Web-Comics "Wir wollen eure Hirne melken"
Auf der Leipziger Buchmesse kam er sich kürzlich doch etwas verloren vor. Aber schließlich sind Comics auch Literatur, und was macht es schon, dass sie in diesem Fall nicht einmal gedruckt vorliegen? Hans Wastlhuber lässt seinen "Testballon", wie er "cOiNTEL" gerne nennt, eben auch in fremder Umgebung fliegen.
Zusammen mit seinem Kommilitonen Hannes Niepold hat der Medien-Student der Weimarer Bauhaus-Universität im Rahmen einer Seminar-Arbeit Comic-Art fürs Internet entwickelt - beziehungsweise die Grundlagen dafür programmiert. Denn an der Entstehung der Comics darf sich jeder beteiligen. Über 600 Internetnutzer aus 24 Nationen haben sich schon beteiligt.
Kreativer Prozess mit demokratischem Regulativ
Die Geschichten wachsen wie ein Baum. Man kann an einem beliebigen Punkt einsteigen und einen Strip in jede Richtung weiterspinnen. So entstehen immer wieder neue Comic-Zweige. Allerdings muss man sich mit jedem neuen Bild erst einmal der Abstimmung der anderen Nutzer stellen. Die Interaktivität wird gepaart mit Basisdemokratie.
Fällt die Abstimmung knapp aus, wird das Bild schlicht der Anfang eines neuen Comic-Astes. "Es ist in erster Linie ein Assoziationsspiel und ein Test für neue Kooperationsformen", sagt der 23-jährige Hans Wastlhuber. "Schließlich spricht zwar alle Welt von Interaktivität, aber meist ist das eine leere Worthülse." Ein Motto der "cOiNTEL"-Macher lautet denn auch: "Wir wollen eure Hirne melken".
Nicht jugendfrei
Natürlich sieht der Comic-Baum ziemlich chaotisch aus. Schließlich stammt jedes Bild von einem anderen Zeichner. Da sieht sich Superman schon einmal einem kettensägenden Schildkrötenmörder gegenüber. Oder Außerirdische betrachten die Erde als Drive-in für Marihuana. "Jugendfrei" ist augenscheinlich kein Etikett, das "cOiNTEL" für sich beanspruchen könnte.
Wenn ein Mann sich selbst entmannt, scheint zudem die Grenze des guten Geschmacks überschritten - aber auch die ist eben eine Abstimmungsfrage. Gesprochen wird in den Strips wenig, meist beschränken sich die Sprechblasenkommentare auf ein "Slurp" oder "Grrr". Schließlich will man keine Sprachbarrieren errichten.
Ein wirres Web ist also entstanden, man mag es auch Chaos, Trash oder Nonsens nennen. Der Spaßfaktor ist hoch, der Sinn selten klar. Aber wer sich erst mal auf die Sinnsuche begeben hat, ist schnell versucht, mitzuzeichnen und den derzeit rund 500 Schwarz-Weiß-Bildern ein weiteres hinzuzufügen.
Das findet sogar Comic-Guru Scott McCloud "auf seltsame Art und Weise faszinierend". Der US-Amerikaner, der das viel beachtete Werk "Understanding Comics" (deutscher Titel: "Comics richtig lesen") geschrieben beziehungsweise gezeichnet hat, hat "cOiNTEL" sogar in seine persönliche Top-Ten-Liste aufgenommen.
Im Namen des FBI...
Eine zusätzliche Besonderheit des innerhalb von zwei Monaten entstandenen Web-Comic-Projekts ist sein Name, dessen Bedeutung auf der Website allerdings nicht erklärt wird. Nicht nur, dass er aus Groß- und Kleinbuchstaben besteht, aus "Gründen der Ästhetik", und damit niemand an eine eigenwillige englische Abkürzung für Münzfernsprecher denkt. Er ist auch ein Seitenhieb aufs amerikanische FBI, beziehungsweise bei eben diesem abgekupfert.
In den sechziger Jahren hatte der Geheimdienst ein Programm aufgelegt, das "Cointelpro" hieß. Die Abkürzung steht für Counterintelligence Programme. Allerdings betrieb man dabei keine Gegenspionage, wie der Name es nahe legt, sondern wollte radikale politische Oppositionsgruppen im eigenen Land bekämpfen.
Der Bezug zum Comic ist gegeben: Zur psychologischen FBI-Kriegsführung gehörte unter anderem ein gefälschtes Malbuch, das der Black Panther Party zugeschrieben wurde und gewalttätige schwarze Kids zeigte.
Beim studentischen "work in progress"-Projekt kann die Silbe "co" für Comic stehen oder auch für Cooperation. "Intelligence" bleibt in jedem Fall angesagt. Denn, so ein weiteres Motto: Die Zukunft ist noch nicht gezeichnet.