Webcasting Das Streaming-Dilemma
Jedes zehnte amerikanische Online-Unternehmen stellt einer Studie von Keynote Systems zufolge bereits Audio- oder Video-Dateien auf seiner Website bereit. Bevorzugt setzen die Firmen dabei auf das Prinzip der "fließenden" Datenübertragung, das Online-Streaming. Der Pionier auf diesem Gebiet, RealNetworks , hat erst vergangene Woche mit RealAudio 8 wieder eine neue Software vorgestellt, die Audiodateien annähernd in CD-Qualität im Web übertragen kann - so zumindest der Hersteller.
Dabei leidet das Online-Streaming derweil noch am alten Dilemma: mangelnde Bandbreite. Ohne Highspeed-Anbindung lassen sich auch im Jahr fünf des kommerziellen Internets nur scheckkartengroße Ruckelbildchen und bescheidener Stotter-Sound übertragen. Selbst im Cybermutterland USA surfen bislang jedoch gerade mal fünf Millionen Web-User mit DSL oder Kabelmodems. Erst ab 2004 sollen Breitbandanbindungen in großem Rahmen verfügbar sein. Von breitenwirksamen Medienerlebnissen kann noch keine Rede sein.
Keynote Systems hat jüngst die Streaming-Qualität von zwanzig populären Sites auf einer Skala von eins bis zehn bewertet: Die untersuchten Angebote konnten durchschnittlich nur 1,8 Punkte erzielen. Top-Webcaster ist MTV Interactive mit einem Wert von 3,46 - der Maximalwert hätte DVD-Niveau entsprochen. "Die schlechte Qualität der Streams ist einfach nicht zu ignorieren", kommentierte Martin Marshall, Analyst bei Zona Research. "Und die Leute wollen definitiv keine ruckelige Übertragung von Sound oder Bildern."
"Streaming-Unternehmen sollten ihre Sites besser schließen und in drei Jahren wieder starten", forderte gar Hans Stander, Managing Director beim Venture-Kapitalisten ETF Group , vorvergangene Woche auf der "Streaming Media Europe 2000"-Konferenz in London. Stander spricht der Szene aus der Seele, im Zuge der anhaltenden Dot-Com-Krise spitzt sich auch die Lage der Webcaster zu: Seit September mussten neben der Musiksite AtomicPop selbst so groß gehypte Projekte wie das New Yorker Szene-Network Pseudo.com des Jupiter-Gründers Josh Harris offline gehen. Steven Spielbergs lang angekündigtes Filmportal Pop.com war nicht einmal an den Start gegangen.
Allein in den letzten sieben Wochen haben acht weitere US-Streamer Massenentlassungen aussprechen müssen - darunter etwa die Unterhaltungsnetzwerke Gaylord Digital und iCast sowie Solutions Media mit den Töchtern SpinRecords.com und SomeMusic. Selbst der Internet-Ableger des TV-Musikkanals MTV hat über einhundert Stellen gestrichen. In Deutschland stellte unlängst etwa die Cyberradio AG einen Insolvenzantrag.
Publikumserfolg - und finanzieller Flop
Die Probleme spiegeln sich am deutlichsten in der Börsenentwicklung wider: "Die Aktien der notierten Webcaster sind durchweg zwischen 60 und 90 Prozent gefallen", erklärt Martin Tobias, Gründer und CEO der Streaming-Softwareschmiede LoudEye. Selbst die Papiere des Branchenprimus RealNetworks stürzten in freiem Fall von 96 Dollar im Februar auf 25 Dollar Anfang Oktober. Dabei hat sich der RealPlayer längst zur beliebtesten Software für Multimedia-Dateien entwickelt. Mehr als 150 Millionen Web-Nutzer haben den Media-Player bereits downgeloaded - nur 15 bis 20 Millionen setzen ihn allerdings auch ein.
Die IDC geht davon aus, dass bis zum Jahr 2004 ein Drittel der prognostizierten 500 Millionen Web-Nutzer via permanenter Highspeed-Anbindung im Netz surft. Studien von Forrester Research zeigen wiederum, dass Haushalte mit Breitbandanschlüssen gegenüber "Low-Speed"-Usern das dreifache Datenvolumen aus dem Netz laden viel versprechende Prognosen also für blühende Geschäfte der Data-Streamer. Das Finanzierungsklima bleibt nichtsdestotrotz weiter harsch: "Für Streaming-Media-Unternehmen ist die Zeit gerade sehr schlecht, um an Venture-Kapital zu kommen", erklärte Ali Parsa, Executive Director der Goldman Sachs European High Technology Group, in London.
Analysten bemängeln das Fehlen Erfolg versprechender Geschäftsmodelle. Von kostenlosen On-Demand-Online-Songs, Videoclips, Kurzfilmen oder Web-Shows kann bislang kein Anbieter leben. Sämtliche Aboversuche sind bislang gefloppt, andere Einnahmequellen außer Online-Werbung nicht in Sicht. Und die Ausgaben für Web-Ads sind seit Monaten rückläufig. Erst jüngst hatte selbst Yahoo über Werbeeinbußen geklagt. Nicht einmal das sehr erfolgreiche Web-Pendant zur US-Version der Voyeurshow "Big Brother" soll sich Insidern zufolge alleine getragen haben, sondern sei vielmehr aus Werbeeinnahmen der CBS-Sendung finanziert worden.
"Webcasting-Firmen bekommen so lange kein Kapital mehr, bis sie einen Weg gefunden haben, Geld zu verdienen", stellte Parsa klar. Eventuell gibt ja die angekündigte Beteiligung von Bertelsmann an Napster Impulse in diese Richtung: Der Medienmulti plant, den kontroversen Musiktauschdienst in ein kostenpflichtiges System umzubauen.