Spielzeug Handy: Duck Dich, Gameboy! - DER SPIEGEL
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Spielzeug Handy Duck Dich, Gameboy!

"Mein Handy, meine Hosentaschenkonsole" scheint in diesem Jahr das Motto so einiger Handyentwickler zu sein. Nokia und Co suchen nach neuen Märkten - und blasen zur Attacke auf den Gameboy.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit einigen Jahren schon werden Handys standardmäßig mit Spielereien à la "Snake", "Reversi" oder "Labyrinth" ausgeliefert - simple Geschicklichkeitstests mit minimalistischen Schwarzweiß-Strichgrafiken, die viel Spaß nicht bringen. Auf ähnlich kleinen Bildschirmen daddelte man - allerdings Klassen besser - mobil bisher fast nur mit dem Quasi-Monopolisten Nintendo, dessen Gameboy den Markt seit nun vierzehn Jahren beherrscht.

Eigentlich ein Wunder also, dass kein Handy-Hersteller hier bisher einen ersnthaften Versuch unternahm, sich etwas vom fetten, runden Kuchen abzuschneiden - zumal Nintendo vormacht, wie viel dort zu holen ist: Der Gameboy beherrscht seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1989 mit seinen Ablegern "Color"- und "Advance" einsam den portablen Spielemarkt - und sein Hersteller diktiert die Preise. Für ein brandaktuelles Modul muss man schon mal satte 60 Euro hinblättern, bekommt dafür aber auch teilweise hochklassige Kost für seine Hosentaschenkonsole.

Zwar kann man mit der nach wie vor nicht telefonieren, dafür ab dem 28. März extrem stilvoll daddeln - wenn man sich das leisten will. Der zwischen 130 und 140 Euro teure "Gameboy Advance SP", eine Design-erneuerte Version des "GBA", soll mit diskretem Metallic-Aufklapp-Look auch erwachsenen Daddlern Freude bereiten.

Geht es nach den Handy-Herstellern, so wird Nintendos Mobil-Spiel-Monopol jedoch künftig kräftig ins Wanken geraten. Die neuen Handys sollen den Kunden nicht nur mit integrierten Digitalkameras, MP3-Playern, Organizern und "MMS" (Textnachrichten mit Bildern) zum Kauf animieren, sondern auch mit Spielen, die adäquat unterhalten.

Schon auf der Cebit 2002 wurden zaghaft erste Versuche gestartet, dem Verbraucher die neuen Spiele-Handys richtig schmackhaft zu machen. So beschert Vodafone den Abonnenten seines "live!"-Dienstes schon seit Ende 2002 multimediale Erlebnisse; mit dem entsprechenden Handy-Modell holt man sich Spiele jeglicher Sparten per Download-Befehl direkt aufs Handy. Die Qualität der bunten Spielchen ist in der Regel akzeptabel bis bescheiden, Klassiker wie "Pac-Man" bereichern das Angebot.

Java als mobiler Spiele-Standard

Auch das Gros der anderen Vertragsanbieter, von E-Plus bis O2, setzt vermehrt auf Daddelinhalte. Mittlerweile kann man sich - das passende Gerät vorausgesetzt - aus einer reichhaltigen Software-Palette bedienen. Dank "J2ME" (Java 2 Micro Edition), einer speziell für mobile Endgeräte optimierten Version der Java-Programmiersprache, haben die Entwickler der Handy-Games leichte Hand.

In jüngster Zeit lassen sich sogar renommierte Spiele-Hersteller wie Ubi Soft - selbst fleißiger Gameboy-Lieferant - nicht lumpen und veröffentlichen Java-Umsetzungen von Verkaufsschlagern wichtiger Massenmarktitel ("Splinter Cell"). Gegen eine Gebühr von bis zu 4 Euro lädt man sich die "MIDlets" (Wireless Java-Programme) per WAP auf sein Gerät und löscht sie bei Bedarf wieder.

Der US-Publisher Acclaim verzichtet seit geraumer Zeit gleich komplett auf die Gameboy-Produktion. Stattdessen schließt man lieber mit E-Plus eine Kooperation zur Vermarktung des Videospiel-Hüpfabenteuers "Vexx", das zwar parallel für die Next-Generation-Konsolen PlayStation2, Xbox und GameCube erscheint, aber erst Anfang April. Ein cleverer PR-Schachzug, denn damit erscheint das als neues Zugpferd des Spiele-Portals von E-Plus beworbene Handy-Spiel bereits vier Wochen vor den großen Konsolen-Brüdern.

Cebit 2003: Spiele-Handys sind Pflicht

Keiner der führenden Handy-Hersteller lässt sich auf der Cebit ohne Spaß-Handy blicken. Egal ob Siemens mit seinem schicken SL55 inklusive ausziehbarer Tastatur, Sony Ericsson mit dem Kamera-Handy T610, Motorola mit seinem J2ME-Klapphandy T720, oder Samsung mit dem P400, einem Multimedia-Alleskönner mit Dreh-Display: Daddeln ist auf nahezu allen Handys der kommenden Generation das Mindeste des Gebotenen.

Die Handy-Highlights der Messe sind Java-fähig, unterstützen den aktuellen WAP-Standard 2.0, GPRS sowie Bluetooth zur drahtlosen Vernetzung mehrerer Geräte. Theoretisch sind mit der effektiven Funk-Technik Daddel-Duelle zwischen ganzen Gruppen von Mitspielern möglich. Das verspricht insbesondere Nokia für seinen Handy-Handheld N-Gage, der im Herbst zum Angriff auf den Gameboy bläst.

Das Allround-Gerät (MP3-Player, FM-Radio) vereint die Vorzüge eines modernen Tri-Band-Handys mit denen einer leistungsstarken, portablen und vernetzbaren Videospielkonsole. Audiovisuell wird deutlich mehr geboten als bei den Java-Games: Recycelte Hits wie "Tomb Raider" stellt das N-Gage mit rotierenden 3D-Effekten dar, ein ausgereiftes, beleuchtetes TFT-Display sorgt für gute Sichtverhältnisse.

Alles Bingo?

Doch nicht nur Nokia hat die Handy-Gamer für sich entdeckt: Andere Firmen ziehen nach, hoffen auf den großen Spiele-Boom für unterwegs. Der britische Mobiltelefon-Spezialist TTPCom etwa machte auf dem 3GSM World Congress in Cannes (17. bis 21. Februar) mit seinem "B'ngo" (sprich: Bingo) auf sich aufmerksam: Ähnlich wie das N-Gage der finnischen Konkurrenz, ermöglicht das Tri-Band-Handy Multiplayer-Partien via Bluetooth, bietet zudem MMS-Funktionen und eine eingebaute Digitalkamera.

Gedaddelt wird auf einem 176 × 220 Pixel großen Farbbildschirm (65.536 Farben maximal). Mehr als 100 Spiele sollen den B'ngo-Besitzer bei Laune halten, navigiert wird mit vier Spezialtasten. Laut TTPCom kann B'ngo bereits lizenziert werden; erste Modelle sollen zum Preis von unter 200 Euro verkauft werden, wobei bislang noch kein konkreter Veröffentlichungstermin genannt wurde.

Fazit

Es scheint fast, als könnte der Raum für den Gameboy und die klassischen Hosentaschenkonsolen langsam enger werden: Die Handy-Hersteller haben Blut geleckt, innovative Hybriden wollen dieses Jahr mitmischen. Dass der Mainstream-Gamer für den Wechsel zum Spiele-Handy allerdings schon bereit ist, wagt man zu bezweifeln; beim Gameboy kann man immer noch aus der reichhaltigsten und überzeugendsten Software-Auswahl schöpfen.

Der Millionenerfolg des Lifestyle-Phänomens ist nicht zuletzt populären Spieleserien wie "Super Mario" zu verdanken - und die besitzt eben Nintendo, nicht Nokia. Überhaupt, fragt man sich: Wer soll das denn in Zukunft alles daddeln, wenn neben Heimkonsole und PC auch noch das Handy mit verspielter Kost gefüttert werden will?

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