Mobiles Internet Kenia - das gelobte Handy-Land
Goldgräberstimmung strahlt zwischen den Zeilen der Mitteilungen, die der Internet-Provider Swift Global und die Mobilfunkfirma KenCell derzeit in die Welt setzen. Die beiden kenianischen Firmen haben einen mobilen Internetservice gestartet, der Bauern zu Websurfern machen soll: Insbesondere die Bewohner ländlicher Gegenden, so die Unternehmen, sollen künftig von den Segnungen des weltweiten Datennetzes profitieren.
Die Basis dafür sei bereits geschaffen: Rund 600.000 Handys will Swift Global in den vergangenen 18 Monaten in Kenia verkauft haben. Für das 31 Millionen Einwohner zählende Entwicklungsland wäre das ein gewaltiger Sprung nach vorn - zumal dort in den vergangenen 40 Jahren unterschiedlichen Schätzungen zufolge maximal 300.000 Festnetz-Telefonanschlüsse gelegt wurden.
Die Letzten sollen die Ersten sein
Die schwache Infrastruktur Afrikas könne so zum Vorteil werden, frei nach dem Motto: Die Letzten werden die Ersten sein. Die Kölner Bundesagentur für Außenwirtschaft, eine Unterbehörde des Bundeswirtschaftsministeriums, hat die jetzige Entwicklung schon 1999 vorhergesehen. In einer Studie wurde Ostafrika seinerzeit als einer der weltweit größten Wachstumsmärkte für Telekommunikation eingestuft. "Man kann in Ostafrika heute von einem Handy-Boom sprechen", sagt Inge Hackenbruch, Afrika-Expertin der Bundesagentur.
Nur jeweils zehn Prozent der Bevölkerung Ostafrikas, Kenia eingeschlossen, seien ans Strom- und Telefonnetz angeschlossen. "Mobile Kommunikation könnte die Lösung sein", meint Hackenbruch, die bis 1998 in Kenias Hauptstadt Nairobi tätig war. Die schwache Verbreitung des Stromnetzes sei ein vergleichsweise kleines Problem: In ländlichen Gegenden werde elektrische Energie dezentral mit Hilfe von Generatoren produziert. Hackenbruch: "Für Handy-Akkus reicht das allemal."
Dritter Schritt vor dem ersten
Doch Kenia ist, ungeachtet aller positiven Ansätze der vergangenen Jahre, nach wie vor ein Entwicklungsland. Dort in großem Stil mobile Kommunikation einzuführen, räumt die Wirtschaftsexpertin ein, hieße, den dritten Schritt vor dem ersten zu tun." Andererseits machen die afrikanische Staaten machen ihre Entwicklung in einem ganz anderen weltpolitischen Umfeld als die westlichen Industrienationen", meint Hackenbruch. So müsse der Aufbau eines flächendeckenden Telefon-Festnetzes nicht unbedingt sinnvoll sein, wenn Mobilfunkantennen wesentlich billiger zu haben sind.
Ein weit größerer Hemmschuh für den Internet- und Handy-Boom könnte indes die Einkommenslage in der Bevölkerung sein. "In den Städten bildet sich erst langsam eine Mittelschicht, die sich Handys und Computer leisten kann", sagt Hackebruch. Auch die noch immer weit verbreitete Korruption erschwere die wirtschaftliche Entwicklung.
Handy als Anti-Armuts-Waffe
Kommunikation und Information gelten als probate Gegenmittel - nicht nur gegen Filz in Amtsstuben, sondern auch gegen Armut. Die britische BBC zitiert eine Studie der Weltbank mit der Aussage, dass dies besonders in ländlichen Gegenden Afrikas bereits geschehen sei. Auch in Sri Lanka sei die mobile Kommunikation bereits zur bäuerlichen Marketingwaffe avanciert: Dort erfuhren Landwirte plötzlich, zu welchen Preisen ihre Ernten in den Städten wirklich verkauft werden - und hatten die Handy-Rechnung am Ende dicke raus.
Ob solch launige Geschichten allerdings Beweis genug sind für eine baldige Linderung afrikanischer Armut, darf bezweifelt werden. Zu befürchten steht eine Behandlung der Drittwelt-Staaten nach dem alten Einbahnstraßen-Prinzip: Die Industrienationen drängen auf Deregulierung und Liberalisierung, schotten aber ihre eigenen Märkte rigoros gegen Importe aus armen Länder ab.
Die Bundesagentur für Außenwirtschaft, originär eine Servicestelle für deutsche Unternehmen, geht mit dieser Strategie ganz offen um: "Für Lieferanten", legt die Agentur ihrer Klientel schon seit 1999 nahe, "bieten sich wegen der hohen Importabhängigkeit afrikanischer Länder gute Chancen."