Online-Banking Das erste echte "E"
Kein Schalterschluss, keine geografischen Grenzen und schneller Vergleich der Angebote - das Internet wird den Wettbewerb zwischen Banken enorm verschärfen. Doch Wolfgang Arnold, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), sieht im weltweiten Netz auch viele neue Geschäftsmöglichkeiten für die Geldinstitute.
Arnold weiß, dass durch das Internet die Barrieren des Markteintritts für neue Wettbewerber gesenkt werden. Kunden hätten nahezu uneingeschränkte Markttransparenz. "Produkte und Preise verschiedener Institute können bequem und auf einfache Weise miteinander verglichen werden." Suchmaschinen spürten das für den Nutzer weltweit günstigste Kredit- oder Anlageangebot auf.
So wird das sein. Gar nicht unwahrscheinlich, dass Arnold seine Erkenntnisse durch einen Blick über den Ärmelkanal gewann: In Großbritannien tobt seit Monaten der Konkurrenzkampf neuer Direkt- und Internet-Banken. Nagelneue Unternehmen wie egg, Smile und first-e heizen dort den traditionsreichen Bankhäusern ein und zwar gehörig.
Anfänglich wurden gerade Online-Banken eher belächelt: Die Kundschaft werde vor den Risiken zurückschrecken, wünsche sich ohnehin das vertrauensvolle Gespräch mit dem vertrauten Bankangestellten. Doch immer deutlicher stellt sich heraus, was sich Kunden wirklich von ihrer Bank wünschen: Schnelligkeit, Verlässlichkeit und - Schnäppchen.
Alles soll billiger werden. Der Bankkunde des Internet-Zeitalters will keine Überweisungsgebühren zahlen, keine Kontoführungsgebühren. Er will zunehmend auch mehr als nur das klassische Gehalts- oder Sparkonto. "Finanzdienstleistung" ist das Stichwort - vom Aktienhandel bis zur Versicherung. Der Erwartungsdruck der Kundschaft zwingt Banken, die die verlangten Leistungen nicht im Portfolio haben, dazu, solche Dienstleistungen selbst bei Konkurrenten einzukaufen - um ihre Kundschaft nicht an Mitbewerber zu verlieren.
Das ist den Kunden zunehmend bewusst, ihre Treue zur "Hausbank" sinkt. Der Kunde wechselt heute frei zu der Bank, die ihm bietet, was er will. Ein persönliches Vertrauensverhältnis ist kaum noch ein Faktor in der Bindung der Kunden. Das vertrauliche Gespräch mit dem Banker ist und war für Otto-Normalverbraucher ohnehin eine Illusion: "Kleine" Kunden zählten nie viel in der Welt der Banken. So wie sie für die Bankhäuser immer mehr Kostenfaktor als Profitquelle waren, orientieren sich nun die Kunden: Unter dem Strich zählt für sie nur Leistung, preiswerte Leistung.
Die kann eine Bank nur bieten, wenn sie eigene Kosten herunterfährt. Mehrere Studien wogen im letzten Jahr die durchschnittlichen Kosten für Allerwelts-Transaktionen auf, mit denen Banken verschiedenen Typs zu rechnen haben. Die Ergebnisse differieren - aber nur leicht: Eine ganz normale Überweisung ist demnach für eine traditionelle Bank zehn- bis zwölfmal teurer als für eine Online-Bank. Die Direktbanken, die sich vor allem auf Call Center stützen, müssen für eine Überweisung immerhin drei- bis fünfmal so viel aufwenden wie die Online-Konkurrenz. Einer Studie der Unternehmensberatung Booz, Allen & Hamilton zufolge sieht die Sache gar noch krasser aus: Die "traditionelle" Überweisung koste 1,07 Dollar, die über ein Call Center 25 Cent - und die über eine Online-Bank nur 2 Cent. Wie auch immer die Ratio nun wirklich aussieht, so viel dürfte aus Sicht der Unternehmen klar sein: Nichts ist kostengünstiger als Online.
Ein Vorteil, den Online-Banken auch an ihre Kundschaft weitergeben. Wer dieser Tage bei der first-e, der "ersten paneuropäischen Online-Bank" ein Konto in England eröffnet, darf sich über 6,51 Prozent Zinsen freuen. Das ist ein Kampfpreis, der als "Einführungs-Angebot" Kunden ziehen soll und nur bis zum April gilt. Doch auch danach wird die Verzinsung von Sparguthaben deutlich über dem britischen Durchschnittsniveau liegen, die Schuldzinsen für Überziehungen hingegen deutlich darunter. Anfang April will first-e ihre virtuellen Online-Filialen in Deutschland eröffnen. Dirk Harrow, zuständig für die Deutschland PR von first-e, versichert: "Deutsche Kunden dürfen mit ähnlichen Einführungsangeboten rechnen."
Mit solchen Lockangeboten machen Online-Banken natürlich keine Profite. Egg, in Großbritannien first-e's größter Konkurrent, verlor im ersten Jahr 200 Millionen Pfund - aber gewann gleichzeitig 800.000 Kunden. Egg ist eine hundertprozentige Tochter des Versicherungskonzerns Prudential und stützt sein Geschäft zu 30 Prozent auf Internet-Banking - 70 Prozent des Umsatzes laufen über Call Center.
Nun kommt first-e, eine Ausgründung des Dubliner Technologie-Entwicklungsunternehmens enba. Mit im Boot sitzt das französische Bankhaus Banque d'Escomte. Über die d'Escomte kam enba an die nötige Banklizenz, Kooperationen mit anderen Unernehmen sichern first-e den Zugang zu anderen Märkten. Doch damit nicht genug: First-e könnte virtueller gar nicht sein. Nicht nur, dass die Bank über keinerlei Filialen verfügt, sie besitzt auch die Ressourcen gar nicht, alle angebotenen Dienstleistungen selbst abwickeln zu können. "Outsourcing", meint dazu PR-Mann Harrow lakonisch, "ist für uns ein Grundprinzip."
Die Dienstleistungen werden eingekauft
In jede Richtung. Beteiligt an enba und first-e sind zahlreiche Unternehmen, darunter so namhafte wie Intel, Morgan Stanley oder die deutsche Metro-Gruppe. First-e produziert die nationalen Web-Portale, die der virtuellen Bank ein Gesicht geben. Die angebotenen Dienstleistungen werden günstig eingekauft. Harrow: "Es gibt ja so viel Überkapazitäten im Finanzgeschäft." Bei first-e allerdings nicht: Vier Monate nach dem Start in Großbritannien und wenige Wochen vor dem Start in Deutschland verfügt das Mutterunternehmen enba über insgesamt 250 Mitarbeiter - die sich auf drei Tochterunternehmen verteilen. First-e ist eines davon, genauer will Harrow nicht werden. Das klingt nicht nach einer "paneuropäischen Bank".
Und doch hat first-e das Potenzial dazu, weil sie als erste Bank die Vorteile des ortlosen Mediums konsequent für sich nutzt. Online-Banking-Versuche hiesiger Banken waren zumeist halbherzig. Zwar kann Comdirect 155.000 Online-Kunden vorweisen, zwar war die Deutsche Bank mit der Bank24 über Jahre virtuell aktiv - doch die Ausgründungen bleiben "Töchter", die auf die Ressourcen ihrer Mutterhäuser zurückgreifen, ohne selbst die Flügel zu strecken.
Gerade das Beispiel der Bank24 zeigt dies überdeutlich: Als Direktbank gestartet, führte die Deutsche Bank die Tochter mit ihrem Privatkundengeschäft zusammen. Verkauft wurde das als Stärke: Die virtuelle Bank verfüge nun über ein Filialnetz. Doch schnell wurde deutlich, dass die Deutsche Bank hier nur Rationalisierungsmöglichkeiten im Sinn hatte, die kaum zum Vorteil der Kundschaft sein dürften.
Die Privatkunden der alten Deutschen Bank werden es hinnehmen müssen, dass nun rund 300 Filialen geschlossen werden - man könne ja Direktbanking nutzen. Das Servicenetz der ehemaligen Bank24 ist inzwischen völlig auf Call Center gestützt: Jemanden zu erreichen, der wirklich helfen kann, ist ein wahres Kunststück. Frustration auf allen Ebenen ist vorprogrammiert - und nun will die Deutsche Bank angeblich noch Überweisungsgebühren für Online-Kunden einführen und widerspricht damit dem Prinzip, Kunden für erbrachte "Eigenarbeit" zu belohnen.
Eine Strategie, die an den Bedürfnissen der Kunden vorbei geht, wie eine Studie des Bundesverbandes der deutschen Banken herausgefunden haben will: Marktuntersuchungen belegen dem Bundesverband zufolge, dass 80 Prozent aller Kunden sich künftig verschiedene Zugangswege zu ihrer Bank wünschen. Das hieße, dass sowohl die Filiale als auch das Internet gefragt sei. Nur zehn Prozent der Kunden wollten ausschließlich online mit ihrem Kreditinstitut kommunizieren und komplette Geschäftsabschlüsse im Netz tätigen. Ebenfalls zehn Prozent wollten weiterhin nur die Filialen nutzen.
Auf diese veränderte Nachfragesituation reagiert etwa die britische Lloyds TSB völlig anders als ihre deutschen "Counterparts". Die Geschäftsbank erkannte schnell, dass die Konkurrenz durch egg, Smile und first-e ernst zu nehmen ist. Gerade im internationalen, ausschließlich das kostengünstige Internet nutzenden Konzept von first-e erkannte Lloyds einen Trend und kündigte Anfang Januar die Gründung einer eigenen, paneuropäischen Internet-Bank an.
In Deutschland hat diesen Knall bisher nur die Hamburger Sparda-Bank gehört - seit jeher ein Vorreiter im Internet-Banking. Mit der Netbank versucht sie sich als reine Internet-Bank. Das hatte auch Mannesmann vor: Im Verbund mit der Deutschen Bank plante das Unternehmen eine reine Web-Bank, die Ende 2000 das Geschäft aufnehmen sollte.
Die Pläne zeigten gute, kundenfreundliche Ansätze: So sollte bei der "Tele-Commerce Bank" die Telefonnummer gleichzeitig zur Kontonummer werden. So etwas ist schwer zu vergessen. Was aus der Idee wird, hängt nun wohl von Vodafone-Chef Chris Gent ab: Mannesmann hoffte, mit solchen Kooperationsplänen die Übernahme durch den englischen Telekommunikationskonzern zu verhindern. Ohne Erfolg.