Virtuelles Museum: Stasi live im Internet - DER SPIEGEL
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Virtuelles Museum Stasi live im Internet

Das "Museum in der Runden Ecke" dokumentiert das Wirken, die mitunter wirren, aber so effektiven wie repressiven Methoden der DDR-Staatssicherheit. Jetzt geht es online - und macht so größere Teile seiner Stasi-Dokumentation öffentlich zugänglich, als in den Leipziger Räumlichkeiten möglich wäre.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Falsche Bärte und Perücken, Uniformen und Abhörgeräte, Vorrichtungen zum heimlichen Öffnen von Briefen: Das Bürgerkomitee Leipzig für die Auflösung der ehemaligen Staatssicherheit ermöglicht es jetzt, sich über die Arbeitsweise des DDR-Geheimdienstes zu informieren, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen.

Was bisher nur Besucher der Gedenkstätte "Museum in der Runden Ecke" , des früheren Sitzes der Leipziger Stasi, in Augenschein nehmen konnten, steht jetzt allen Neugierigen im Internet zur Verfügung. Mehr als 1.000 Stücke sind zu sehen, detaillierte Beschreibungen machen die Einsatzgebiete fassbar.

"Die ausgewählten Objekte stammen aus fast allen Sammlungsbereichen und geben einen breiten Überblick über die Arbeitsweise und alle Arbeitsbereiche der kommunistischen Geheimpolizei", erläutert Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee. In den Räumen der Leipziger Staatssicherheit hatten die Mitglieder des Bürgerkomitees nach der Wende umfangreiches Material sichergestellt und zu einer Ausstellung zusammengetragen, die im "Museum in der Runden Ecke" gezeigt wird.

Im Internet ist sogar noch mehr zu sehen: Präsentiert werden hier nämlich auch eine ganze Reihe von Stücken, die aus restauratorischen oder Platzgründen nicht in die ständige Ausstellung integriert sind und der Öffentlichkeit sonst überhaupt nicht zugänglich wären.

"Angesprochen sind mit dem Online-Angebot sowohl interessierte Laien, die sich einen fundierten thematischen Zugang verschaffen können, als auch Fachbesucher mit wissenschaftlichem Interesse", umreißt Hollitzer den Personenkreis, den die Leipziger erreichen wollen.

Zugleich versteht er die Datenbank als Beitrag zur politischen Bildung, auf den Schüler und Studenten bei Recherchen zurückgreifen können. Nicht zuletzt steht die Datenbank auch anderen Gedenkstätten und Museen für die Suche nach Leihgaben für Sonderausstellungen zur Verfügung.

Lowtech-Überwachung: wirkt banal, war brutal

Wie in der Dauerausstellung "Macht und Banalität" lassen die gezeigten Objekte schaudern und zugleich verzweifelt schmunzeln. Wie die Geheimdienstler den Menschen nachstellten, wird angesichts von Telefon-Abhöranlagen und Einrichtungen zum Durchleuchten von Paketen deutlich. In der Mottenkiste wenig einfallsreicher Spionagethriller würde man den Maskierungskasten der Stasi eher vermuten denn als Bestandteil tatsächlicher Spionagetätigkeit.

Wie konnte ein Unterdrückungsapparat funktionieren, der aus Westpaketen Musikkassetten stahl, um sie für die Aufzeichnung abgehörter Telefonate zu verwenden?

Detailliert gibt die Online-Datenbank Antwort auf Fragen wie "Welche Orden und Abzeichen erhielten MfS-Mitarbeiter für ihre Dienste?" oder auch "Wie funktionierte konspirative Fotografie?". Ausführlich werden nicht nur die dargestellten Objekte beschrieben und ihre Funktionsweise erklärt, zugleich wird auf weitere virtuelle Ausstellungsstücke verwiesen. Doch damit nicht genug: In Querverweisen werden besondere Begriffe wie etwa der der "Operativen Personenkontrolle" erläutert, kann der Besucher der Datenbank erfahren, wie sich die Stasi zusammensetzte, welche Aufgaben die einzelnen Abteilungen hatten.

Finanziell unterstützt wurde der Aufbau der bundesweit sicher einmaligen Datenbank von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Vor allem auch nachkommende Generationen würden durch sie in die Lage versetzt, sich umfassend über den Geheimdienst der SED-Diktatur zu informieren, sagte Sabine Roß von der Bundesstiftung anlässlich der Freischaltung. "Wir hoffen, dass es dem Museum gelingt, die Datenbank sukzessive auszubauen", erklärte sie.

"Die Mitarbeiter der Gedenkstätte arbeiten bereits daran, die Objektzahl mehr als zu verdoppeln", versichert Hollitzer. Hinzuzufügen gibt es genug: Insgesamt umfasst die Sammlung des Leipziger Bürgerkomitees, das neben dem Museum in der Runden Ecke auch den ehemaligen Stasibunker in Machern bei Leipzig betreut, mehr als 40.000 Objekte. "Da aufgrund der beschränkten räumlichen Möglichkeiten nur ein Bruchteil dieser Objektfülle in Ausstellungen gezeigt werden kann, möchten wir mit unserer Datenbank die Möglichkeit geben, virtuell in unseren Magazinen zu stöbern und so einen Blick hinter die Kulissen der Ausstellungen zu werfen."

Jörg Aberger, AP