Dotcomguy Der letzte Auftritt des verkörperten Flops
Mitch Maddox war 24 Jahre jung und die Welt gerade frisch vom Dotcom-Boom enthirnt, als er zum letzten Mal für vier Jahre seinen Geburtsnamen unter einen Vertrag setzte: Den machte er mit "DotComGuy Inc", einem jener zahlreichen, hoffnungsvollen Start-ups, die auf dem Höhepunkt des Internet-Booms glaubten, jeder Mist ließe sich in Millionen verwandeln. Wenig später ließ er seinen Namen ganz offiziell in "Dotcomguy" ändern und zog als werbewirksame Verkörperung des WWW-Wahnsinns für ein Jahr in ein vernetztes Haus.
Von Januar 2000 bis Januar 2001 sollte er dieses nicht mehr verlassen: 365 Tage lang lebte er, von rund 20 Kameras beobachtet, in einer Art sehr einsamen Big-Brother-Experiment, kommunizierte ausschließlich über das Internet, besorgte sich Nahrung und alles, was er zum Leben brauchte, via WWW. Zumindest anfänglich fanden sich einige potente Sponsoren für den Unsinn, den die Veranstalter mit Streaming-Videos, Merchandising, Sponsoring und Medienzirkus zu ihrer persönlichen Goldgrube zu machen hofften.
Auch Dotcomguy sollte natürlich kassieren: Am Ende, so war das geplant, sollte er das Haus mit 98.280 Dollar "Lohn" verlassen.
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Nicht nur daraus wurde nichts. Zwar hielt Dotcomguy durch, wurde bekannt bis berühmt, doch nicht wie erhofft als Verkörperung der unbegrenzten Möglichkeiten der Dotcom-Wirtschaft, sondern für ihren Wahnsinn und ihr Scheitern.
Kurz nachdem Dotcomguy sein selbstgewähltes Gefängnis bezogen hatte, wurde es schwieriger, über das Internet Pizzen, Gemüse und andere Dinge zu bestellen: Der Dotcom-Crash kam, fegte Unternehmen aus dem Web, verbrannte Milliarden an den Börsen und stürzte die Weltwirtschaft in eine tiefe Depression und Krise. Dotcomguy Inc machte da keine Ausnahme: Dem Start-up ging das Geld aus.
Als Dotcomguy im Januar 2001 das Haus verließ, war die Web-Welt eine andere: Die Branche lag am Boden, und auch Dotcomguy musste seinen Traum vom Ruhm begraben. Auf seinen Lohn konnte er nur noch verzichten und schon bald verschwand er aus der Öffentlichkeit. Was ihm blieb, war sein neuer, völlig beknackter Name: "Dotcomguy" stand in allen seinen Dokumenten vom Pass bis zum Führerschein, was man nach dem großen Crash doch nur noch als "Loser" übersetzen konnte.
Jetzt will er seinen alten Namen wieder und wärmt seine alte Legende noch einmal auf. Seine Verlobte, sagt Dotcomguy, wolle nach der anstehenden Hochzeit nicht auch so heißen. Deshalb lasse er sich am 23. März wieder als Mitch Maddox registrieren und versteigert nun bis zum 30. April seine alte Web-Domain Dotcomguy.com - Teil der Abfindung für den Verlust eines Jahresgehaltes.
Selbst all das ist symptomatisch für das Auf und Ab der Dotcom-Wirtschaft. Drei Jahre nach der großen Enttäuschung über das Platzen der Dotcom-Blase gibt es einige E-Commerce-Unternehmen, die wirklich Geld in Massen verdienen. Was aufgehört hat, ist das nach Öffentlichkeit heischende Getöse, und so versteigert auch der Dotcomguy seine Domain nicht publikumswirksam bei eBay, sondern in einem Verfahren mit verdeckten Geboten.
Was dabei am Ende heraus kommt, bleibt abzuwarten: Das Verfahren gewährleistet zumindest, dass es zu keiner letzten, öffentlichen Peinlichkeit kommt. Zumindest ein Happy End hat für Mitch Maddox die Episode seines Lebens, in der er synomym stand für Wahn und Entzauberung der Dotcom-Mär: Seine zukünftige Frau, sagt Maddox, habe er natürlich über das Internet kennen gelernt.
Frank Patalong