Schlammschlacht um Morpheus: Das große Zähnefletschen - DER SPIEGEL
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Schlammschlacht um Morpheus Das große Zähnefletschen

Schluss mit Schönsprech, wenige Tage nach dem zeitweiligen Totalkollaps ist Morpheus bereit zum Showdown: KaZaA, heißt es aus der MusicCity, hat uns gehackt - und unsere Nutzer attackiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kein Zweifel, es herrscht Krieg. Wer sich heute auf die Websites von MusicCity oder KaZaA verirrt, dem wird richtig was geboten: Da warnt MusicCity/Morpheus-Chef Steve Griffin die Surfer vor der bösen Konkurrenz, während KaZaA sich bei all den Usern bedankt, die den Dienst in den letzten Tagen "zur Nummer eins" gemacht haben.

Wie das? Ganz einfach: KaZaA bietet über seine WebSite eine Software an, mit der sich der alte, seit letzter Woche nicht mehr funktionierende Morpheus-Client zu einem funktionierenden Stück KaZaA-Software konvertieren lässt.

Und es kommt noch besser: KaZaA selbst, beschwört Steve Griffin, stecke hinter allen Problemen, die Morpheus-User in den letzten Tagen erlebt hätten. Die Liste von Griffins Vorwürfen liest sich beeindruckend:

  • Im Rahmen eines Zwistes innerhalb des aus Morpheus, KaZaA und Grokster bestehenden FastTrack-Netzwerkes habe Netzwerk-Betreiber KaZaA von einem Tag auf den anderen das Übertragungsprotokoll so modifiziert, dass Morpheus-User den Dienst nicht mehr hätten nutzen können;
  • Darüber hinaus sei "vom KaZaA-Netzwerk" eine Denial-of-Service-Attacke auf die Webserver von MusicCity gestartet worden, die die Morpheus-Mutter für zwei Tage aus dem Web fegte;
  • Weiterhin seien im Besonderen die Ad-Server, über die auf der Homepage und im Morpheus-Browser Werbung eingespielt wird, attackiert worden. Sogar Nachrichten seien in Morpheus/MusicCity Namen verschickt worden - "was unsere fundamentale Refinanzierungsbasis gefährdete" (Griffin);
  • Zu allem Überfluss sei es aus dem KaZaA-Netzwerk zu einer direkten Attacke auf die Morpheus-User gekommen, deren Software mit verschlüsselten Nachrichten bombardiert worden sei - und durch eine so herbeigeführte Manipulation der System-Registries entgültig unbrauchbar.

Tatsächlich war und ist festzustellen, dass in Sachen Werbung bei Morpheus in den Tagen der Destabilisierung nichts lief und weiter wenig läuft. Objektiv feststellen lässt sich darüber hinaus derzeit nur, dass sich die beiden ehemals verbündeten Seiten mit allen Mitteln an die Kehle gehen: Da wird versucht, Kunden vom Gegner abzuziehen, da wird mit faulen Tricks gegeneinander gebaggert. So was nennt man auf gut Deutsch eine Schlammschlacht.

Punktsieger ist derzeit tatsächlich KaZaA, die behaupten, ihre durch die Imageverluste als "Schnüffeldienst" gebeutelte Börse stabilisiert zu haben und tatsächlich auch wieder Nutzerzuwachs messen zu können. Morpheus-Chef Griffin macht sich derweil um den Entwicklungsfortschritt im Zeitreisen verdient und erklärt, die "direkte Attacke" von KaZaA auf die Morpheus-Nutzer habe ihn bewogen, nicht weiter mit diesem wenig vertrauenswürdigen Geschäftspartner zusammen zu arbeiten.

Das, Mr. Griffin, führt in die philosophischen Gefilde der ganz großen Fragen um Hennen und Eier. Die neue, auf Gnutella basierende Software konnte Morpheus jedenfalls nach nur wenigen Tagen vorlegen: So schnell schafft man so was nicht, wenn man sich nicht frühzeitig vorbereitet hat.

Denn immerhin: Es gibt Morpheus wieder. Neu, schöner, besser, schneller, sagt Morpheus. Und außerdem "Gnutella".

Lesen Sie weiter: Was spricht für Morpheus, was für KaZaA? Und wie weit darf der Kleinkrieg gehen: Im Oktober droht der Copyright-Prozess - spätestens dann müssen die Gegner wieder zusammen stehen. Sonst droht das Aus für beide.

Die "Morpheus Preview Edition", informiert die Website, wurde "über ein Jahr" lang entwickelt - ist aber ausdrücklich ein "Preview". Das klingt nach Rausschmiss statt Ausstieg, nach Schnellschuss statt Relaunch.

Diesen Rausschmiss der Morpheus-User schaffte KaZaA/FastTrack durch eine Umstellung des Protokolles. Von einem Tag zum anderen verlangte das FastTrack-Netzwerk ein Login auf einem zentralen Server, bevor die Such- und Downloadvorgänge wie gewohnt über die so genannten "Supernodes" geführt wurden. Da blieb MusicCity/Morpheus außen vor.

Das Supernode-System ist allerdings auch das Feature des FastTrack-Netzes, das dem nun auf KaZaA und Grokster zusammengeschrumpften Pool seine Schnelligkeit verleiht: Supernodes spielen letztlich die Rolle von Routern, die innerhalb der Tauschbörse orientiert sind über das, was die mit ihnen verbundenen User gerade so zu bieten haben. Das macht FastTrack derzeit zur schnellsten Tauschbörse: Der Nutzer surft einen Supernode an, der ihn über das Angebot informiert und im Bedarfsfall zum nächsten Node weiterleitet. Statt Tausende von Rechnern mit einer Suchanfrage zu beschicken, wendet er sich an den Node, der diese Inventur vorab bereits erledigt hat.

In einem Gnutellanetz läuft die Suchanfrage dagegen von einem User zum anderen - im ungünstigsten Falle um die Welt, bevor die Software fündig wird. Wie Morpheus hier die Suche beschleunigen will, dürfte spannend zu sehen sein. Die Geschwindigkeits-Unterschiede sind in der Regel vor allem dann deutlich spürbar, wenn man nach seltenerem Material sucht: Charts-Songs sind überall schnell zu finden.

Entsprechend viel Gegenwind bekamen die Betreiber bereits in den ersten Tagen: Die alte Software sei doch viel besser gewesen. Die Beschwerden kommen natürlich verfrüht, denn noch lange hat das Morpheus/Gnutella-Netzwerk nicht wieder seine ursprüngliche Größe erreicht. Ein paar Millionen Programme wollen erst einmal verteilt sein.

Morpheus: Alles neu - ...macht der Mai?

Dafür soll Morpheus künftig neben der Suche im Gnutella-Netz auch im Web stochern können und einige andere, neue Features bieten. Steve Griffin gibt sich zuversichtlich, Morpheus "zum besten P2P-Netzwerk der Welt" machen zu können - wenn die User zu ihm halten. Da wird er sich, das zeigt die Napster-Erfahrung, wohl beeilen müssen. "Web-Marken" spielen heute keine große Rolle mehr, werden nur selten noch zu Ikonen stilisiert. Umsonst ist umsonst und wird gern genutzt und genommen - und wenn es wegfällt, sucht man die nächste tolle, kostenlose Alternative.

Der Bruch mit FastTrack jedenfalls scheint endgültig. Zu Morpheus' bestem Argument wird nun, den Usern versichern zu können, im Gegensatz zur Konkurrenz "niemals" Spyware eingesetzt zu haben oder künftig einzusetzen: Morpheus spielt noch nicht einmal mehr mit den Schmuddelkindern.

Mit denen wird sich Griffin aber spätestens im Oktober zusammenraufen müssen: Dann stehen Morpheus, KaZaA und Grokster gemeinsam als Angeklagte vor Gericht. Es klagt - natürlich - die Musikindustrie, es richtet über den Fall - ein absolutes Novum - eine "Jury": Die einst unter dem FastTrack-Dach vereinten Dienste landen als erste P2P-Unternehmen vor einem Geschworenengericht.

Spätestens bis dahin müssen die Gegner ihre Schlammschlacht beendet und sich hübsch fein gemacht haben, sonst mag die Industrie schon einmal den Sekt kalt stellen - und die ehemalig unter dem FastTrack-Dach vereinten Dienste gleich mit.

Wenn die allerdings so weitermachen wie in den letzten Tagen, dann schaffen sie das vielleicht sogar schon vorher. Und zwar selbst.

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