Lowtech II: "DVD-Flatrate" in Deutschland - DER SPIEGEL
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Lowtech II "DVD-Flatrate" in Deutschland

Ein Monatspreis und so viele DVDs, so lang man will: Genau so sieht das Geschäftsmodell von Jürgen Bäurles "Netleih" aus, Deutschlands erstem "DVD-Flatrate-Anbieter". Das Ding hat Vorbilder in den USA - aber wird es auch in Deutschland Schule machen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jürgen Bäurle wirkt ein wenig atemlos - aber im besten Sinne. "Wir haben schon einen ziemlichen Ansturm erlebt", sagt er, und das, obwohl sein Angebot erst seit dem 26. September steht. Von "Netleih" ist die Rede, und eigentlich ist das eine ziemlich seltsame Idee: Bäurle hat - inspiriert durch amerikanische Vorbilder - so etwas wie eine Videothek im Internet eröffnet. Doch die Filme zoomen nicht etwa via DSL auf die Desktops der Kunden, sondern trudeln dort ganz klassisch per Schneckenpost ein - so etwas nennt man wohl einen "Medienbruch".

Bäurle findet die Idee "genial", und ist doch völlig umgehauen von der Resonanz. "Jetzt werden wir erst einmal unseren Filmbestand aufstocken müssen", erzählt er, und dass die Presse sich interessiere, und dass...

Kein Wunder. Was Bäurle seinen Kunden bietet, bekommt man bei der Videothek ums Eck nicht: Für eine monatliche Abogebühr von 19,95 Euro darf man so viele Filme entleihen, wie man will oder kann und diese auch noch so lang behalten, wie man möchte. Einzige Auflage: Es dürfen sich nie mehr als drei Filme beim Kunden befinden. Die Zahl der Filme, die man tatsächlich ausleihen könnte, wird also durch zwei "natürliche" Faktoren begrenzt: Die Zahl der Tage im Monat - und die Auslieferungsgeschwindigkeit der Post. Nachschub gibt es erst, wenn die letzten entliehenen Filme wieder beim Verleiher eingetrudelt sind.

Trotzdem: Herkömmliche Videotheken verlangen gut und gern drei Euro pro DVD über Nacht, in den Großstädten und bei so genannten "Top-Neuheiten" schlagen sie gern auch kräftiger zu. Analog zu Angeboten im Internet-Bereich nennt Bäurle sein Abo-Modell darum eine "Flatrate", denn unter dem Strich sehen die Einsparmöglichkeiten für den Kunden ähnlich aus, wie bei den pauschal bezahlten Web-Zugängen im Vergleich zur Abrechnung im Telefon-Zeittakt.

Quereinstieg: Bäurle ist kein Videothekar

Netleih.de  ist dabei gar keine Videothek. Jürgen Bäurle, Gründer und Inhaber des hochgradig virtuellen Unternehmens mit dem emsigen Postversand, kommt aus dem "Internet-Business": "Wir produzieren Webseiten."

Netleih.de ist eine in eigener Sache, die sich unversehens zu einem Vollzeit-Job auswachsen könnte: Vorbilder auch dafür gibt es einige, und die erfolgreichsten E-Commerce-Unternehmen sind tatsächlich solche, die online Zugang zu Offline-Waren schaffen. Zurzeit arbeitet Netleih mit "movie plus medien" zusammen, einer Film-Einkaufsgemeinschaft, die auch viele deutsche Videotheken versorgt.

Ganz ähnlich begann auch Jeff Bezos 1995, an seinem Unternehmen Amazon zu stricken. In den Anfangsmonaten saß er mit seinem Schwager im Wohnzimmer und vermakelte nur Aufträge zwischen Kunden und Buchhändlern. Damals sagte er in Interviews, die Stärke seines Geschäftsmodells sei ja gerade, dass er keine Lager, keinen Vertrieb etc. brauche.

Bis kurz vor dem Start war sich Bezos noch nicht im Klaren, ob er lieber in Wein oder Büchern machen wollte. Ein Jahr nach der (offenbar richtigen) Entscheidung verfügte Amazon über rapide wachsende Auslieferungslager, und das Unternehmen mit der virtuellen Ladentheke war auf dem Weg, zum weltweit größten (fast) konventionellen Buchhändler zu werden.

Von solch märchenhaften Erfolgen ist Netleih noch meilenwert entfernt. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie steil Netleih abheben kann, bevor Konkurrenz am Markt erscheint. Die wird kommen, denn attraktiv sei das Preismodell allemal, rechnet Bäurle vor, und damit setzt er natürlich auch die herkömmlichen Videotheken unter Druck: Bei nur 15 entliehenen Filmen pro Monat spare der Nutzer immerhin rund 50 Prozent der üblichen Leihkosten.

Rechnerisch ist das möglich, weil die Versandkosten bereits im Abopreis enthalten sind, kündigen kann man monatlich. Auf seinen Schnitt könnte Bäurle auch bei diesem Modell wohl früher oder später kommen, denn wer leiht schon über längere Zeiten 15 Filme im Monat? Der Unternehmer muss - wie seine Pendants im Telekommunikationsgeschäft - darauf vertrauen, dass die Flatrate lockt, von den Kunden aber nicht bis zum Anschlag ausgenutzt wird.

Jürgen Bäurle jedenfalls glaubt schon nach wenigen Tagen daran, dass sein Netleih zu einem Erfolg werden dürfte - und er scheint damit nicht allein zu sein: "Ich verhandele schon mit Investoren"...

Frank Patalong

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