Online-Check-in: Ja, wo fliegen sie denn? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Online-Check-in Ja, wo fliegen sie denn?

Buchung am heimischen Computer, Flugplanauskunft übers Handy und Einchecken von unterwegs: Die Fluggesellschaften starten lautstark ins mobile Zeitalter, doch die Realität fällt deutlich bodenständiger aus. Ein Erfahrungsbericht.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zugegeben, es war eine Schnapsidee - aber die Rahmenbedingungen lassen auf mildernde Umstände schließen: München, ein regnerisch-kühler Samstagabend, das Hotel am Rande der Stadt. Im Fernsehen setzen Deutschlands Elitekicker gerade alles daran, sich mit Bravour zu blamieren, und die Zeitung vom Vortrag ist auch schon umfassend studiert. Mit einem Wort: Langeweile - nicht einmal gepflegt.

Was also tun? Die Handy-Hersteller haben vorgesorgt, entwickeln ihre Geräte immer mehr in Richtung Gameboy mit Telefonanschluss. Doch auch ohne digitale Saurierjagd sind Spannung, Spiel und Überraschung garantiert - viele Stunden lang. Das Zauberwort lautet mobile Handydienste.

So bieten beispielsweise die meisten Fluglinien ihren Passagieren an, bereits am Vorabend online einzuchecken, ein nettes Spiel für langweilige Abende in ebenso langweiligen Hotelzimmern. Als Hauptpreis locken nicht nur Sitzplätze nach Wunsch, sondern auch extra Meilen für das Vielfliegerprogramm - genau das Richtige für den fliegenden Jäger und Sammler. Da drückt man gerne ein paar Einheiten an den Netzbetreiber ab. Aber nur ein paar.

Die technische Infrastruktur ist vorhanden: Ein wappendes Handy, ein Organizer von Psion, ja sogar ein Laptop dekorieren das Zimmer - allesamt mit Infrarotschnittstelle für die drahtlose Kommunikation. Doch die ersten Versuche gestalten sich mehr als schwierig.

Wap: Wunde Finger und eine Niete

Wap nennt sich die angebliche Verheißung, mit der Gerätehersteller und Netzbetreiber seit vielen Monaten das Internet aufs Handy bringen wollen - und das weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wap heißen auch die ersten großen Nieten im Check-In-Spiel. Denn die mutmaßlichen deutschen Wap-Seiten der Fluggesellschaft bringen nicht nur wunde Finger vom Tippen auf dem Handy, sondern auch abwechselnd die Fehlermeldungen "Service not available" und "Internal Server Error".

Auf der englischsprachigen Wapseite baut sich zwar mühsam eine Grafik auf, spätestens bei der Eingabe von Name und Passwort verstehen aber auch die Briten keinen Spaß mehr: Der Server beschwert sich reichlich wortkarg, dass das Handy für derart anspruchsvolle Aufgaben nicht sicher genug sei. Verwappt und zugenäht.

Nächste Chance: Laptop. Dort ist AOL installiert, der Netzzugang übers Handy funktioniert überraschenderweise anstandslos. Schleppend, mit 9600 Bit pro Sekunde, lädt sich die erste Seite. In Richtung Flugsteig hilft das aber auch nicht weiter: Zwischen AOL und dem Provider der Fluggesellschaft scheint es um diese Zeit keine Verbindungen mehr zu geben. "Server nicht erreichbar", die Seite bleibt grau.

Zum Glück liegt da noch der Organizer: Zusammen mit dem Handy zaubert der langsam die Umrisse einer Webseite auf das blassgrüne Display. Immerhin erlaubt der Browser Opera, das Laden von Bildern zu unterbinden. Nur wo ist jetzt der klickbegierige Grafikknopf, mit dessen Hilfe das Passwort an den Server geschickt werden kann? Fehlanzeige. Also doch die Bilder laden. Und warten.

Himmel, hilf!

Okay, okay, der Versuch, sowohl Organizer als auch Handy auf dem wohlgenährten Bauch zu balancieren, war etwas riskant, produzierte ein äußerst labiles Gleichgewicht. Aber musste das Handy ausgerechnet kurz vor dem Abschluss des Seitenaufbaus in die Bettritze rutschen? Hilfe! Oh, Herr der drahtlosen Kommunikation, lass' Kabel vom Himmel fallen. Oder Bluetooth. Oder Morsezeichen.

Verschiedene Gedanken rasen durch den Kopf: Auf dem Laptop einen Call-by-Call-Provider einrichten - doch woher die Nummer nehmen? Auf dem Organizer einen Wap-Browser installieren? Oder gleich aus dem Fenster springen? Da das Zimmers im Hochparterre liegt, werden Letzteres sofort, die anderen beiden Punkte nach kurzem Nachdenken verworfen.

Absturz. Der Begriff bekommt beim Check-In für den Linienflug auf einmal eine ganz neue Dimension: Offensichtlich sind Opera und Psion nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen. Immer wieder verabschiedet sich das Programm im Datennirwana.

"Ottke sieht klasse aus", jubelt der Box-Kommentator im Fernsehen. Von den Webseiten kann man das nicht sagen. Das Angebot, den Wunschplatz im Flieger selbst zu wählen, wird dankend ausgeschlagen. Lebwohl 12F, du Sitz neben dem Notausstieg mit deinen eineinhalb Metern Beinfreiheit. Du Platz, an dem die Stewardess die Gäste persönlich darauf hinweist, sich gefälligst mit den Sicherheitsbestimmungen vertraut zu machen.

Fliegende Handys

Vor allem die Sicherheit der beiden mobilen Geräte ist nach einem weiteren Absturz akut gefährdet. Das Handy steht kurz davor zu fliegen - gegen die Wand und ganz ohne eingecheckt zu sein. Doch dann, Ottke liegt in den letzten Zügen, ist es fast vollbracht.

Zum letzten Buchungsschritt will allerdings das Handy ebenfalls seinen Meinung äußern. Ein eindringliches Piepsen macht darauf aufmerksam, dass alsbald - sprich in wenigen Sekunden - der Akku leer ist. Schneller als eine Sauerstoffmaske aus der Kabinendecke fliegt das Ladegerät in die Steckdose. Geschafft.

Der Abend wurde sinnvoll gestaltet, und am nächsten Tag bleiben auf dem Weg zum Flughafen zehn Minuten mehr Zeit. Doch wann fährt eigentlich die passende S-Bahn? Eine Antwort ist in Sicht: Die Nacht ist noch jung, und auch die Münchner Verkehrsbetriebe bieten eine Handy-Auskunft. Zumindest theoretisch.