Interview "Uns fehlt die Leidenschaft"
SPIEGEL ONLINE:
Hinkt Europa den USA in Sachen Informationsgesellschaft hinterher?
Erika Mann: Einige Industriesektoren haben tatsächlich erhebliche Schwierigkeiten, mit der Entwicklung in den USA mitzuhalten. Das ist im Distributionsbereich und in der Software-Industrie der Fall. Laut einiger Prognosen holt der europäische Markt jedoch stark auf.
SPIEGEL ONLINE: Wo liegen die Hauptstärken der Europäer?
Mann: Im Moment noch im Bereich der mobilen Telekommunikation. Allerdings kann man die Entwicklung im Internet-Bereich nicht vom Mobilfunksektor her aufrollen. Das wäre ein fataler Irrtum. Ich glaube nicht, dass sich die Entwicklung um den Mobilfunkbereich konzentrieren wird. Man muss sich eine kombinierte Entwicklung vorstellen.
SPIEGEL ONLINE: Wo müssen die Europäer aufholen?
Mann: Im Innovationsbereich. Wir sind nicht schnell genug, Ideen oder Produkte am Markt durchzusetzen. Hier blockieren uns an vielen Stellen konventionelle Politikvorstellungen. Trotz der Telekom-Liberalisierung behindern uns die unterschiedlichen Regulierungen in den einzelnen Mitgliedstaaten. Im europäischen Binnenmarkt haben wir eine noch sehr zersplitterte Gesetzgebung. Ein gutes Beispiel für mich ist immer Linux. In Norwegen wurde es entwickelt, aber wo wird der Markt aufgerollt? In den USA!
SPIEGEL ONLINE: Wird Linux noch zum europäischen Betriebssystem?
Mann: Dafür ist es schon zu spät. Es sind vor allem die großen amerikanischen Unternehmen, die auf Linux als Plattform setzen. Aber so sind wir: Wir verpassen die neuen Ideen, weil wir so skeptisch sind und sie nicht mit einer so großen Leidenschaft besetzen, wie es die Amerikaner tun. Sie glauben einfach daran und stürmen nach vorne.
SPIEGEL ONLINE: Es ist also schon zu spät?
Mann: Mit Kollegen habe ich eine neue Initiative gegründet, das Network Society Forum. Wir werden Linus Torvalds einladen, aber auch die Kommission, alle Kollegen im Rat, die Unternehmen und natürlich auch die Internet Community. Kommissar Erkki Liikanen kündigte in Helsinki an, eine Initiative zum Thema Open Standards gründen zu wollen. Das ist natürlich mit dem Linux-Projekt verzahnt.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Debatte um die EU-Domain exemplarisch für die Debatte um ICANN?
Mann: Seit der Neukonstitution des ICANN-Boards hat sich der europäische Einfluss erheblich erhöht. Die Europäische Kommission muss erst einmal feststellen, ob überhaupt noch Handlungsbedarf gegeben ist. Die EU-Domain wurde schon in die Initiativen eingebracht, sie ist an mehreren Stellen in den Papieren zu finden, sie wird im Parlament diskutiert. Die Amerikaner haben sich in einer Auseinandersetzung schon einmal sehr negativ dazu geäußert.
SPIEGEL ONLINE: Halten Sie eine EU-Domain für sinnvoll?
Mann: Die Frage ist, ob sie wirklich hilfreich ist, oder ob man die Struktur nicht gleich international aufzäumen sollte. Die Frage einer Regionalisierung macht dann Sinn, wenn sie an regionale Strukturen mit regionaler Gesetzgebung und regionalen Steuern gebunden ist. Die EU-Endung deutet ja nur die regionale Zuständigkeit, nicht aber die organisatorische an. Und aus der com-Endung ersehe ich, dass es sich um eine Firma handelt. Wenn, dann müsste man eu.com oder us.com haben. Aber das ist auch nicht sehr elegant.
SPIEGEL ONLINE: Wann kommt es im Datenschutz endlich zu einer Einigung zwischen der EU und den USA?
Mann: Es gibt immer noch unterschiedliche Vorstellungen. Die EU misstraut dem Vorschlag der Vereinigten Staaten. Die meinen wiederum, wir würden immer noch blockieren. Die USA haben jedoch nachgelegt: Sie haben jetzt eine Selbstregulierungsgruppe eingeführt, die sogenannte NAI, die Network Advertising Initiative. Hier wird Konsumenten die Möglichkeit gegeben, Einspruch einzulegen, wenn sie nicht wollen, dass ein Online-Profil von ihnen angelegt wird. Das geht zwar in unsere Richtung. Die Frage für uns ist jedoch, ob dies zu unserer Datenschutz-Richtlinie passt.
SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn große Konzerne wie AOL und Time Warner fusionieren? Hat dann das neue Superunternehmen Zugriff auf alle Kundenprofile?
Mann: Alles was über den Bereich der Wettbewerbsfragen hinausgeht, ist bislang nicht ausreichend behandelt worden. Bislang waren die Daten bei klassischen Unternehmen nicht auf einer gemeinsamen Plattform wie dem Internet organisiert. Sie boten daher auch nicht die Potentiale an Gefährdung für die Konsumenten. Deshalb muss man hier eine neue Debatte anfangen.