Mobilfunk-Zukunft: Total lokal - DER SPIEGEL
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Mobilfunk-Zukunft Total lokal

Nach Wap, UMTS und GPRS haben die Mobilfunker ein weiteres Akronym entdeckt: LBS. Wer dabei ans (Bau-)Sparen denkt, liegt falsch: Die neuen Dienste sind dazu da, den Kunden teure Wap-Angebote schmackhaft zu machen.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zukunft des Internet ist nicht nur mobil, sie ist auch lokal: Standortbasierte Auskünfte, im Marketing-Deutsch "Location Based Services" (LBS) genannt, gehören auf der Cebit zu den großen Rennern der Mobilfunkanbieter. Schließlich sollen sie dem mobilen Internet, bislang durch den Fehlschlag Wap geprägt, endgültig zum Durchbruch helfen.

Die Idee ist einfach: Das Handy übermittelt (falls gewünscht) die Funkzelle, in der sich sein Besitzer gerade aufhält. Der Netzbetreiber schickt im Gegenzug nur die Informationen aufs Display, die von regionalem Interesse sind. Datenschützer stöhnen auf, Mobilfunkanbieter jubeln.

Denn die neuen Dienste sind, so Hans-Burghardt Ziermann, Geschäftsführer von VIAG Interkom, "nicht Visionen, sondern aktuelle Produkte, die jeder sofort nutzen kann". Egal ob örtliche Hotels, Restaurants, Tankstellen oder Bankautomaten - alle Mobilfunkanbieter stellen in Hannover neue oder aktualisierte Dienste vor. Auch "Eventguides", ein Verkehrsinfodienst oder das (aktuelle) Wetter finden künftig abhängig vom Standort den Weg aufs Handy.

Ziermann sagt: "Location Based Services und M-Payment gehören zu den viel beschworenen Killerapplikationen im mobilen Multimediazeitalter." Das klingt toll - muss es auch. Denn die Mobilfunkanbieter sind zwanghaft bemüht, dem mobilen Internet den Nutzwert zu verpassen, der bislang von vielen Wap-Nutzern vermisst wurde. Das führt manchmal zu gar seltsamen Gedankenspielen.

Hauptsache lokal, Hauptsache mobil

So doziert ein Mobilfunk-Manager auf der Cebit: "Wenn die Leute auf ihrem Handy-Display das nächstgelegene italienische Restaurant angezeigt bekommen und es gleichzeitig vor sich sehen, werden sie den Sinn und Nutzen von Wap erkennen." Doch wenn der Pizzaduft bereits in die Nase zieht, wofür brauchen hungrige Mägen dann noch Wap?

Egal: Hauptsache lokal, Hauptsache mobil. Die Überlegungen gehen sogar noch weiter. D2 Vodafone schwärmt anlässlich der Cebit schon von "Friend-Finder"-Services oder "Child-Watch"-Applikationen, mit denen der ungefähre Aufenthaltsort von Menschen ermittelt werden kann.

Allerdings: Um den "Lifestyle Mobility Services" (T-D1) zum Durchbruch zu verhelfen, braucht es nicht nur Lokalkolorit, es braucht vor allem auch Geschwindigkeit. Bislang stellt Wap mit einer Übertragungsrate von 9600 Bit pro Sekunde Surfer auf eine harte Geduldsprobe. GPRS, der kommende Standard, soll das (ansatzweise) ändern. Entsprechende Handys sind zwar noch Mangelware - Experten rechnen für die nächsten Monate mit Stückzahlen im fünfstelligen Bereich - doch die Tarife stehen bereits fest.

Tarife: Welcome to the jungle

"Always on" lautet das Schlagwort, das die Netzbetreiber mit GPRS verbinden: Kunden zahlen nicht für die Verbindungsdauer, sondern für die Daten. Das allerdings scheint die Tarifexperten in den Unternehmen, bislang an feste Takte gewohnt, vor große Probleme zu stellen. So berechnet E-Plus "für eine übertragene Datenmenge von bis zu 100 Kilobyte 0,69 Mark für jeweils zehn Kilobyte". Verstanden? Kommt noch besser: "Ab dem 101. Kilobyte" zahlen die Kunden "für zehn Kilobyte 0,20 Mark". Um die Verwirrung komplett zu machen, beschreitet die Konkurrenz von VIAG Interkom einen anderen Weg und berechnet neun Pfennig für zehn Kilobyte, gleichzeitig aber auch 49 Pfennig pro Tag.

Im Vergleich dazu sind die Profi-Tarifmodelle von T-D1 und D2 Vodafone geradezu übersichtlich: Im monatlichen Grundpreis von 19,95 Mark ist ein Datenvolumen von einem Megabyte enthalten. Jedes Byte darüber wird teuer. Der Trend jedenfalls ist klar: Zwar müssen die mobilen Surfer künftig keine Minuten mehr zählen, dafür aber Kilobyte. Das macht die Sache nicht unbedingt leichter.

Wie schnell? Schnell!

Auch in puncto Geschwindigkeit scheint GPRS nicht richtig durchdacht. E-Plus berichtet stolz, in "einem ersten Schritt" werde die Übertragungsrate auf 20 Kilobit pro Sekunde gesteigert. VIAG Interkom schafft bis zu 26,8 kBit/s. Und D2 Vodafone gibt den Handyherstellern die Schuld: Die in nächster Zeit verfügbaren Handys, so der Tenor, schaffen nicht mehr als 53,6 kbit/s. Das D2-Netz dagegen kann viel mehr.

Relativ still geworden ist es dagegen um den anderen großen Heilsbringer im Mobilfunkgeschäft: UMTS. Vor einem halben Jahr, als die Unternehmen knapp 100 Milliarden in die Versteigerung der begehrten Lizenzen pumpten, war klar: Spätestens 2003, so die feste Überzeugung der Beteiligten, werde der dritte Mobilfunkstandard alles bislang da Gewesene in den Schatten stellen.

Jetzt, wo erst einmal dem Lückenbüßer GPRS zum Durchbruch verholfen werden muss, klingt das anders: GPRS werde, so E-Plus-Geschäftsführer Uwe Bergheim, für einige Jahre die maßgebliche Übertragungsart darstellen und dann um UMTS ergänzt. Den Nachsatz, "auf lange Zeit von UMTS abgelöst", hat der E-Plus-Chef doch lieber aus seinem Redemanuskript streichen lassen.

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