Jahres auch die Firma AdScape gekauft, deren Geschäft es ist, genau solche Werbung in Computerspielen zu schalten. Gegenüber dem "Guardian" sagte Google, es sei dieses aber nur eines von vielen Patenten, die man immer mal wieder einreiche und man plane nicht, Spieler sofort durchleuchten zu wollen. Was eigentlich schade ist, könnte man dann doch endlich Listen generieren mit Aussagen wie: "Du weißt, dass Du zu viele Killerspiele spielst, wenn Du nur noch Werbung für Viagra, Waffen und Munition bekommst?"

So geht‘s ja nun auch nicht

Die kalifornische Firma Media Rights Technologies (MRT) behauptet, mit ihrer X1 SeCure Recording Control eine Lösung anbieten zu können, mit der sich über Netz ausgestrahlte Mediastreams, sprich: MP3-Dateien, nicht mehr unerlaubt rippen, sprich: abspeichern lassen könnten.

Schön und gut - nur will diese Lösung keiner kaufen. Microsoft, Apple, Adobe und Real, die maßgeblichen Hersteller der nötigen Abspielsoftware, weigern sich angeblich, X1 zu lizensieren und in ihre Audioplayer einzubauen. MRT-Firmenchef Hank Risan schäumt, denn so würde man Urheberrechtsverletzungen doch aktiv Vorschub leisten. Und droht: "Wir werden die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen."

Man habe die Playerproduzenten nach dem berüchtigten US-Copyright-Gesetz DMCA bereits abgemahnt und ihnen zehn Tage Zeit gegeben, um gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, zitiert ihn heise.de . Anderenfalls würde man iTunes & Co. per einstweiliger Verfügung vom Markt verbannen. Noch haben sich Apple, Microsoft, Real und Adobe nicht zu dieser Angelegenheit geäußert – wahrscheinlich hat sie ihr schlechtes Gewissen verstummen lassen.

Journalisten mussten draußen bleiben

Ausgerechnet bei der Rede von Microsoft-Boss Ballmer mussten Journalisten draußen bleiben. Ballmers Begrüßung der 2590 Teilnehmer auf Microsofts "Business Intelligence"-Konferenz , die kürzlich in Seattle stattfand, durften die anwesenden zehn Berichterstatter aus rätselhaften Gründen nicht beiwohnen. Kollege Mark Whitehorn vom britischen "The Register"  erzählt diese Geschichte äußerst süffisant in seinem Artikel mit der Überschrift "Ballmer könnte möglicherweise etwas Interessantes gesagt haben, aber wir wissen es nicht so genau".

Was mag im Auditorium bloß Geheimes geäußert worden sein, das nur für 2590 Zuhörer bestimmt war, nicht aber für 2600, fragt Whitehorn sich und uns Leser. Am Ende seiner Betrachtungen, denen hier nicht vorgegriffen werden soll, einigen wir uns dann mit ihm darauf, dass sein zweiseitiger (!) Ballmer-Bericht ohne die Rede sogar spannender wurde, als wenn er tatsächlich den Ausführungen des Microsoft-Bosses gelauscht hätte.

Alles ätzend, Atze: Warum der pöttelnde Perückenträger gegen die Wikipedia klagt und stänkert, warum MySpace lieber ist als YouTube und warum AMD wieder Morgenluft wittert.

Alles ätzend, Atze

Schon komisch, wer heutzutage alles über seinen Anwalt kommuniziert. Neben Softwarefirmen in letzter Zeit vor allem auch die Kunstfigur Atze Schröder.

Wie wir bei heise.de  lesen, beauftragte sie ihren Anwalt damit, die Online-Enzyklopädie Wikipedia zu verklagen, in dessen unendlichen Weiten sich tatsächlich ein lexikalischer Eintrag über diesen drittklassigen Komiker mit der blöden Perücke findet. Der Künstler möchte nämlich nicht, dass man seinen wahren Namen kennt, weswegen der auch nirgends genannt werden soll.

Warum? Keine Ahnung, vielleicht ist er Rumpelstilzchen? Beim Betreiberverein der Wikipedia gab man klein bei: "Mir geht dieser Tanz um Deinen tatsächlichen Namen mittlerweile mächtig auf die Nerven. Der Name war schon lange kein Geheimnis mehr und wird es auch nicht wieder werden", schreibt der genervte Geschäftsführer Arne Klempert dem Komiker in sein Blog.

MySpace lieb, YouTube bockig

Stallgeruch fördert offenbar den Gehorsam: Während YouTube derzeit eine Copyright-Klage nach der anderen um die Ohren gehauen bekommt, profiliert sich MySpace gegenüber den Medienunternehmen als Musterknabe. Kein Wunder, gehört die Social-Networking-Klitsche doch selbst zu Rupert Murdochs News Corp., das sich bekanntlich gerade bemüht, zur Meinungsmacht Nummer 1 in den USA aufzusteigen.

MySpace soll derweil von allem Wildwuchs befreit werden. Nach Musikfiltern implementierte MySpace nun auch Videofilter von Audible Magic. "Take Down Stay Down" heißt das Programm sinnfällig und wird den Copyright-Haltern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Damit lässt sich ein Video technisch zum Abschuss freigeben, die clevere Technik analysiert das Ding vor der Löschung und erkennt sodann auch alle seine Klone. Sprich: Ein einmal wegrasiertes Video lässt sich nicht in neuer Kopie wieder veröffentlichen.

Warum kann YouTube so etwas eigentlich nicht, knarrt es da im Gebälk der nach Jahren des P2P-Unwesens schon reichlich windschiefen, geschundenen Entertainment-Branche. YouTube/Google hinken hinterher, haben am Donnerstag letzter Woche immerhin angekündigt, etwas Ähnliches in Mache zu haben.

Für die Betreiber reiner Videodienste wie YouTube ist das Copyright-Problem allerdings wirklich noch härter zu lösen als für MySpace und Co, und das in zweifacher Hinsicht: Erstens leben sie allein davon, dass jederman bei ihnen allen möglichen Kram veröffentlichen kann, zweitens verlieren sie ihre Attraktivität, wenn das nicht mehr geht.

Damit nicht genug. Bei YouTube wären durch ein automatisiertes Film-Kill-System nicht nur unautorisiert veröffentlichte Musikvideos betroffen, sondern auch zahllose Community-Filmchen: Von zappelnden Teenagern, Band-mimenden Spaßvögeln und Luftgitarreros bis hin zu hoffnungsvollen Schrammel-Novizen, die sich an den Liedern ihrer Stars versuchen. Dazu kommt die Gefahr, dass die Jungs am Filter ihre Copyrights höchst kreativ vielleicht ein wenig weiter fassen könnten, als sie eigentlich reichen. Zöge man dann noch die weggefundenen Clips aus dem Fernsehen ab, bliebe nur eine Frage: Was bleibt dann eigentlich noch? (pat)

Zwei Kerne gut, vier Kerne besser

...sagt sich AMD, der zuletzt wieder etwas ins Hintertreffen geratene Intel-Konkurrent. Über Jahre führte AMD die Hitliste der effektivsten Prozessoren für Heim-PCs an und konnte sich so langsam und mühsam aber letztlich erfolgreich ein respektables Stückchen von Intels Quasi-Monopol-Kuchen abschneiden. Dann lösten bei Intel die Dual-Cores die Pentiums ab - und AMD landete wieder in jeder Beziehung auf dem zweiten Platz.

Inzwischen setzt Intel Bestmarken sogar mit ambitionierten Vier-Kern-Prozessoren, die in Wahrheit aber gar keine richtigen sind: Die Quad-Core-Systeme kombinieren nur kreativ zweimal zwei Kerne. Das, behauptet nun AMD vollmundig, könne man aber viel besser und darum effektiver und schneller: "Phenom" sollen die neuen Chips aus den AMD-Schmieden heißen, die noch im Laufe des Jahres auf den Markt kommen sollen. Und die sind angeblich wieder deutlich schneller als die der Konkurrenz, behauptet AMD, ohne schon Einzelheiten zu verraten.

Auf die wird man allerdings nicht mehr lange warten müssen. Die Server-Variante der neuen Chiparchitektur (Codename "Barcelona") soll bereits im Sommer ausgeliefert werden, die Phenom-Chips für Heim-PCs dann im Herbst. Im Rahmen des Produktportfolios sind sie als High-End-Chips mit entsprechenden Preisen gedacht, um endlich mal wieder ordentlich Geld in die Kassen zu spülen. Otto-Normalverbraucher darf und wird sich derweil weiter mit den Athlon64- und den preiswerten Sempron-Chips begnügen. Nur so unter uns: Wenn Sie nicht zur Gemeinde der fanatischen Hardcore-Gamer gehören, reicht das auch völlig. (pat)

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