Segway Rollstuhl ohne Stuhl?
Der Mensch der Zukunft soll, wenn es nach Dean Kamen, dem Segway-Roller-Erfinder geht, nicht mehr laufen. Einfach überall sollen sich die Menschen mit der rollenden Untertasse fortbewegen - in der Stadt, im Park, in der Wohnung, sogar im Schnee. Leise, bequem und schnell. Doch gerade da liegt das Problem. Das Gerät ist mit 20 Stundenkilometern ziemlich schnell für den Bürgersteig, zu langsam für die Straße.
Im Menschengetümmel New Yorks gäbe es sicher mehr Segway-Opfer zu beklagen, als dem Visionär Kamen recht sein kann. Schneller als ein Skateboard und dabei so schwer wie zwei Fahrräder, das halten nur wenige Knochen aus, wenn es mal kracht. Und was die Straße angeht: Es ist noch nicht einmal im Sinne des Erfinders, dass sich die Flitzer dort tummeln. Die Welt scheint nicht für den Segway gebaut zu sein. Die Städte sind zu eng, und auf dem Land gibt es bessere Fortbewegungsmittel.
Alles Roller oder was?
Deshalb ist in den USA nun eine Debatte darum entstanden, was das die fahrende Untertasse ist. Roller, Rollstuhl oder was? Die Consumer Product Safety Commission (CPSC) hält es für ein "consumer product". Schlussfolgerung: Das Ding darf auf den Bürgersteig.
Ron Medford, Ingenieur bei der CPSC, setzt sich nun als Lobbyist für entsprechende Regelungen ein, wie das "Wall Street Journal" berichtet. Pikant ist, dass er sich von seinem Job bei der CPCS eine Auszeit genommen hat, um sich für ein Jahr der Lobbyarbeit für den Renner zu widmen. Gegen Klüngel-Vorwürfe verteidigt sich Medford mit dem Argument, er werde sich nach seiner Rückkehr in die CPCS nicht mehr beruflich um die Segways kümmern.
Die Wellen schlagen hoch. Während der Segway für die einen das Transportmittel der Zukunft ist, lachen andere nur darüber. Prominente Unterstützung ist Kamen jedoch sicher. Schließlich haben sich Silicon-Valley-Größen wie Steve Jobs (Apple) und Jeff Bezos (Amazon) für den Segway, der als "Ginger" bekannt wurde, stark gemacht. Geld für die Entwicklung kam unter anderem von den Vorsitzenden der Xerox Corporation und von Baxter International, Paul Allaire und Vernon Loucks. Geballte Power, die sich für die Zukunft des Segway einsetzt.
Ebenfalls auf der Seite des Zukunftsflitzers könnte die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) stehen. Das Ding habe Ähnlichkeit mit elektrischen Rollstühlen. Und die gehören in Amerika nun mal auf den Gehweg.
Roller: Steigende Unfallzahlen
Wird das Fahr-Zeug jedoch als Roller definiert, gibt es ein Problem. Sollen die Flitzer auf dem Bürgersteig fahren, für den sie entworfen wurden, müssten die amerikanischen Gesetze geändert werden, die Motorroller von genau dort verbannen. Schlecht für den Segway: Dutzende Staaten und Kommunen in den USA haben strengere Regulierungen für Motorroller eingeführt, um den steigenden Unfällen mit Verletzten Herr zu werden - Rollerunfälle haben sich in den USA im Jahr 2000 immerhin verdreifacht.
In Chicago sind sogar die modischen Alu-Kickboards aus der Öffentlichkeit verbannt. In Kalifornien dürfen sie nicht auf Gehwegen fahren. Kommt dazu aus Washington D.C. ein Bundesgesetz, das den Segway als Motorfahrzeug einordnet, dann droht das Aus, denn Motorfahrzeuge sind in den ganzen USA vom Bürgersteig verbannt.
Bauernschreck?
Der Segway ist zwar klein, doch um richtig düsen zu können, braucht er Platz. Er ist eher für das Land als für die Stadt geschaffen. Ob sich jedoch Farmer mit dem smarten Sauser anfreunden können, ist zweifelhaft. Ein Pick-up macht doch weit mehr her. Und in einem Land, wo Sprit kaum teurer als Wasser ist, ist wahrscheinlich auch der Kostenvorteil für die Segways nicht ausschlaggebend. Ganz zu schweigen von dem Design: Stabil-rustikal ist das Aussehen nicht, eher elegant-modern. Eben so, wie es der Städter gern hat. Bauern und Tiere würden vielleicht verschreckt.
Einen Markt könnte Segway für seinen "Human Transporter" allerdings dort finden, wo viel gelaufen wird: bei der Polizei, Briefträgern, in großen Lagerhallen oder Nationalparks. Ebendort wird der Flitzer jetzt auch erprobt. Der Preis spricht allerdings nicht für den Masseneinsatz: 8000 Dollar soll die Profi-Variante kosten. Da gibt es auch für den Briefträger viele Motorroller und noch mehr Fahrräder.
Europa ist nicht für den Segway gebaut
3000 Dollar soll der Privat-Scooter kosten. Doch abgesehen davon, dass der Spaß nicht ganz billig ist, bleibt auch unklar, was den Segway in Europa zu einem Massenprodukt machen könnte. In unseren engen Städten könnte man nur langsam damit fahren, will man nicht Fußgänger damit gefährden. Mofas düsen zumindest in Deutschland nur in Ausnahmefällen über den Gehweg. Enge europäische Altstadtgassen könnten auch nicht schneller befahren werden als mit dem Fahrrad. Nicht Auto und nicht Fahrrad und zu schwer, um ihn in der Bahn mitzunehmen.
Es gibt wenig, was der Segway kann, was Fahrräder oder Mofas nicht können - abgesehen von der technischen Leistung, ein Fahrzeug dadurch voranzutreiben, dass man sich nach vorne lehnt. Die Preise müssten noch auf einen Bruchteil fallen, soll das Ding massentauglich werden. In Deutschland könnte der Segway als Mofa klassifiziert werden - als teures Mofa ohne Sozius.
Fazit: Eine technische Meisterleistung - aber auf Kollisionskurs mit den Realitäten der Welt.