Spieldesigner American McGee: Der Terror-Satiriker - DER SPIEGEL
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Spieldesigner American McGee Der Terror-Satiriker

American McGee, ein Star unter den Gamedesignern, hat gerade "Bad Day LA" vorgestellt, eine respektlose Satire auf die Terror-Hysterie nach 9/11. SPIEGEL ONLINE traf den tätowierten Spiel-Rebellen - und erfuhr, wie der US-Zoll auf einen Koffer voller Nagelknipser reagiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Amerikaner am Prenzlauer Berg: Natürlich muss es abends in den Biergarten gehen. Im Ostberliner Prater spricht wohl jeder zweite Gast nur englisch. Diesmal aber sitzt ein Star unter ihnen, den keiner erkennt: American McGee, 33. Der Computerspiel-Designer hat am Nachmittag sein neues Werk "Bad Day LA" vorgestellt und will jetzt deutsches Bier.

Ein paar Fans und Geschäftspartner begleiten ihn, die meisten sind beides. Eine Radio-Promoterin starrt ihn verliebt an, zieht hastig die Strickjacke aus und zeigt eine Tätowierung auf ihrer Schulter. Daneben sitzen echte Spieler, und die meisten haben keine Akne mehr. Guido ist Polizist, liebt strategische Schießspiele und spricht leise aus, was alle denken: "Er ist ein Idol. Seine Games hatte ich schon als Teenager."

Er meint damit "Doom", den ersten Egoshooter – jenen Typ Spiel, den Politiker wie Günther Beckstein am liebsten ganz verbieten möchten. Das Wunderkind McGee hat dieses Genre als 20-Jähriger miterfunden. Er hat für die größten Firmen der Branche gearbeitet und sich mit ihnen angelegt. Sein Videospiel "Alice" war eine schrille Alptraum-Version von Alice im Wunderland, in der die Protagonistin im Irrenhaus sitzt und gegen den Vorwurf kämpft, ihre Eltern ermordet zu haben.

"Mit sowas verdienen wir dauerhaft kein Geld"

Als es sich schon eine Million Mal verkauft hatte, soll Larry Probst, der Chef des Herstellers Electronic Arts und somit einer der mächtigsten Männer der Games-Welt, auf einer Vorstandssitzung verächtlich kommentiert haben: "Mit so was hier verdienen wir dauerhaft kein Geld." Es war ihm zu frivol und schien das Saubermann-Image seines Konzerns zu bedrohen. Probst fror sofort alle Werbebudgets ein, das Spiel verschwand vom Markt.

Heute ärgert er sich vielleicht nachträglich. Das Spiel ist schon jetzt ein Klassiker. Sarah Michelle Gellar, mit "Buffy – Im Bann der Dämonen" ein veritabler Kultstar, soll McGee vor einem Restaurant im Hollywood regelrecht darum angebettelt haben, in einer Verfilmung des Spiels die Hauptrolle spielen zu dürfen. Heute wird schon gedreht. McGee ist einer der wenigen, deren Spiele in Hollywood verfilmt werden. Vielleicht liegt das daran, dass er denkt wie ein Filmproduzent. Sein neues Spiel nennt er eine Katastrophen-Komödie. In "Bad Day LA" passieren alle Desaster, vor denen Amerika sich fürchtet, an einem Tag. "Ich habe das erste politische Computerspiel entwickelt", ruft McGee. "Eine Aussage gegen die Kultur der Angst, mit der unsere Regierung ihr Volk benebelt und unterdrückt."

"Ich hatte 3000 Nagelknipser im Koffer"

McGee sieht nicht aus wie ein Computerfreak, trägt weder Karohemd noch dicke Brillengläser. Spieleprogrammierer sehen heute so aus: Militär-Haarschnitt, enges, dunkles T-Shirt und Hawaiianische Lederbändchen am Handgelenk. Eher Surfer oder vielleicht Collegestudent auf Rucksacktour. Irgendwann taucht seine Freundin auf, eine schlanke, grünäugige Blondine im knappen Blümchenkleid. Sie studiert in New York Schauspiel.

McGee lächelt gewinnend und redet laut. Davon, wie er kürzlich am Flughafen von L.A. festsaß. "Ich hatte 3000 Nagelknipser im Koffer. Die sind so schwer wie ein Erwachsener." Der Zoll wollte ihn nicht durchlassen, bis er die Wahrheit sagte: Sein neues Computerspiel befasst sich satirisch mit der Hysterie nach dem 11. September. Die Nagelknipser sind Werbegeschenke – ein Witz, weil US-Airlines sogar solche Alltagsdinge im Handgepäck verbieten. In dem Spiel sind sie eine gefährliche Superwaffe. "Das gefällt uns nicht", sagte ein Zollbeamter kurz und knapp. Zwei Stunden später ließ er ihn doch durch.

Später kam es noch schlimmer, als McGee "Bad Day LA" der Presse vorstellte. "Ein konservativer Journalist sagte ihm ins Gesicht: Für mich bist Du der Terrorist."

Meteorit, Tsunami, brennender Flughafen

Dabei ist sein Spiel eher ein Meisterstück parodistischen Humors. Wer es startet, muss Anthony steuern, einen unrasierten Obdachlosen, der mit seinem Einkaufswagen voll Müll die Santa-Monica-Freeway überqueren will. Plötzlich gehen die Flüche der Fahrer im Krach unter, denn knapp über ihre Köpfe jagt ein Flugzeug. Schon explodiert es an der nächsten Brücke. So beginnt der "Bad Day LA", der verdammt miese Tag in L.A.

Um zehn schlägt ein Meteorit ein, um zwölf brennt der Flughafen und gegen drei kommt der erste Tsunami. Gangster und Plünderer nutzen das Chaos. Aus dieser Hölle – dargestellt im Comic-Stil – soll der Spieler nun entkommen. Zu dem Chaos ertönt eine beschwingte, gepfiffene Gute-Laune-Melodie. Nicht nur dieser Verfremdungseffekt ist echt brechtisch. Das Spiel ist ein einziger Appell an das Bessere im Menschen.

Denn wer weiterkommen will, muss anderen helfen. Die apokalyptische Szenerie, die dem echten Los Angeles bis in die Architektur einzelner Viertel gleicht, ist ein Loblied auf das Leben ganz unten an der Basis. "Sei kein Idiot" ist der einzige Rat und die einzige Spielanleitung, die am Anfang ausgesprochen wird.

Wie kommt man an so einen Vornamen?

McGee pflegt einen entschieden subkulturellen Ansatz. Den richtigen Hintergrund dazu hat dieser Mann ohnehin. "Meine Mutter war ein Hippie und hat viel gekifft." Wie anders konnte er auch zu dem Vornamen "American" gekommen sein?

Sein Heimatland tauschte McGee vor drei Jahren gegen eine Insel bei Hongkong ein, auf der nicht einmal Autos fahren. "Ich wollte die USA hinter mir lassen." Seine chinesische Firma hat saisonweise 50 Mitarbeiter. McGee träumt von neuen Vertriebswegen, demnächst will er eine Seifenoper als Computerspiel schreiben, in 30 Teilen, die er alle zwei Wochen online anbietet. Vorbei an den großen Unternehmen der Branche.

Zu holen gäbe es allerhand. Im Jahr 2005 wurden in Deutschland 41 Millionen Spiele verkauft, der Umsatz erreichte knapp über eine Milliarde Euro. Damit hat die Branche das Kino längst überrundet und ist der kränkelnden Musikindustrie auf den Fersen. Computerspiel-Designer sind die neuen Rockstars, und American McGee ist in dieser Welt John Lennon und Puff Daddy in einer Person – Anti-Held, Könner und gerissener Geschäftsmann. Wie Rockstars heute gern von der Droge singen, aber selbst gesund leben, ist auch McGee auf seine Art clean. "Ich habe meine Playstation verpackt und auf den Schrank gestellt, zu Hause spiele ich nie", sagt er. "Das wäre mir zu viel Eskapismus."

Damit verabschiedet er sich höflich. Die halbvolle Zigarettenschachtel, die er eben erst gekauft hat, feuert er an der nächsten Ecke in einen der strahlend orangefarbenen Berliner Mülleimer.

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